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„Kultur ist die Basis des Menschseins“

Große Oper, konzertant aus dem Forum-Theatersaal: Der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert in dieser Woche „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss mit hochkarätigem Ensemble. Wir haben mit ihm gesprochen.

Cornelius Meister. Foto: Marco Borggreve/p
Cornelius Meister. Foto: Marco Borggreve/p

Ludwigsburg. Die Staatstheater veranstalten am kommenden Sonntag einen virtuellen „Ariadne-Tag“ rund um die 1912 in Stuttgart uraufgeführte Richard-Strauss-Oper. Hauptattraktionen sind die vom Staatsorchester gespielte Orchestersuite „Der Bürger als Edelmann“ und der Livestream der „Ariadne auf Naxos“ ab 18 Uhr aus dem Ludwigsburger Forum. Wir sprachen mit dem Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister.

Herr Meister, können Sie sich noch erinnern, wann Sie zum letzten Mal mit dem Staatsorchester vor Publikum in der Oper und in der Liederhalle gespielt haben?

Cornelius Meister: Im Oktober 2020 war das. Aber ich gehöre nicht zu denjenigen, die Studio-Produktionen und digitale Formate per se für etwas Minderwertiges halten. In meiner Zeit beim Wiener Radio-Sinfonieorchester von 2010 bis 2018 habe ich viel Zeit mit CD- und Fernsehproduktionen verbracht und damit ein weltweites Publikum in den Wohnzimmern erreicht. Das ist für mich kein Publikum zweiter Klasse. Aus diesem Grund freue ich mich sehr auf unsere konzertante „Ariadne“, die live aus dem Ludwigsburger Forum übertragen und international abrufbar sein wird. Am Mittwoch haben wir hier vormittags und abends die Orchestersuite „Der Bürger als Edelmann“ von Richard Strauss aufgezeichnet, am Sonntag folgt danach ab 18 Uhr der Livestream von „Ariadne auf Naxos“.

Sie haben schon vor einem Jahr, zu Beginn der Pandemie, mehr Spielmöglichkeiten für das Staatsorchester gefordert. Warum ist da, auch mit Livestreams, so relativ wenig passiert?

Aber wir waren doch so aktiv, dass viele andere Orchester bei uns angerufen haben, um zu fragen: Wie macht ihr das? Ich bin nicht der Meinung, dass ein Online-Livestream eine analoge Aufführung mit Publikum ersetzen könnte, aber als zusätzliches Angebot wird er auch künftig seine Berechtigung behalten. Das Publikum kann sich bei uns in einem „virtuellen Foyer“ treffen – mit Zuschauern aus aller Welt, nicht nur mit den Besuchern, die ich sonst üblicherweise in der Konzertpause treffe. Wer möchte, kann seine Kamera dazu einschalten, niemand muss dies aber. Wer noch nie in einer Oper oder in einem Symphoniekonzert war, überwindet seine Scheu vielleicht einfacher, wenn die Aufführung nur einen Klick am PC entfernt ist. Außerdem ermöglichen unsere digitalen Angebote Familien den Opern- und Konzertbesuch. Gerade Kinder erzählen uns oft, wie spannend es für sie ist, Orchestermusiker und ihre Instrumente in Großaufnahme zu sehen. Neulich sagte mir ein Grundschüler: „Ihr Taktstock sieht aus wie ein Corona-Teststäbchen für Riesen.“

Hat sich für das Staatsorchester an den coronabedingten Abstandsregeln inzwischen etwas geändert?

Nach wie vor musizieren wir auf riesigem Abstand und verzichten, auch in den Pausen, auf jeden näheren Kontakt. Alle Sängerinnen und Sänger nehmen zusätzlich an einem ausgefeilten und engmaschigen Testkonzept teil, das es ihnen ermöglicht, die Abstände, wenn es künstlerisch notwendig ist, zu verringern. Da sich alle verantwortungsbewusst verhalten, hat sich unter den 1400 Kolleginnen und Kollegen der Stuttgarter Staatstheater in den letzten 13 Monaten niemand während der Arbeit angesteckt.

Hatten Sie persönlich die Möglichkeit, während dieses Corona-Jahres anderorts Dirigate wahrzunehmen?

Relativ viel sogar, aber immer nur einzelne Aufführungen: statt 15 „Zauberflöten“ an der Pariser Oper nur eine einzige im Livestream, statt zwölf Aufführungen an der Wiener Staatsoper nur eine einzige im Fernsehen. Wir Kulturschaffenden müssen in jeder Hinsicht flexibel bleiben, aber von der Gesellschaft als Ganzer erwarte ich, dass sie Kultur als die Basis des Menschseins nie aus den Augen verliert. Jeder einzelne braucht Kultur, und zwar nicht nur bei Schönwetter, sondern gerade in Krisen, seien es Epidemien oder persönliche Tiefschläge, vor allem aber, wenn beides zusammenfällt. Ich empfinde es täglich als Privileg, musizieren zu können. An diesem Privileg möchte ich so viele Zuhörenden wie irgend möglich teilhaben lassen.

Wie lebendig wird die konzertante „Ariadne auf Naxos“ aus dem Forum?

Um den dramatischen Ausdruck geht es mir in jeder Aufführung. Ich schätze fantasievolle Bühnenbilder und hilfreiche Requisiten, aber eine spannende Geschichte lässt sich auch ohne sie erzählen. Insofern freue ich mich an quicklebendigen Sängerinnen und Sänger, die gerade nicht stocksteif an der Rampe stehen, sondern auswendig singend miteinander agieren. Das Stuttgarter Ensemble war zuletzt mit konzertanten Opernaufführungen von „Ariadne auf Naxos“ in der Kölner Philharmonie und von „Don Giovanni“ in Stuttgart erfolgreich.

Die Rolle des Haushofmeisters verkörpert Harald Schmidt. Eine Paraderolle für den Schauspieler und Entertainer?

Bereits vor zwei Jahren haben wir die Oper gemeinsam aufgeführt, aber trotzdem proben wir dieser Tage erneut ganz intensiv miteinander, gestern schon um 8 Uhr morgens. Ich bewundere Harald Schmidt seit vielen Jahren. Er ist ein ganz Großer.

Von der Aufführungsserie 2019 sind einige Stars wie Simone Schneider als Ariadne und Beate Ritter als Zerbinetta dabei. Aber es gibt auch Rollendebüts...

Besonders freuen wir uns auf Benjamin Bruns, als David in den „Meistersingern“ und im Mozart-Fach weltberühmt. Jetzt aber ist für ihn der Moment zum Sprung ins Bacchus-Fach gekommen. Am Sonntag gibt er sein Rollendebüt, im Mai singt er den Bacchus auch an der Bayerischen Staatsoper. Simone Schneider, Beate Ritter, Pawel Konik und viele weitere als feste Ensemblemitglieder an der Staatsoper zu haben, ist ein großes Glück. In „Ariadne“ können sie sich in ihren Paraderollen zeigen.

Was glauben, was hoffen Sie, bis zur Sommerpause noch mit dem Staatsorchester aufführen zu können?

Ganz viel! Was unsere Aufnahme-Aktivitäten, eventuell auch im Livestream, anbetrifft, planen wir aber recht kurzfristig. Wenn Aufführungen mit Publikum im Saal möglich würden, hätte dies natürlich Vorrang, denn wir brennen darauf und sind präpariert. Wenn bald die Freiluftsaison beginnt, gibt es hoffentlich auch die eine oder andere Möglichkeit open-air. An Kreativität und Impetus mangelt es uns nach wie vor nicht. Vor einigen Wochen habe ich angeboten, den ganzen „Ring“, Szene für Szene, am Klavier für Mitglieder jeweils eines Haushalts zu spielen, aber bisher wurde dies leider noch nicht erlaubt.

Info: Die Anmeldung zum „Ariadne-Tag“ und Livestream am Sonntag, 11. April, ist im Internet unter www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/oper-trotz-corona möglich. Das Angebot ist kostenlos.

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