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Kultur per Stream vom Bodensee

Mit Kreativität trotzen drei Brüder aus Besigheim dem Corona-Lockdown, um ihren gerade erst begonnenen gemeinsamen Traum am Leben zu erhalten: ein Gastronomie- und Kulturbetrieb in einer ehemaligen Werft am Bodensee.

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Drei Brüder, ein Unternehmen: Emanuel, Julius und Johannes Unser (von links). Fotos: Rudolf Nabu/p
Drei Brüder, ein Unternehmen: Emanuel, Julius und Johannes Unser (von links). Foto: Rudolf Nabu/p

Besigheim. „Wir sind nicht Unternehmer geworden, um uns vor Herausforderungen zu drücken“, sagt Emanuel Unser selbstbewusst. Dabei haben er und seine beiden Brüder Johannes und Julius alles andere als einen günstigen Zeitpunkt erwischt für die Eröffnung ihres gemeinsamen Restaurants (wir berichteten). Am 3. August 2020, mitten im Corona-Krisenjahr, haben die Geschwister aus Besigheim ihre ersten Gäste in der „Werft 1919“ in Kressbronn willkommen geheißen. Trotzdem hätten sie einen „imposanten Start“ gehabt – zumindest bis zum zweiten Lockdown im November.

Rund zwei Jahre hat der Umbau der ehemaligen Werft am Bodensee zur Gaststätte gedauert. Die Kosten übernahmen die Gemeinde Kressbronn und das Land. Die Ideen brachten die Brüder ein, die zuvor mit ihrem Konzept für das denkmalgeschützte Gebäude die Kommune auch von sich als Pächter überzeugen konnten und damit in einem Wettbewerb die Konkurrenz aus dem Feld stachen. Für die Verwirklichung ihres Traums, gemeinsam ein Unternehmen aufzuziehen, ließ Emanuel Unser seinen Job bei einem Ingenieurdienstleister in der Schweiz sausen, wo der 33-jährige studierte Mechatroniker ein 40-köpfiges Team leitete. Julius, mit 29 Jahren der Jüngste der Drei, stieg nach seinem Studium der Kraftfahrzeugtechnik ein. Johannes (36) sollte nach den Plänen des Trios ursprünglich als gelernter Koch mit eigenem Restaurant in Liechtenstein lediglich sein gastronomisches Fachwissen einbringen. Doch nachdem er wegen Corona seine Existenz im Fürstentum verlor, ist er nun voll und ganz beim brüderlichen Betrieb am Bodensee dabei. Sein Ressort ist die Kulinarik, während Julius sich um die Theke im Restaurant und um die Technik kümmert. Emanuel ist für Events und Kultur sowie Geschäftsführung und Marketing zuständig.

Gemeinsam ist ihnen der unbändige Glaube an ihren Erfolg: „Wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Corona habe sie stärker zusammengebracht. Emanuel sieht in der Pandemie zudem eine „Riesenchance“. Selbstbewusster könne das Gastgewerbe als Branche daraus hervorgehen, indem es nach dem Lockdown für seine Arbeit das verlange, was diese tatsächlich wert sei. Doch bis dahin heißt es durchhalten. Dafür lassen sich die Unsers einiges einfallen, setzen auf Regionalität und achten auf Umweltschutz. So haben sie mit dem „Werftmarkt“ einen eigenen Onlineshop eröffnet, in dem sie selbst gemachte Produkte verkaufen, und stehen mit ihren Waren auch auf dem Kressbronner Wochenmarkt. Für diese verarbeiteten sie Erzeugnisse aus der Region von Landwirten, die sie persönlich kennen. Jedoch steckten in Obstmusen und Schnäpsen auch selbst geerntete Früchte von Besigheimer Streuobstwiesen ihrer Familie, erzählt Johannes Unser. Um noch regionaler zu werden, seien sie auf der Suche nach eigenen Obstwiesen am Bodensee. Für ihr Take-away-Geschäft mit Speisen, die man sich in der Werft abholen oder bringen lassen kann, komme ebenfalls fast ausschließlich Regionales in die Töpfe und man wolle sich zunehmend saisonal ausrichten. Ausgeliefert werden Bestellungen mit einem Elektroauto und in einem speziellen Gussgeschirr, das gegen Pfand verliehen wird. „Aber letztendlich ist all das ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Julius Unser. Dennoch sei es wichtig, etwas anzubieten. „Einfach, um nicht vergessen zu werden.“ So sind die Brüder trotz anhaltendem Lockdown dran, für die zu einem Veranstaltungssaal umgebaute ehemalige Sliphalle ein erstes Kulturprogramm auf die Beine zu stellen mit Konzerten, Theater und Kabarett. Dabei würden unter anderem auch neue Talente auftreten, welche sie selbst gecastet hätten, kündigt Emanuel Unser an. Start ist am 28. April mit dem Duo „Newphonium“, zunächst als Streaming. Später, wenn die Coronaverordnungen es zuließen, wieder Gäste zu empfangen, wolle man die Veranstaltungen in Kombi-Versionen anbieten, diese also weiterhin auch per Internet übertragen. „So hat man auch in Besigheim etwas davon.“ Um Künstlergagen, Gema-Gebühren, Technik et cetera finanzieren zu können, haben die Brüder ein Crowdfunding ins Leben gerufen. 30000 Euro hoffen sie, auf diese Weise an Spenden zusammenzubekommen.

Info: Weitere Informationen zur „Werft 1919“ und dem Kultursommer gibt es unter www.werft1919.com beziehungsweise www.startnext.com/werft1919kultursommer.

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