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Kunstgeschichte: Wo ließ sich Eberhard Ludwig inspirieren?

Wer heute ein Haus baut, hat Tausende Möglichkeiten sich zu informieren. Im Internet, in Broschüren und auf Messen zum Beispiel. Aber das Ludwigsburger Residenzschloss wurde bereits vor 300Jahren geplant und gebaut. Herzog Eberhard Ludwig und sein Architekt konnten nicht einfach online nach Inspiration suchen. Woher wussten sie also, was sie haben wollten? Unter anderem dieser Frage ist die Stuttgarter Kunsthistorikerin Ulrike Seeger nachgegangen.

Ulrike Seeger mit ihrem 500-seitigen Buch über das Residenzschloss. Foto: Holm Wolschendorf
Ulrike Seeger mit ihrem 500-seitigen Buch über das Residenzschloss. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Man kann es sich heutzutage kaum vorstellen: Ludwigsburg ohne das Residenzschloss. Aber es gab eine Zeit, mehr als 300Jahre ist es her, dass sich Herzog Eberhard Ludwig dazu entschieden hat, ein Schloss zu bauen. 1704 begann der Schlossbau – das ist genau die Zeit, die die Kunsthistorikerin Ulrike Seeger besonders interessiert. Sie kommt aus Stuttgart, kannte Ludwigsburg also schon vor ihrer Recherche. „Aber eigentlich kam ich über Wien nach Ludwigsburg“, sagt sie schmunzelnd. Ihre Habilitation hat sie über Prinz Eugen von Savoyen, der seine letzten Jahre in Wien verbracht hatte, geschrieben. Bei der Recherche dafür stieß sie in der Württembergischen Landesbibliothek auf französische Stiche. „Ich habe mir sofort gedacht, dass die für das Schloss Ludwigsburg waren“, erzählt Seeger. Sie vermutete, dass die Bilder Eberhard Ludwig inspirierten. Diesen Gedanken habe sie immer im Hinterkopf gehabt und schließlich angefangen, das Ludwigsburger Schloss zu erforschen.

„Das Schloss ist wirklich einzigartig“, sagt Ulrike Seeger. Und das liege daran, dass sich die Bauherren aus unterschiedlichen Richtungen haben inspirieren lassen. Die Künstler wie Maler und Stuckateure waren Italiener, die in Prag ansässig waren. Johann Friedrich Nette, der ab 1706 als Architekt in Ludwigsburg war, kam aus Berlin und brachte Ideen vom Bau des dortigen Stadtschlosses mit. Und Georg Friedrich von Forstner, der zu dieser Zeit Oberhofmarschall in Ludwigsburg und ein enger Vertrauter Eberhard Ludwigs war, kam aus Mömpelgard, das heute Montbéliard heißt. Er sprach Französisch und brachte Eindrücke aus Paris mit in die Planungen.

Forstner war es auch, der die Forschungen von Ulrike Seeger ein ganzes Stück weiterbrachte. Denn von ihm sind viele Briefe erhalten. Die halfen der Kunsthistorikerin, die Löcher zwischen den Rechnungsbüchern zu stopfen. Diese Bücher seien zwar sehr gut geführt und deshalb die beste Quelle gewesen. Jedoch waren sie nicht lückenlos erhalten. Die Archivare hätten irgendwann einmal beschlossen, diese nur in Fünferschritten aufzubewahren. Das Buch von 1709/10 verrät viel über den Bau des alten Corps de Logis. Das nächste Rechnungsbuch zeigt aber erst wieder die Ausgaben, als 1714/15 der Riesenbau entstand. „Das Loch dazwischen habe ich versucht, mit anderen Quellen zu stopfen“, so Ulrike Seeger.

Da kamen die Briefe von Oberhofmarschall Forstner gerade recht. Als etwa 1711/12 der Ordensbau gebaut wurde, war Eberhard Ludwigsburg beim spanischen Erbfolgekrieg. Forstner musste ihn also über Briefe auf dem Laufenden halten. Mehrere Monate hat Seeger gebraucht, um die Schrift des Oberhofmarschalls lesen zu können. Es habe sich aber gelohnt, vieles, was den Bau und die Ausstattung des Schlosses betrifft, konnte sie aus diesen Briefen herausholen. „Dem Oberhofmarschall bin ich sehr nahe gekommen“, berichtet die Kunsthistorikerin. Die Briefe seien sehr emotional gewesen. Seeger hat alle Briefe abgeschrieben und digitalisiert. Das habe ihr sehr viel geholfen, denn so konnte sie Bezüge zwischen den Schriften herstellen. Auch schon vor 100Jahren hätten Forscher die Briefe Forstners gelesen. Der Digitalisierung sei Dank habe sie nun aber Dinge erkannt, die zuvor noch niemand gesehen hatte.

Die Ausgangsfrage für ihre Forschungen war für Ulrike Seeger folgende: Woher wussten die Bauherren, wie sie solch ein Schloss zu gestalten haben? Dabei spielten verschiedene Dinge eine Rolle, erkannte die Kunsthistorikerin. Große Bedeutung hatten Druckgrafiken. Auf diesen waren etwa Details der Einrichtung eines Schlosses und Musterentwürfe festgehalten, die man als kleine Heftchen kaufen konnte, um sich inspirieren zu lassen. Der französische Hof habe ein besonders hohes Niveau an Druckgrafiken gehabt, so Seeger. Der Oberhofmarschall Forstner war 1709 vier, fünf Wochen in Paris und hat dort viel Geld beim französischen Buchhändler Denis Mariette ausgegeben. Das sei im entsprechenden Rechnungsbuch vermerkt. Ulrike Seeger ist sich sicher, dass er dort die Grafiken erworben hat.

Neben den Druckgrafiken habe man sich früher auch an anderen Schlössern orientiert – und zwar immer an höherrangigen Höfen. „Man kann erkennen, dass Eberhard Ludwigsburg enorm auf kurfürstliche und königliche Höfe geschaut hat“, so Seeger. Vor allem das Stadtschloss in Berlin sei ein wichtiger Referenzhof gewesen. „Es war ein Glücksfall, dass der Architekt Nette direkt von Berlin kam“, sagt sie. Die Gemeinsamkeiten zwischen Ludwigsburg und Berlin sind zum Beispiel im Ordenssaal zu erkennen. Zu Zeiten Eberhard Ludwigs hieß dieser Rittersaal, wie der große Saal in Berlin. Über den Türen waren Stuckfiguren angebracht, die die vier damals bekannten Erdteile darstellen sollten – auch wie in Berlin.

Ulrike Seeger forschte zehn Jahre lang zum Residenzschloss, fünf Jahre erhielt sie dafür ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte an der Universität in Stuttgart und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland. Für die Arbeit über das Schloss Ludwigsburg hat Seeger extra Tschechisch gelernt. Bei den Recherchen zu den Künstlern, die in Prag ansässig waren, „wollte ich kein Fremdkörper bleiben“, sagt sie. Die Publikation über das Residenzschloss soll nicht nur ihre Ergebnisse für Ludwigsburg festhalten. „Es zeigt auch, wie die Prinzipien an anderen reichsfürstlichen Höfe sind“, sagt sie.

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