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Lange Lieferzeiten und teurer Einkauf

Michael Vöhringer in der Werkstatt der Ludwigsburger Schreinerei Kirnbauer, die er zusammen mit Peter Dieterich führt. Foto: Andreas Becker
Michael Vöhringer in der Werkstatt der Ludwigsburger Schreinerei Kirnbauer, die er zusammen mit Peter Dieterich führt. Foto: Andreas Becker
Materialmangel und Preiserhöhungen durch Lieferanten: Die schwierige Lage in der Branche hat Auswirkungen auf Betriebe und Endkunden

Kreis Ludwigsburg. Kauft der Schreinermeister und Holztechniker Michael Vöhringer am Markt etwa einen Quadratmeter Spanplatte, zahlt er heute etwa sechs Euro dafür. Vor der Coronakrise waren es rund vier Euro – der Preis für Spanplatten hat sich in den vergangenen beiden Jahren drastisch erhöht, ebenso wie anderes Material. Teilweise ist es um bis zu 50 Prozent teurer geworden. Spanplatten sind nur eines von vielen Beispielen, wie sich Preise im Handwerk erhöht haben.

Vöhringer leitet zusammen mit Peter Dieterich die Bau- und Möbelschreinerei Kirnbauer im Ludwigsburger Stadtteil Pflugfelden. Zwar bekomme der Betrieb weiter Material, „aber es wird im Einkauf ständig teurer“. Das schlage sich auf die Endpreise für Kunden nieder: „Unsere Möbel werden teurer.“

Außerdem gebe es längere Lieferzeiten: „Was früher in vier Wochen da war, braucht jetzt acht Wochen“, sagt Vöhringer. Ein Beispiel: Sein Handwerksbetrieb montiert auch Türen – bis die aber geliefert werden, dauere es „doppelt so lange wie vor zwei Jahren.“ Die Gründe: „Der Bauboom und Produktionsschwierigkeiten bei den Herstellern, die wegen Corona nicht mehr über so viele Rohstoffe verfügen.“ Türen würden nicht auf Lager gelegt, weil diese nur auftragsbezogen bestellt werden könnten.

Dagegen sei das Lager mit anderen Materialien gefüllt worden, um lange Lieferzeiten zu umgehen und bei Engpässen weiterarbeiten zu können. Auch das verursache Mehrkosten: „Wir finanzieren Materialien vor, die wir noch nicht mal verkauft haben“, so Vöhringer. Die Materialbeschaffung sei schwieriger geworden: Habe er früher für einen Auftrag Material bestellt, sei es zum Großteil von einem Lieferanten gekommen. „Mittlerweile muss ich bei vier verschiedenen Lieferanten bestellen.“ Im Handwerk, sagt der 49-Jährige, „ist der Aufwand größer geworden für das gleiche Ergebnis wie vorher“. Kunden müssten derzeit acht bis zwölf Wochen nach Erteilung des Auftrags warten, bis sie ihr Möbelstück haben.

Auch die Firma Strobel spürt den Materialmangel stark. „Wir haben viele Aufträge, die wir aber nur schwer abarbeiten können, weil uns das Material fehlt“, sagt Glasermeisterin und Ausbilderin Lena Strobel. Ihre Schwester Laura und ihr Vater Jörg führen den Ludwigsburger Fachbetrieb für Glas, Fenster und Metallbau. Er ist wie die Schreinerei Kirnbauer und acht weitere Meisterbetriebe im 1976 gegründeten Arbeitskreis Ludwigsburger Handwerker vernetzt.

Über die schwierige Lage am Markt sagt Lena Strobel weiter, dass Arbeiten nicht fertiggestellt werden könnten, weil beispielsweise Motoren für Rollläden oder Schalter zum Bedienen der Rollläden fehlten. „Wir hatten lange auch Schwierigkeiten mit Glaslieferungen. Teilweise mussten wir doppelt oder dreifach so lange auf eine Scheibe warten wie üblich.“ Zudem erhöhten Lieferanten ihre Preise, das betreffe alle Bereiche – vom Glas, Holz und Kunststoff über Beschlagsteile und Schrauben bis zu Dichtstoffen. Strobel: „Das macht das Kalkulieren der Angebote erheblich schwieriger.“ Beispiel Stahl, der als Verstärker in Kunststofffenstern verbaut ist: „In diesem Bereich ist der Preis in eineinhalb Jahren um 250 Prozent gestiegen.“ Kunden fragten „natürlich nach, wieso jetzt ein Fenster so viel teurer ist wie noch vor ein bis zwei Jahren“. Bei größeren Objekten weise man frühzeitig „auf eventuelle Preiserhöhungen“ hin; ansonsten „versuchen wir, unsere Angebotspreise zu halten“, so Strobel.

Weil es derzeit länger dauere, bis Einzelteile geliefert werden, und weil die Produktion eines Fensters bis zu sechs Wochen dauere, müssten Kunden auch länger auf ein neues Fenster warten – im Schnitt drei Monate, „aktuell eher mehr“, sagt die Glasermeisterin. Bei Reparaturen komme ein Handwerker in zwei bis drei Wochen, in Notfällen auch schneller.

Auch Kunden der Firma Rolladen Friedrich, ein Fachbetrieb in Löchgau, müssen derzeit länger warten – aus verschiedenen Gründen, die nun alle zusammengekommen sind: Personalmangel (siehe Artikel rechts), mehr Aufträge in der Coronazeit, Materialmangel, Lieferengpässe. Und, wie Regine Friedrich sagt, nicht zu vergessen „der immer höhere bürokratische Aufwand für Betriebe, immer mehr Regeln und Vorgaben durch den Gesetzgeber, nicht nur, aber auch in der Coronazeit“.

Regine Friedrich, erste Vorsitzende der Unternehmerfrauen im Kreis Ludwigsburg, ist kaufmännische Angestellte in dem Betrieb, den ihr Mann Jörg als Geschäftsführer leitet – in einer schwierigen Zeit. Beispiel Lieferengpässe: Im Juni 2021 bestellte das Ehepaar für Juli Rollladenmotoren für eine Baustelle – geliefert wurden sie erst im September. Beispiel Materialmangel: „Kleine Komponenten, die fehlen, stoppen die ganze Lieferkette“, sagt Friedrich. So sei das beispielsweise bei Fenstern und Markisen. Oder bei Komponenten, mit denen das Gewebe von Insektenschutzgittern beschichtet werde: Weil die bei einem Vorlieferanten gefehlt hätten, habe das den gesamten Prozess verzögert.

Bei Reparaturen gebe es Wartezeiten „von mindestens drei bis vier Wochen“, außerdem würden nur noch Bestandskunden bedient, so Friedrich. Die Montage sei früher nach sechs bis acht Wochen beendet gewesen, jetzt dauere sie bis zu einem halben Jahr – wegen all der Probleme in der Branche, aber auch die Witterung spiele hier natürlich eine Rolle.

Lange Wartezeiten widersprächen dem Ethos des Handwerksbetriebs, sagt Friedrich: „Wir sind Dienstleister, das ist unsere Grundeinstellung. Erteilte Aufträge möchten wir zügig abwickeln.“ Doch die schwierigen Bedingungen derzeit „können wir nicht beeinflussen. Das macht die Arbeit schwierig.“

Zusatztext:

Lena Strobel macht auf der Ausbildungsmesse in Ludwigsburg häufig eine Erfahrung: Viele der jungen Besucher dort „wissen gar nicht, dass es den Beruf des Glasers gibt oder was ein Glaser wirklich macht. Und natürlich bewirbt sich niemand auf eine Ausbildung in einem Beruf, den man nicht kennt.“

Strobel ist Glasermeisterin und Ausbilderin in der 1931 gegründeten gleichnamigen Glaserei in Ludwigsburg. Zwar habe der Betrieb derzeit genug Lehrlinge. Aber: „Uns hat es lange an guten Auszubildenden gefehlt. Und das wird auch wieder so werden.“ Denn nicht nur sei der Glaserberuf zu unbekannt, sondern das Image des Handwerks allgemein nicht allzu gut, „die Arbeit zu schwer, der Lohn zu gering. Viele Jugendliche möchten studieren oder gehen in die Industrie.“ Letztere, sagt Strobel, „ist ein zu starker Konkurrent. So viel Lohn können wir im Handwerk nicht bezahlen.“

Strobel macht sich Sorgen um die Zukunft: „Wir sind nur noch ein paar Jahre personell gut aufgestellt.“ Dann gingen „nacheinander“ immer mehr langjährige Mitarbeiter in Rente. „Aber gut ausgebildeter Nachwuchs fehlt dafür.“

Dieses Problem sieht auch Michael Vöhringer auf seinen Betrieb zukommen: Gehen Mitarbeiter in Rente, wird es schwierig, die Stellen mit qualifizierten Nachfolgern zu besetzen. Auf eine Ende Januar in der Zeitung geschaltete Stellenanzeige sei bisher nur wenig Resonanz gekommen. Vöhringer braucht derzeit ohnehin einen Mitarbeiter mehr, weil es so viele Aufträge gibt: „Wir sind zehn bis zwölf Wochen im Voraus ausgebucht.“ Die Schreinerei arbeite viel im Privatbereich und Innenausbau und nicht mit Subunternehmen zusammen, „wir brauchen gute eigene Leute. Aber die Guten sind alle schon versorgt“, so Vöhringer.

Hinzu kommt die laut dem Schreinermeister zu kurze Verweildauer von Lehrlingen in der Firma. Die meisten junge Leute sähen eine Ausbildung im Handwerk „als Sprungbrett, sie gehen danach weg, weil sie studieren, sich schnell weiterbilden oder auf die Meisterschule gehen wollen“, so Vöhringer. Ein aktueller Azubi im zweiten Lehrjahr etwa wolle nach seiner Ausbildung ein holztechnisches Studium machen, „weil er zu wenig Verdienstmöglichkeiten und Perspektiven im Handwerk sieht“.

Doch manche gingen auch den umgekehrten Weg – Bewerber um eine Lehrlingsstelle, die nach dem Studium „nicht in einem trockenen Bürojob, sondern mit den eigenen Händen arbeiten wollen, die jeden Tag etwas erschaffen und kreativ sein wollen“, so Vöhringer.

„Die Möglichkeiten im Handwerk sind riesig“, sagt auch Regine Friedrich von der Firma Rolladen Friedrich in Löchgau. Doch habe das Handwerk „nicht den Stellenwert, den es verdient, es wird oft abschätzig betrachtet.“ Ein gesellschaftliches Umdenken sei nötig; dazu gehöre auch, Schüler auf handwerkliche Berufe hinzuweisen und vorzubereiten – was laut Friedrich vor allem in Gymnasien aber zu wenig geschehe.

Ihrer Firma fehle „eindeutig“ passendes Personal, „seit zehn Jahren schon“, sagt Regine Friedrich: „Es ist sehr schwierig, Fachkräfte zu bekommen.“ Vor fünf Jahren arbeiteten vier Monteure in dem Betrieb, jetzt sind es zwei – und das in einer Zeit, in der es deutlich mehr Aufträge als vor Corona gebe.

Weil die Suche nach Fachkräften seit längerem erfolglos ist, muss Geschäftsführer Jörg Friedrich (Regine Friedrichs Ehemann), eigentlich mit Büro- und Beratungsarbeit ausgelastet, auch selbst mit auf Baustellen. Aber der Mann kennt sich ja auch aus – der 52-Jährige ist Meister im Glaserhandwerk, im Rollladen- und im Jalousienbau. (wd)