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Langer Kampf um die Normalität

Die Förderung der Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben ist nach wie vor unzureichend. Betroffene Familien müssen sich oft hart erkämpfen, was für andere selbstverständlich ist. So wie Familie Buch aus Freiberg. Sie setzt sich dafür ein, dass ihre siebenjährige Tochter Liv ganz normalen Unterricht in einer allgemeinen Schule bekommt.

Die siebenjährige Liv möchte in eine ganz normale Schule gehen. Foto: Ramona Theiss
Die siebenjährige Liv möchte in eine ganz normale Schule gehen. Foto: Ramona Theiss

Freiberg. „Livs Start ins Leben war sehr schwer“, sagt Mary Buch und berichtet im Gespräch mit unserer Zeitung von der Behinderung ihres Kindes. Es wurde mit einem Gewicht von nur 1000 Gramm und einer Speiseröhrenerkrankung geboren. Die Prognosen waren niederschmetternd. Doch die Ärzte haben um das Leben des Mädchens gekämpft. Ganze neun Monate nach ihrer Geburt konnten die Buchs ihre Tochter erstmals mit nach Hause nehmen. Um atmen zu können, braucht sie ein Tracheostoma. Das heißt: Per Luftröhrenschnitt und einer Kanüle im Hals wird dafür gesorgt, dass sie genügend Luft zum Atmen bekommt. Die schwere Krankheit hatte zur Folge, dass Livs Entwicklung stark verzögert verlief. „Erst mit drei Jahren hat sie das Laufen gelernt“, sagt Mary Buch.

Mittlerweile hat das Mädchen gute Fortschritte gemacht. Sie ist ein fröhliches Kind, das laufen und Fahrrad fahren kann. Seine Kindergartenzeit durfte es im städtischen Kindergarten Die Murmel verbringen. Dann ging es um die Einschulung. Doch welche Schule kommt für Liv infrage? Wie geht man vor? Wie sieht es mit Unterstützung aus? „Die Verwaltungswege sind kompliziert. Es fehlen Broschüren in einfacher Sprache, die betroffene Familien kurz und sachlich über ihre Möglichkeiten informieren“, kritisiert Mary Buch. Am Ende wurde Liv an die August-Hermann-Werner-Schule, Staatlich- Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ), in Markgröningen verwiesen. Eine Kooperationslehrerin einer Grundschule in Freiberg habe deutlich gemacht, dass man sich keine Freunde mache, wenn man ein Kind wie Liv in eine Regelschule schickt. „Da fühlte man sich fast bedroht“, sagt Mary Buch. Markgröningen kommt für die Familie nicht infrage. „Man tut immer so, als würde es nur ein SBBZ als Lösung geben, doch die Kinder werden dort separiert“, sagt die Mutter. Die Kinder würden morgens mit dem Bus abgeholt und nachmittags wieder nach Hause gebracht. Statt in einer Regelschule die Verhaltensweisen von nicht behinderten Kindern kennenlernen und annehmen zu können, wäre diese Möglichkeit in einem SBBZ nicht gegeben. Die Kinder seien dort eher isoliert von der Umwelt. Die Gefahr des Außenseiterseins sei dort größer. „Inklusion kann nur wohnortnah stattfinden, wo ein Kind Freunde hat, nicht ausgegrenzt wird und auch mal zu einem Kindergeburtstag eingeladen wird“, meint Mary Buch. Liv geht beispielsweise tanzen in Freiberg. Das wäre nicht möglich, wenn sie in einer anderen Stadt ein SBBZ besuchen würde. „Ein sonderpädagogisches Bildungszentrum entspricht in keiner Weise der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention von 2015“, findet Mary Buch. Weil dort mit anderen Lehrplänen gearbeitet würde, gebe es damit auch keine Möglichkeit, einen normalen Schulabschluss zu erlangen. „Das ist reine Utopie.“

Derzeit geht Liv geht in der Freiberger Flattichschule in die Grundschulförderklasse, ist dort motiviert und liebt ihren Lehrer. Sie hat aber diverse Defizite. Deshalb kümmert sich dort eine Integrationshilfe um Liv. Sie organisiert unter anderem den Arbeitsplatz und die nötigen Unterrichtsmaterialien, hilft bei feinmotorischen Aufgaben und steht dem Kind ermutigend zur Seite.

Die Eltern wünschen sich für ihre Tochter eine inklusive Beschulung. Die Therapeuten sprechen sich ebenfalls dafür aus. Den Weg bis dahin bezeichnet Mary Buch als Kraftakt. Das Verfahren sei äußerst kompliziert und kräftezehrend. Es dauere sehr lang und benötige viel Zeit, bis man sich durchgefragt und an der richtigen Stelle angekommen ist. „Doch die Zeit hat man mit einem solchen Kind nicht“, sagt die Mutter. „Es ist schade, dass man um alles kämpfen muss.“ Jetzt stellen die Buchs für Liv einen Antrag für ein sonderpädagogisches Gutachten. „Wenn Liv begutachtet wurde, bekommen wir gesagt, wo sie unser Kind sehen“, so Mary Buch. Das Entscheidungsrecht liegt bei den Buchs. „Wenn wir sie in eine Regelschule schicken wollen, entscheidet das Schulamt, in welche sie gehen soll.“ Eine sonderpädagogische Kraft würde sich dann in der Regelschule um Liv kümmern, die dann die Chance auf das Erreichen eines normalen Schulabschlusses hätte.

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