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Langer Kampf zurück ins Leben

Wenn Andreas Bartels die Bilder von Großdemonstrationen in Berlin und anderswo sieht, wo Menschen keine Masken tragen, keinen Abstand halten und Schilder hochhalten, auf denen Corona als bloße Grippe bezeichnet wird, wird er traurig und wütend zugleich. Denn der Gemmrigheimer weiß, was das Virus anrichten kann. Im März infizierte er sich, lag im Koma und kämpfte um sein Leben. Auch heute noch leidet er unter den Folgen der Krankheit.

Schritt für Schritt zurück zur Normalität: Andreas Bartels war nach seinem langen Krankenhausaufenthalt noch einen Monat in der Reha. Heute geht es ihm bedeutend besser – aber noch lange nicht optimal. Seinen Humor hat er in all der Zeit nicht verlor
Schritt für Schritt zurück zur Normalität: Andreas Bartels war nach seinem langen Krankenhausaufenthalt noch einen Monat in der Reha. Heute geht es ihm bedeutend besser – aber noch lange nicht optimal. Seinen Humor hat er in all der Zeit nicht verloren. Foto: Andreas Bartels/p
Schritt für Schritt zurück zur Normalität: Andreas Bartels war nach seinem langen Krankenhausaufenthalt noch einen Monat in der Reha. Heute geht es ihm bedeutend besser – aber noch lange nicht optimal. Seinen Humor hat er in all der Zeit nicht verlor
Schritt für Schritt zurück zur Normalität: Andreas Bartels war nach seinem langen Krankenhausaufenthalt noch einen Monat in der Reha. Heute geht es ihm bedeutend besser – aber noch lange nicht optimal. Seinen Humor hat er in all der Zeit nicht verloren. Foto: Andreas Bartels/p

Gemmrigheim. Es ist Ende März, als sich die Tochter von Andreas Bartels bei der Arbeit mit Covid-19 infiziert. Die Familie begibt sich daraufhin sofort in häusliche Quarantäne. In einem gemeinsamen Haushalt ist die strikte Isolation schwer möglich – kurz darauf erkrankt auch Andreas Bartels. Die Krankheit der Tochter hat einen milden Verlauf. Auch beim Vater, der nicht zu den klassischen Risikopatienten zählt, ist bislang nur die Temperatur leicht erhöht. Doch dann, am fünften Tag steigt das Fieber sprunghaft, „es riss mich von den Beinen“. Später weiß er nur noch, dass er auf dem Sofa saß und aufstehen wollte – „dann legt sich der Nebel drüber“. Seine Tochter ruft sofort den Notarzt, der ihm eine Doppelinfusion verabreicht und ins Ludwigsburger Klinikum bringt. Doch das Fieber sinkt nicht, nach einer Woche versagt die Lunge. Der Familienvater, der zwei Tage vor der Einlieferung 53 Jahre alt geworden ist, wird ins Koma versetzt und an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Fast fünf Wochen kämpfen Ärzte um sein Leben. „Ich bekam eine Darmentzündung, eine Harnleiterentzündung eine Thrombose an der Halsschlagader und war kurz vor einem Multi-Organversagen.“ Doch irgendwann beginnt er wieder, von selbst zu atmen.

Auch über diese Zeit im Krankenhaus hat sich der Nebel gelegt. Manches bekommt er unterbewusst mit. Etwa, als ein Pfleger sagt, „hey Großer, du schaffst das“. Das habe sich eingeprägt. Überhaupt: das Klinikpersonal. „Ohne die Ärzte und die Pfleger der Intensivstation würde ich heute nicht mehr leben“, sagt Andreas Bartels jetzt, viele Wochen nach seinem bislang schwersten Kampf. Ihm sei es wichtig, sich dafür zu bedanken.

Wobei der Kampf zurück in die Normalität für den Gemmrigheimer noch nicht vorbei ist. Nachdem er aus dem Koma aufgewacht ist und die Intensivstation in Ludwigsburg verlassen kann, wird er ins Rot-Kreuz-Krankenhaus Stuttgart verlegt. Die Klinik ist unter anderem auf Therapie bei Lungenerkrankungen spezialisiert. Mehrere Wochen bleibt er dort. Und dann, nach mehr als zwei Monaten seit der Einlieferung in Ludwigsburg, sieht er erstmals seine Frau wieder. „Sie durfte eine halbe Stunde zu mir rein“, sagt Bartels und lächelt. Es gibt viele erste Male, nachdem er aus dem Koma erwacht ist: das erste Mal Sitzen, das erste Mal ohne Katheter, das erste Mal Abendessen – „es gab Wurstsalat!“

Der Familienvater verbreitet im Gespräch mit unserer Zeitung viel gute Laune – trotz der Dramatik seiner Erzählungen. Aber den Humor, den hat er in all der Zeit nicht verloren. Wobei er auch zugibt, zwischendurch zu hadern. Denn gerade zu Beginn seiner Genesung sei es in riesigen Schritten besser geworden. Im Krankenhaus darf er die ersten Schritte in Begleitung einer Therapeutin machen; 20 Meter mit Rollator schafft er beim ersten Mal. Später läuft er auf dem 50 Meter langen Gang alleine auf und ab. In der vierwöchigen Reha, die nach Stuttgart folgt, werden Lungenvolumen, Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer weiter aufgebaut. Und jetzt? „Jetzt stagniert es irgendwie. Du siehst keine Verbesserung.“ Wenn der 53-Jährige einige hundert Meter zum Supermarkt läuft, hat er seinen Rucksack immer mit dabei. Darin ist ein kleines, aber mehr als zehn Kilo schweres Sauerstoffgerät – „mir fehlt die Luft. Ich brauche bei längeren Strecken Sauerstoff.“ Der Gasaustausch sei noch eingeschränkt. Auch die Gelenkigkeit fehle. Und an der linken Hand und am Oberschenkel hat er noch immer Taubheitsgefühle – „aber bei den Füßen ist die Taubheit beinahe weg“.

Bartels geht mit seiner Erkrankung und deren Folgen offen um. Das macht er bei seinen Freunden und Bekannten, das macht er auch im Gespräch mit unserer Zeitung, an die er sich gewandt hatte, um als Betroffener, „der dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen ist“, über seine Erfahrungen zu sprechen. Es sei traurig, dass es Menschen gebe, die nicht verstünden, wie schlimm das Coronavirus sein könne. „Vielleicht sollten die alle mal auf eine Intensivstation gehen, damit sie sehen, wie es wirklich ist.“ Deshalb sein Appell: Mund- und Nasenschutz aufsetzen und an die Abstandsregeln halten.

Der gelernte Mechaniker ist weiterhin krankgeschrieben. Seit er wieder zuhause ist, bekommt er Ergotherapie und macht leichtes Krafttraining. Und: „Ich habe mich für einen Thai-Chi-Kurs angemeldet. Das wollte ich schon seit Jahren machen.“ Allerdings starte dieser erst im November. Andreas Bartels weiß, dass seine Genesung Zeit beansprucht und dass er Geduld braucht: „Vielleicht ist es tatsächlich so, dass mit der Zeit alles wieder kommt. Ich hoffe es.“

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