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Lebenszeichen in Coronazeiten

Reinhard Müller spielt freitags vor dem Jazzclub ein „Mahnwache-Konzert“

In Aktion: Reinhard Müller.Foto: privat
In Aktion: Reinhard Müller. Foto: privat

Ludwigsburg. Jazzgrößen aus nah und fern beim Musizieren zuzuhören, das vermisst Reinhard Müller in Zeiten der Coronapandemie ganz besonders. Der 67-jährige Ludwigsburger, selbst passionierter Saxofonist, ist Mitglied des Jazzclubs, der in normalen Zeiten freitags traditionell seine Live-Abende veranstaltet. Seit ein paar Wochen hält er nun selbst das Fähnchen hoch und spielt freitags um 18.45 Uhr vor der Tür, auf der Rückseite der Musikhalle, ein etwa viertelstündiges Konzert, als eine Art „Mahnwache“, wie er sagt. „Ich weiß, wie schwierig die Situation für die Musiker, aber auch den Jazzclub ist“, sagt er. „Wir sollten sie nicht hängenlassen.“ Auf dem Plakat neben ihm steht, in Anlehnung an Loriot, geschrieben: „Ein Leben ohne Jazzclub ist möglich, aber sinnlos.“

Mal sind drei, mal 25 Zuhörer bei den kurzen Konzerten anwesend, das schwankt stark – doch die recht überschaubare Resonanz ist für Müller zweitrangig, zumal er seine musikalischen Möglichkeiten selbst als begrenzt betrachtet. Wichtig ist für ihn das symbolische Zeichen, das er mit der Aktion setzen möchte. Stolz ist er allerdings, wenn er hin und wieder prominente Unterstützung erhält. So spielte sein Nachbar und Jazzlehrer Kurt Holzkämper am Bass schon mal mit ihm im Duo. „Das hat dann doch eine gewisse Qualität“, erklärt Müller und lacht.

Beim Jazzclub rüstet man sich derweil für die Zeit nach der Coronapause. Der Auftakt ist am 18.September mit den Hipsticks. Das Programm wird in den kommenden Monaten wie ursprünglich geplant fortgesetzt, die 15 ausgefallenen Konzerte aus der ersten Jahreshälfte sollen 2021 nachgeholt werden – zwölf der Termine stehen bereits. Aber natürlich kann auch der Jazzclub wegen der bislang gültigen Abstandsregelungen nicht mit der vollen Zuschauerauslastung rechnen. Statt maximal 100 Menschen könnten maximal 50 zu den Konzerten kommen, erklärt der Vorsitzende des Jazzclubs, Gerd Messerschmid. Bei 75 lag zuletzt, bis zum Lockdown im März, der Zuschauerschnitt. „In diesem Jahr werden wir noch keine größeren Probleme bekommen“, sagt Messerschmid mit Blick auf die wirtschaftliche Situation. Das Land steht zu seinen Zuschüssen von 10000 Euro, die Stadt wird zumindest 90 Prozent ihrer Förderung in gleicher Höhe leisten. 2021 könnten die Probleme allerdings anfangen, falls die beiden Partner ihre Förderung zurückfahren sollten. Ein großes Fragezeichen steht auch noch hinter der Publikumsresonanz. Da die Jazzfans in der Regel etwas älter seien, fürchtet Messerschmid, dass manche Stammbesucher aus Vorsicht daheim bleiben könnten. Vor allem aber hat er einen Wunsch: „Dass wir die Mitglieder bei der Stange halten können.“

Über die symbolische Aktion von Reinhard Müller freut sich der Jazzclub-Chef. Nicht zuletzt, da sich der Jazzclub schwertat mit Alternativformaten. Streaming-Konzerte etwa, wie sie andere Veranstalter angeboten hätten, seien technisch für den Club nicht möglich gewesen. Auch Freiluftkonzerte im Hof hätten wegen diverser gesetzlicher Bestimmungen nicht umgesetzt werden können. Da hat es Reinhard Müller ungleich leichter: Er spielt nicht nur vor dem Jazzclub regelmäßig, sondern auch bei sich daheim im Schlösslesfeld Balkonkonzerte – und die Nachbarschaft freut’s.

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