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„Leerstände beim Einzelhandel in der Innenstadt werden zunehmen“

Wie wird der Ludwigsburger Einzelhandel durch die Coronakrise kommen? Und wie wird sich die Innenstadt verändern? Ein Gespräch mit Dr. Stefan Holl, dem Geschäftsführer der Ludwigsburger Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA)

„Innenstädte waren immer schon sehr widerstandsfähig“: der Geschäftsführer der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung, Stefan Holl. Foto: Holm Wolschendorf
„Innenstädte waren immer schon sehr widerstandsfähig“: der Geschäftsführer der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung, Stefan Holl. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Wie hat sich das Konsumverhalten in der Coronakrise gewandelt?

Stefan Holl: Da muss man nach Branchen unterscheiden. Viele Geschäfte, etwa Supermärkte, Apotheken oder Drogerien, machen nicht weniger, sondern mehr Umsätze. Zum Beispiel, weil die Leute nicht in den Urlaub fahren und hier ihr Geld ausgeben. Der Umsatz mit Produkten des täglichen Bedarfs hat eher zugenommen. Auch andere Handelsbereiche haben gewonnen. Für die Baumärkte könnte es das beste Jahr der jüngeren Geschichte werden. Auch Verkäufer von Elektrofahrrädern, Sportartikeln oder Campingausrüster können sich nicht beklagen.

Andere Innenstadt-Branchen, etwa Textilien, Schuhe oder Elektroartikel, machen dagegen weniger Umsätze. In Deutschland wird die Diskussion aktuell sehr stark auf diese Problem-Branchen verkürzt. Für diese wird es noch eine lange Zeit Unsicherheit geben. Auch die Verschiebungen im Handel werden uns noch länger beschäftigen. Nicht alle Branchen werden auf das Niveau von vor der Krise zurückkehren. Insgesamt stellen wir in unseren Projekten fest, dass der Handel in überschaubaren Mittelstädten eher besser mit den Coronafolgen umgehen kann als die Großstädte.

Was sind die Stärken der Ludwigsburger Innenstadt?

Die Funktionsvielfalt, die Ludwigsburger Mischung. Der Handel in der Ludwigsburger Innenstadt ist sehr individuell. Das ist ein großer Vorteil. Außerdem ist das Stadtbild weitgehend einheitlich, gut gepflegt und wird durch den Handel mitbestimmt, aber nicht dominiert. Das Schachbrettmuster, nach dem die Stadt aufgebaut ist, ist für die Verkehrserschließung von Vorteil. Im Vergleich zu anderen Städten ist Ludwigsburg ein wirtschaftlich sehr interessanter Standort. Die Innenstadt hat auch fast keine toten, monofunktionalen Ecken – etwa ein Büro- oder Bankenviertel. Alle Gebiete sind zugänglich, nur ganz wenige Großbauten. Da man am Grundmuster der Stadt nicht so einfach etwas verändern kann, ist es von Vorteil, dass die Innenstadt durchgängig ist und man überall hinkommt. Und viele Leute wohnen in der Innenstadt.

Hat die Innenstadt auch Schwächen?

Direkte Schwächen hat die Innenstadt nicht. Klar, am Bahnhof ist nicht alles so toll. Bahnhöfe sind aber in vielen Städten problematisch. Negativ wirkt sich für den Bahnhof sicher auch aus, dass ständig über ihn diskutiert wird und weder Stadt noch Bahn Eigentümer des Eingangsbaus sind. Schwierig ist für mich auch, dass beim Thema Verkehr immer über einzelne Projekte, etwa den Arsenalplatz oder zehn Parkplätze in der Myliusstraße, gestritten wird. Was mir fehlt, ist ein Gesamterschließungskonzept für die Innenstadt. Die Parkhäuser, die es dort gibt, sind sehr gut.

Viele Geschäfte und Restaurants werden laut Prognosen in den kommenden Wochen und Monaten in Konkurs gehen. Was soll mit all den Flächen geschehen?

Prognosen sind immer schwierig, weil sie die Zukunft betreffen. Beim Lockdown im Frühjahr schwollen die Klagen schnell an, viele Firmen schienen auf absolute Kante genäht zu sein. Das hat sich mit der Teilöffnung zunächst etwas relativiert, vielleicht haben die Coronahilfen dabei geholfen. Für einige Geschäfte und viele Gastronomen kommt jetzt mit dem zweiten Lockdown erst die schwierige Phase, die wird noch bis weit ins neue Jahr andauern. Im Textilsortiment werden Firmen schließen, die einen, weil es ohnehin ansteht und jetzt vorgezogen wird, die anderen, weil die wirtschaftliche Wende nicht mehr möglich ist.

Insgesamt kann das bedeuten, dass die Ludwigsburger Innenstadt nicht mehr alle Ladenflächen benötigt. Das eine oder andere Ladengeschäft wird dann vom Markt genommen oder es kommt etwas anderes rein, etwa ein Dienstleister.

Hat der inhabergeführte Einzelhandel den Kampf gegen die Onlinehändler bereits verloren?

Diese Frage stellt sich für mich nicht. Man muss den Handel ganzheitlich verstehen. Diese Krise werden besonders die Händler gut überstehen, die auch auf andere Kanäle zurückgreifen konnten, etwa einen besonderen Käuferservice, Onlineplattformen oder Lieferdienste. Mit der Größe des Geschäfts haben diese Entwicklungen nichts zu tun: Corona hat eine Digitalisierungsoffensive des Handels ausgelöst, die in Ludwigsburg durch den Citymanager unterstützt wird.

Ludwigsburg hat zwei Innenstadtcenter. Wie sehen Sie die Zukunft der Einkaufszentren? Vielen Experten gelten sie als besonders gefährdet.

Seit zehn Jahren beschäftigt sich GMA mit der Revitalisierung von Einkaufszentren. Tatsächlich gehen unsere Experten davon aus, dass jedes achte Einkaufszentrum nicht dauerhaft am Markt zu halten ist. Früher haben Textilgeschäfte die Einkaufszentren dominiert, heute boomt dagegen der Lebensmittelhandel. Man muss also genau hinschauen. Im Marstall arbeiten aber Profis und auch die Wilhelmgalerie ist gut besucht, weil sie eine Verkehrsfunktion hat. Im Obergeschoss der Wilhelmgalerie ist die Vermietung aufgrund der Rolltreppe nicht einfach.

In welche Richtung könnte sich der Innenstadthandel entwickeln?

Das Einkaufserlebnis wird mehr im Vordergrund stehen. Gefragt ist nicht zusätzliche Verkaufsfläche, sondern mehr Atmosphäre.

Wie wird sich die Innenstadt verändern?

Kurzfristig haben die Kundenströme abgenommen. In den Haupteinkaufsbereichen zwischen 15 und 30 Prozent. Die Leute haben gemerkt, dass man nicht wegen allem in die Innenstadt muss. Diese Frequenzverluste werden teilweise bleiben. Dadurch werden die Leerstände zunehmen. Langfristig wird es auch darum gehen, ob Ludwigsburg die Verkehrswende schafft. Insgesamt mache ich mir für Ludwigsburg aber keine Sorgen. Die Wirtschaft in der Innenstadt findet einen Weg. Viele Geschäfte werden auch langfristig dort gut wirtschaften können.

Der Druck wird aber zunehmen, die Dauer der Mietverträge wird kürzer werden, die Mieten werden sinken. Die Gastronomie ist kurzfristig stärker betroffen, wird sich aber schneller erholen als der Handel. Die Restaurants sind mit ihren Hygienekonzepten innovativ, müssen sich täglich neu auf den Gast einstellen und sind manchmal flexibler als der Handel. Und Genuss wird nach Corona noch stärker im Vordergrund stehen.

Einige Ladenflächen, vor allem in den oberen Stockwerken, werden in Büros oder Wohnraum umgewandelt und die zunehmend älter werdende Kundschaft kann alles bequem im Erdgeschoss erreichen. Ich sehe auch großes Potenzial für Dienstleister, Service oder auch Kundencenter von Versicherungen und Verbänden in ehemaligen Ladenflächen.

Die Quartiere werden sich noch individueller aufstellen müssen, die Treiber von Quartiersentwicklung werden mit der stärkeren Durchmischung auch ihre Stärken, die „Story des Quartiers“ neu bewerben, ein Beispiel hierfür ist die Eberhardstraße. Insgesamt kann man aber sagen: Innenstädte waren in der Vergangenheit immer schon sehr widerstandsfähig und werden auch zukünftig ihren Platz im Stadtgefüge haben.

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