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Licht und Schatten auf dem Weg zur Barrierefreiheit

Inklusion – das ist ein für viele immer noch sperriger Begriff, der die ältere Formel der Integration offiziell ersetzt hat. Worum es dabei geht: Menschen mit Behinderung soll eine möglichst selbstbestimmte Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht werden. Es gilt daher, Barrieren abzubauen – in Innenstädten ebenso wie an der Bushaltestelle, am Bahnhof, in der Schule, im Behördenverkehr oder in der Sporthalle.

Senioren mit Rollator sind ebenso auf Barrierefreiheit angewiesen wie Rollstuhlfahrer. Foto: Ui Deck/ dpa
Senioren mit Rollator sind ebenso auf Barrierefreiheit angewiesen wie Rollstuhlfahrer. Foto: Ui Deck/ dpa

Kreis Ludwigsburg. Das Ziel eines barrierefreien Alltags, und vor allem darin sieht Bohn den Fortschritt, werde von niemandem mehr infrage gestellt – auch wenn es vor allem die Kommunen sehr viel Geld kostet, es zu realisieren. Doch auch wenn keiner mehr sage, dass es bei der Inklusion „doch nur um ein paar Rollstuhlfahrer“ ginge – dass in einer alternden Gesellschaft hauptsächlich und weiter zunehmend auch Senioren auf den Abbau von Barrieren angewiesen sind, sei in Gesellschaft und Politik noch zu wenigen bewusst, sagt Bohn. Barrierefreiheit werde deshalb aber auch in der Breite zu einer Frage der Bürger- und Kundenfreundlichkeit. In seinem letzten Tätigkeitsbericht benennt er Fortschritte wie Defizite.

Bushaltestellen müssen von Gesetzes wegen ab 2022 generell barrierefrei sein. Inzwischen seien die Planungen für den barrierefreien Zugang zum Busverkehr in den meisten Kreiskommunen sehr konkret, die Finanzierung in den Haushalten der Städte und Gemeinden verankert, sagt Bohn. Zur barrierefreien Haltestelle gehören übrigens auch die Wege dorthin – vielerorts müssen deshalb zum Beispiel Bordsteine an Straßenübergängen abgesenkt, Leitsysteme für Sehbeeinträchtigte geschaffen oder Zugänge verändert werden.

Dass es im nächsten Jahr dennoch noch kein flächendeckend barrierefreies Netz von Haltestellen geben wird, müsse er in Kauf nehmen, seufzt Bohn und sagt: „Ich bin trotzdem froh, dass die Kommunen inzwischen kräftig dabei sind und diese Aufgabe ernst nehmen!“ Sersheim werde noch in diesem Jahr seine barrierefreie Ortsmitte einweihen, Ditzingen plant eine barrierefreie City, Marbach realisiere ein aufs Stadtbild zugeschnittenes Blindenleitsystem in der Altstadt, Bietigheim-Bissingen bekenne sich trotz schwieriger Topographie zum Ziel des barrierefreien ÖPNV. Dass die Löcher, die das Coronavirus auch in viele Kommunalhaushalte reißt, diese Entwicklung noch stoppen oder umkehren, befürchtet Bohn nicht. Schließlich gebe es die für Städte und Gemeinden wichtige Förderung des Landes nur bei einer verbindlichen Planung.

Bahnhöfe und S-Bahn-Stationen sind vom Ziel der Barrierefreiheit oft noch weit entfernt – nicht nur, wenn Aufzüge defekt sind. In Besigheim, Kirchheim oder Sachsenheim gibt es erst gar keine Aufzüge – für Behinderte ist der ÖPNV auf der Schiene dort mithin immer noch komplett unzugänglich. In der Pflicht sind freilich nicht die Kommunen, sondern politisch die Region und verkehrlich die Bahntochter DB Netze. Im Nahverkehrsplan des Landkreises taucht das Thema deshalb noch nicht einmal auf.

„Im Wohnungsbau ist der Mangel an barrierefreien Wohnungen weiterhin eklatant“, sagt Bohn. Er fordert, das Thema besser in der Landesbauordnung und den kommunalen Bauleitplänen zu verankern. Außerdem seien gerade ältere Menschen auf den barrierefreien Umbau im Bestand angewiesen. Um dabei beratend zu unterstützen, sei es sinnvoll, die früher beim Roten Kreuz angesiedelte Wohnbauberatung in neuer Form wieder zu beleben. Er sei deswegen bereits mit dem Landkreis, Pflegestützpunkten, Hauseigentümerverband und Mieterbund im Gespräch. „Wenn jemand länger zu Hause leben kann, lohnt sich ein Umbau auch finanziell.“ Bauträger, die bei Neubauvorhaben von sich aus nicht alle Geschosse komplett barrierefrei realisierten, verengten mit einer Verweigerungshaltung unnötig ihren Markt.

Schulen, Kitas und Sporthallen würden mit Neubauten und Sanierungen baulich zunehmend barrierefrei. Das Problem sei aber die fachliche Qualifizierung des Personals. Während die Kitas im Landkreis hier eine landesweite Pilotfunktion einnähmen, sei das Thema Inklusion „in den Schulen noch nicht angekommen“, klagt Bohn. Für ihn sind hier Kultusministerium und Staatliches Schulamt in der Pflicht. Mit Sportkreis-Präsident Matthias Müller sei er sich einig, dass es noch zu wenig Übungsleiter für Behindertensport gebe, sagt Bohn.

Wegen der stufenweisen Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes wüchsen die Aufgaben des Behindertenbeauftragten des Landkreises immer weiter, sagt Eckhart Bohn abschließend. Der oder die nächste Beauftragte sollte die Stelle deshalb hauptamtlich versehen können.

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