Logo

Loreley thront auf der Schillerhöhe

Friedrich Silchers wohl bekanntestes Werk ist die Vertonung von Heinrich Heines Gedicht „Loreley“. Foto: Harry Schmidt
Friedrich Silchers wohl bekanntestes Werk ist die Vertonung von Heinrich Heines Gedicht „Loreley“. Foto: Harry Schmidt
Als Schenkung des Schwäbischen Chorverbands ergänzt das Archiv des Komponisten Friedrich Silcher die Musikaliensammlung des Deutschen Literaturarchivs.

Marbach. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin; ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn.“ Mit diesen Zeilen beginnt Heinrich Heine 1824, inspiriert von Clemens Brentanos gleichnamiger Kunstsage, ein Gedicht über eine Frauengestalt namens Loreley.

Dass daraus das „Lied von der Loreley“ und dies in Folge die heute weltweit wahrscheinlich populärste Dichtung in deutscher Sprache wird, verdankt sich maßgeblich der 13 Jahre später entstandenen Vertonung durch Friedrich Silcher (1789–1860), der vor allem als Komponist und Sammler von Volksliedern bekannt ist und nach Stationen in Ludwigsburg und Stuttgart als Musikdirektor an der Tübinger Universität wirkte. Zu seinen bekanntesten Kompositionen zählt auch das Weihnachtslied „Alle Jahre wieder“ sowie die Volkslied-Adaption „Muß i denn zum Städtele hinaus“. Angesichts dieser engen Verknüpfung von Musik und Wort, von Liedkunst und Literatur, darf die gestern erfolgte Vertragsunterzeichnung zur Übergabe des Silcher-Archivs als Schenkung des Schwäbischen Chorverbands an das Deutsche Literaturarchiv (DLA) als Sternstunde in der Geschichte des Hauses bezeichnet werden. „Dass wir mit dieser Sammlung das wohl größte und wichtigste Archiv Baden-Württembergs zum Thema Lieddichtung und Liedlyrik um 1800 ins Haus bekommen, ist ein großer Schritt für alle Beteiligten“, freute sich DLA-Direktorin Professor Dr. Sandra Richter anlässlich der virtuellen Übergabe. Sich diesem „hoch spannenden Komplex“ auf Grundlage des überaus reichen und noch kaum erschlossenen Bestands des Silcher-Archivs anhand von originalem Quellenmaterial widmen zu können, um ihn zu erforschen und „für die Öffentlichkeit zum Klingen zu bringen“, sei eine wunderschöne Aufgabe, sagte Richter und kündigte im Rahmen des Forschungsprojekts Textklang für 2023 eine Ausstellung zum Thema Lied und Literatur an.

Die Freude beruht offenkundig auf Gegenseitigkeit: „Wir trennen uns frohen Herzens“, gab Dr. Jörg Schmidt, Präsident des Schwäbischen Chorverbands, seinen Gefühlen Ausdruck. Wurde der persönliche und musikalische Nachlass Silchers bislang in seinem Geburtshaus in der Remstalgemeinde Schnait aufbewahrt, habe man sich anlässlich der Neukonzeption des dort untergebrachten Silcher-Museums entschlossen, die umfangreiche Sammlung nach Marbach zu geben, um sie einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

„Dies ist der Höhepunkt einer Zusammenarbeit, die wir gerne fortsetzen wollen“, betonte Schmidt: „Hier wissen wir die Sammlung in guten Händen.“ Neben dem eigentlichen Nachlass, in dem sich neben Volksliedkompositionen auch Motetten, Ouvertüren und kammermusikalische Werke finden, umfasst das seit 1912 zusammengetragene Konvolut auch Zeichnungen, Notendrucke und -manuskripte, Briefe, Stammbäume und Konzertprogramme aus dem Besitz von Silchers Familie und deren Freundeskreis. Hinzu kommen Abschriften von Werken Carl Maria von Webers und Felix Mendelssohn Bartholdys sowie Notenautographen von Johann Friedrich Reichardt, Emilie Zumsteeg und Josefine Lang.

„Wir haben einen Schatz geschenkt bekommen“, ist sich auch DLA-Mitarbeiterin Dr. Gunilla Eschenbach sicher. Etwa den Autographen der „Loreley“, auf dem Silcher neben Noten und Strophen auch einen Kommentar notiert hat: „Es fehlt mir was“, hebt der Komponist dort an und begründet seine Motivation für die Heine-Vertonung mit der Vorstellung einer Rheinfahrt, der es eben am Klang der Sirene gebreche. „Hier zeigt sich der spielerische Umgang mit der romantischen Sentimentalität“, so Eschenbach. Als Metallschallfolie für das Symphonion, eine Art Spieluhr mit austauschbaren, lochgestanzten Tonträgern, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts größerer Beliebtheit erfreute, zog die Loreley weitere Kreise – auch davon findet sich ein Exemplar im Silcher-Archiv. Auf politische Aspekte des Bestands wies DLA-Mitarbeiter Professor Dr. Helmuth Mojem am Beispiel einer Gustav-Schwab-Vertonung und eines Manuskripts mit einem „Marseiller Marsch“ hin, bei dem es sich um die Marseillaise handelt. Mit zahlreichen Vertonungen von Gedichten der Silcher-Zeitgenossen aus dem Kreis schwäbischer Dichter – Uhland, Kerner, Hauff und Mörike – stellt das Archiv zweifellos eine treffliche Ergänzung der Musikaliensammlung dar. Zudem thront die Loreley jetzt nicht mehr nur über dem Rhein, sondern auch – hoch droben auf der Schillerhöhe – mit Blick auf den Neckar. Und wer weiß: Möglicherweise taucht auch noch eine bislang unbekannte Schiller-Vertonung in den Untiefen des Silcher-Archivs auf.