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Ludwigsburg verliert seinen Ehrenbürger

Er war Pfarrer, Leiter der Karlshöhe und Stadthistoriker – jetzt ist Ehrenbürger Dr. Albert Sting im Alter von 96 Jahren gestorben. Die Spuren, die er in seiner Heimatstadt hinterlassen hat, sind groß – vor allem im historischen und sozialen Bewusstsein Ludwigsburgs.

Pfarrer, Autor, Historiker: Dr. Albert Sting. Er ist jetzt im Alter von 96 Jahren gestorben. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Pfarrer, Autor, Historiker: Dr. Albert Sting. Er ist jetzt im Alter von 96 Jahren gestorben. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Es war vor allem die Geschichte, die Albert Sting fasziniert hat. Im Jahr 2000 erschien im Verlag der Ludwigsburger Kreiszeitung der erste Band seiner „Geschichte der Stadt Ludwigsburg“. Zwei weitere folgten 2004 und 2005. Das Monumentalwerk ist bis heute die umfangreichste Stadtgeschichte, die je über Ludwigsburg verfasst wurde.

„Ludwigsburg ist eine sehr interessante Stadt und hat eine sehr interessante Geschichte“, hat Sting über seine Motivation gesagt, mit diesem Werk zu beginnen. Vor allem die Einmaligkeit der Stadtgründung faszinierte ihn.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner historischen Arbeit war das Schicksal der jüdischen Gemeinde Ludwigsburgs, die im Dritten Reich vollkommen ausgelöscht wurde. Viele Jahre setzte sich Albert Sting für die Umgestaltung des Synagogenplatzes zu einem Gedächtnisort ein.

Geboren wird er 1924 im Pfarrhaus am Ludwigsburger Marktplatz. Sein Vater ist Pfarrer in der Garnisonkirche (heute Friedenskirche). Über seine Kindheit am Marktplatz hat Sting das Buch „Hopf ronter – Marktplatzepisoden“ geschrieben. 1932 zieht Stings Familie nach Besigheim, wo sein Vater die Stelle als Dekan angenommen hat. Zur Schule geht er später trotzdem in Ludwigsburg, und zwar aufs Schiller-Gymnasium. Auf seinem Schulweg sieht er im November 1938 die abgebrannte Ruine der Ludwigsburger Synagoge. Ein Erlebnis, das ihn nie wieder loslassen wird.

Prägende Kriegsgefangenschaft

Dass er einmal Theologe werden sollte, war zunächst ziemlich unwahrscheinlich. In seiner Jugend interessiert sich Albert Sting vor allem für Physik und die Fliegerei. Er will Techniker werden und als Flugzeugingenieur Karriere machen. Doch der Krieg kommt dazwischen. Von 1945 bis 1949 ist er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erfahrungen und Eindrücke aus dieser Zeit, bei denen Gott eine große Rolle für ihn gewinnt, verarbeitet er in dem Buch „Geworfen und Gehalten“. Direkt nach der Rückkehr beginnt Sting zu studieren. „Das war eine Zeit, in der ich sehr viel gelernt habe. Nach dem Krieg und der Gefangenschaft war ich wissbegierig“, erzählte er über diese Zeit. Er studiert in Tübingen und Göttingen Theologie und Psychologie und promoviert in Philosophie.

Nach Universität und Vikariat tritt er 1957 eine Stelle als Pfarrer in Waiblingen an. Vier Jahre später kehrt er nach Ludwigsburg zurück, wo er Pfarrer der Stadtkirche wird. 1971 wechselt Albert Sting auf die Karlshöhe, in der er zunächst Konrektor der Ausbildungsstätte für Diakonie und Religionspädagogik, dann Dozent für Psychologie ist. Von 1979 bis 1989 ist er Direktor der Karlshöhe.

Die Liste seiner Ehrenämter und Auszeichnungen ist lang. 1988 erhält er die Bürgermedaille der Stadt Ludwigsburg. 1989 das Bundesverdienstkreuz. Seit 2005 ist Albert Sting, der vier Kinder und sieben Enkelkinder hat, Ehrenbürger der Stadt Ludwigsburg.

Bis ins hohe Alter verbringt er viele Stunden lesend und schreibend an seinem Schreibtisch. Im Verlag der Ludwigsburger Kreiszeitung bringt er neben der Stadtgeschichte und seinen Marktplatz-Erinnerungen zahlreiche andere Werke heraus. Darunter einen Geschichtskalender, einen Bildband über Ludwigsburg oder ein Buch über die Untere Stadt. Viele Jahre ist er für die Beilage „Hie gut Württemberg“ der Ludwigsburger Kreiszeitung zuständig.

Überragende Persönlichkeit

Dr. Dörte Bester, die Direktorin der Karlshöhe, sagte gestern auf Anfrage: „Die Karlshöhe verliert mit Dr. Albert Sting einen ehemaligen Direktor, der die Geschicke des Diakoniewerkes über viele Jahre mit seiner überragenden Persönlichkeit prägte und der Karlshöhe bis zuletzt eng verbunden war. Zeitlebens setzte er sich für Menschen mit Unterstützungsbedarf in unserer Gesellschaft ein und stand dabei für eine glaubwürdige Verkündigung des Evangeliums.“

Jochen Faber vom Arbeitskreis Synagogenplatz lobt die vorwärtsgewandte Erinnerungspolitik von Sting, mit der er in Ludwigsburg Großes geleistet habe. Viele Initiativen und Projekte seien mit seinen Arbeiten und seinem Engagement eng verbunden. Den Förderverein Synagogenplatz, dessen stellvertretender Vorsitzender er trotz seines beträchtlichen Alters über viele Jahre hinweg war, habe er geprägt und durch historische und aktuelle Beiträge bereichert.

Gerhard Ulmer, der Verleger der Ludwigsburger Kreiszeitung, erinnert sich an Albert Sting, der für sein Geschichtswerk wochenlang im Zeitungsarchiv recherchiert hat, als einen ruhigen Menschen mit Humor, dem es immer wieder gelungen sei, mit seiner verschmitzten Art sein Umfeld zu begeistern.

Auf die Frage, ob er Angst vor dem Tod habe, antwortete Sting im vergangenen Jahr: „Nein. Ich habe keine Angst vor dem Tod und beschäftige mich immer wieder mit dem Sterben. Wenn ich nicht 100 oder älter werde, sterbe ich in den nächsten fünf Jahren.“

Nun ist Albert Sting im Alter von 96 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben.

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