Logo

Ludwigsburger Katholiken wollen Bevormundung aus dem Vatikan nicht mehr hinnehmen

Protestaktion mit Kreide: Im vergangenen Jahr hatten Reformer vor katholischen Kirchen zu mehr Toleranz und Vielfalt innerhalb der Kirche aufgerufen. Archivfoto: Andreas Becker
Protestaktion mit Kreide: Im vergangenen Jahr hatten Reformer vor katholischen Kirchen zu mehr Toleranz und Vielfalt innerhalb der Kirche aufgerufen. Archivfoto: Andreas Becker
Das Jahr 2021 war ein Rekordjahr für die katholische Kirche. Noch nie haben ihr so viele Mitglieder den Rücken gekehrt wie im vergangenen Jahr. Auch bei denen, die bleiben, wird der Unmut immer lauter. Eine Reformbewegung will die Kirche erneuern. Treibende Kräfte gehen insbesondere auch von Ludwigsburg aus.

Ludwigsburg. Martin Schockenhoff ist von klein auf Mitglied der katholischen Kirche. Der Anwalt ist aktiv in der Gemeinde in Neckarweihingen und dort auch als Wortgottesleiter tätigt. Trotz seiner Bindung an die Kirche hadert er immer mehr mit deren Strukturen. „Meine Frau ist schon aus der Kirche ausgetreten“, sagt er. Aus Protest. Weil sich die Kirche zu langsam bewege, weil sie die Verbindung zur Basis verloren habe.

Bewegung „Konzil von unten“ kommt am Wochenende zusammen

Auch Martin Schockenhoff ärgert das. Deshalb engagiert er sich stark in der Reformbewegung „Konzil von unten“. Am Wochenende treffen sich rund 400 Gläubige aus etwa 250 Kirchengemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart, um ihre Forderungen an die Kirche in ein Papier zu fassen. Viele der Teilnehmer kommen aus Ludwigsburger Gemeinden.

„Wir wollen der Basis eine Stimme geben“, sagt Schockenhoff. Denn der höhere Klerus fühle sich schon lange als „was Besseres“ und sei nicht reformbereit. „Es erfüllt mich mit Ärger, und ich will das nicht mehr hinnehmen! Die kassieren Unmengen an Kirchensteuer und liefern dafür nichts Gutes ab. Und dann sind sie auch noch überheblich!“

Auch Bischof Gebhard Fürst wird erwartet

Das Papier, das am Wochenende verabschiedet und an Bischof Gebhard Fürst übergeben werden soll, umfasst insgesamt sieben Punkte. Drei davon sind für Schockenhoff und seine Mitstreiter von besonderer Bedeutung. Da ist zum Beispiel die Rolle der Frau in der katholischen Kirche. Zwar sind es die Frauen, die viele Pfarrgemeinden im Alltag am Leben erhalten, geistliche Ämter dürfen sie aber nicht übernehmen. „Der Zugang zu den Weiheämtern ist allen Geschlechtern gleichermaßen zu ermöglichen“, heißt es folglich im Thesenpapier der Reformer.

Auch der Pflichtzölibat erscheint nicht allein vor dem Hintergrund der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche immer erklärungsbedürftiger. Martin Schockenhoff spricht für viele in der Kirche, wenn er fordert, dass auch Verheiratete zum Priester geweiht werden dürfen.

Kritik an starrer Sexualmoral

Die starre Sexualmoral der katholischen Kirche ist schon lange ein Thema. „Kein Sex vor der Ehe, und Sex nur zum Zwecke der Fortpflanzung, dafür gibt es aus theologischer Sicht gar keine Belege“, sagt Schockenhoff. Auch den Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren kritisiert er schwer. „Kein Mensch darf aufgrund seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden“, heißt es folglich in dem Reformpapier.

Und natürlich fordern die Unterstützer des Konzil von unten, dass auch Homosexuelle zu Priestern geweiht werden und gesegnet werden können. Es war zu Beginn des Jahres, als ein Papier aus dem Vatikan eben diesen Forderungen eine Absage erteilt hatte. Unter den deutschen Bischöfen löste das Protest aus, so Schockenhoff. Viele distanzierten sich von dem vatikanischen Schreiben. „Reformwillige Bischöfe betrachten die Basis als ihre Verbündete, nicht den Vatikan“, beobachtet Schockenhoff. Und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sagte im Frühjahr: „Ich glaube, die Resistenz der Kirche gegenüber Veränderungen hat nicht mehr länger Halt.“

Bätzing gilt unter den deutschen Bischöfen als reformwillig. In Rom trifft er aber auf verschlossene Türen. „Die deutsche Kirche ist der größte Finanzier des Vatikans, und Bätzing bekommt in Rom keinen Vatikan, seine Briefe werden nicht geöffnet“, ärgert sich Martin Schockenhoff.

Die Institution Kirche bewegt sich nur langsam

„Selbstzufrieden, alt und träge“ sei die katholische Kirche, sagt der Neckarweihinger. „Es ist extrem schwer, etwas zu ändern. Aber die Kirche hat sich über all die Jahre auch immer wieder bewegt.“ Deshalb will er seine Kirche noch nicht aufgeben. „Es ist für die Glaubwürdigkeit wichtig, dass sich die Menschen einsetzen.“ Genau das will er gemeinsam mit den Mitstreitern von Konzil von unten tun. Das Thesenpapier soll am Wochenende an Bischof Fürst übergeben werden. „Immerhin hat er sein Kommen zugesagt, das ist schon mal ein Anfang.“ Was dann aber mit dem Papier geschehe, sei völlig offen. Für 2023 hat Papst Franziskus die Generalversammlung der Weltsynode angekündigt. „Da wollen wir dazu. Das ist für uns sozusagen die Anschlussveranstaltung.“