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Ludwigsburger Sonderweg zu Ende

Kreistag votiert einstimmig für ein neues Mülltrennungssystem – 2022 kommen nun gelbe Tonnen und blaue Glasboxen

Eine Sammlung alter Glasflaschen: Sie kommen nach dem Willen des Kreistages künftig in blaue Boxen. Foto: Sergey/stock.adobe.com
Eine Sammlung alter Glasflaschen: Sie kommen nach dem Willen des Kreistages künftig in blaue Boxen. Foto: Sergey/stock.adobe.com

Kreis Ludwigsburg. Was sich seit Wochen abgezeichnet hat, steht nun fest. Zum Jahresende läuft im Kreis Ludwigsburg das seit rund 30 Jahren geltende Müllsammelsystem flach und rund aus. Am Freitag stimmte nach dem Aufsichtsrat der kreiseigenen Abfallverwertungsgesellschaft AVL und dem Ausschuss für Umwelt und Technik auch der Kreistag einstimmig dafür, künftig gelbe Tonnen für Verpackungen und blaue Glassammelboxen einzuführen. In die grünen Flach-Tonnen kommt künftig nur noch Altpapier, die Rund-Tonnen werden ersatzlos gestrichen und eingezogen. Mit dieser Entscheidung neigt sich ein Sonderweg dem Ende entgegen, den im Südwesten lediglich noch der Enzkreis mitgegangen ist.

Die geplanten Änderungen haben in den vergangenen Wochen emotionale Äußerungen in der Bevölkerung hervorgerufen. In Leserbriefen an unsere Zeitung war beispielsweise von einer „Schnapsidee der AVL“ die Rede. Der Geschäftsführer Tilman Hepperle betonte im Kreistag erneut, dass eine Verschärfung des Verpackungsgesetzes ein Einschreiten nötig gemacht hätte. Demnach fordert der Gesetzgeber, dass Müll der Umwelt zuliebe sortenreiner zu trennen und so besser verwertbar zu machen sei. Die Konsequenz: Eine neue Vereinbarung zwischen dem Landkreis und seiner Entsorgungs-GmbH AVL sowie den Dualen Systemen, in denen einschlägige Branchen ihre Verpflichtungen zur Verwertung von Verpackungen bündeln, musste her. Hepperle: „Es handelt sich also um eine Kompromisslösung.“

Die AVL rühmt sich, in den Verhandlungen mit der Privatwirtschaft Schlimmeres verhindert zu haben: Gelbe Säcke statt der gelben Tonnen und die Altglasentsorgung in Containern statt zu Hause, so wie es etwa in Stuttgart üblich ist. „Im Kreis Ludwigsburg werden alle Wertstoffe auch weiterhin an der Haustür abgeholt“, so der AVL-Chef am Freitag.

Für Hepperles Verhandlungsergebnis gab es im Kreistag viel Lob, zumal es langfristig die Gebührenkasse schonen soll. Die Freien Wähler sprechen zwar von „gravierenden Einschnitten“, weil auf manche Haushalte mit der blauen Glasbox ein zusätzliches Gefäß zukommt. „Das neue System bleibt dem bisherigen vom Komfort her jedoch am nächsten“, so der Fraktionschef Rainer Gessler aus Markgröningen. Die SPD sieht den Landkreis und die AVL auf einem richtigen Weg. Der Marbacher Kreisrat Ernst-Peter Morlock: „Ein ,Weiter-so‘ war mit den Dualen Systemen nicht mehr konsensfähig.“ Das alte Prinzip flach und rund bezeichnete er gestern als „exotisch und teuer“. Der FDP-Fraktionschef Volker Godel aus Ingersheim machte deutlich, dass „wir die Veränderungen nicht aus eigenem Antrieb“ angestoßen hätten. Die neuen gelben Tonnen und blauen Boxen würden jedoch für Kundenfreundlichkeit, Rechtssicherheit und nachhaltiges Wirtschaften sorgen. „Der Preis dafür ist ein Behältnis mehr.“

Die Grünen begrüßten es, dass die Wertstoffe künftig besser verwertet werden können. „Dieses Ziel haben wir mit flach und rund nicht erreicht“, sagte die Ditzingerin Doris Renninger. Noch lieber würde es ihre Partei jedoch sehen, wenn die Menschen künftig weniger Müll produzieren. „Beim Blick in die Mülltonnen kommt da immer noch zu viel zusammen“, sagte sie im Kreistag.

Die CDU schlug am Freitag vor, im nächsten Jahr den Einsatz der Biomülldetektive auch auf das neue System auszuweiten. Der Erdmannhäuser Kreisrat Horst Stegmaier erinnerte daran, dass die Zahl der Störstoffe so nahezu halbiert werden konnte.

Für die Linken wird 2021 nicht nur das Jahr der Pandemie sein, sondern auch des Tonnentauschs. Der Vaihinger Kreisrat Peter Schimke spielte damit darauf an, dass die Dualen Systeme bereits im kommenden Herbst die neuen gelben Tonnen und blauen Glasboxen anliefern wollen. Im Gegenzug werden die jetzt ausrangierten Rund-Tonnen aber wohl erst im ersten Quartal des kommenden Jahres abgeholt. Der AVL-Geschäftsführer Hepperle räumte ein: „Während dieser Übergangsphase kann es zu Platzproblemen kommen. Wir erwarten von den Entsorgern, dass die Bürger rechtzeitig informiert werden.“ Immerhin: Sie müssen die Behälter nicht bestellen, laut AVL erfolge die Auslieferung automatisch.

Diese Prozedur sorgt bei Freien Wählern, SPD und Linken allerdings auch für Kritik. Der Markgröninger Gessler etwa bemängelte, dass die Menschen bei den Glasboxen keine Mitwirkungsmöglichkeiten hätten. „Änderungen sind erst möglich, wenn die Gefäße schon im Hof stehen“, so der Freie Wähler. Es gebe „nicht wenige“, die statt einer Box sofort lieber eine größere Tonne hätten. „Vielleicht geht da noch was“, sagte Gessler. „Wir fordern, dass die Bürger rasch bedient werden.“ In den Augen der SPD ist die Auslieferungspolitik der Dualen Systeme „sehr rigoros“.

Landrat Dietmar Allgaier versicherte am Freitag, dass der „Hinweis angekommen ist“ und in den weiteren Gesprächen berücksichtigt werde. Grundsätzlich zeigte sich Allgaier optimistisch, dass Kreis, AVL und die Dualen Systeme die Umstellung bewältigen werden. Als Positivbeispiel nannte er den Rhein-Neckar-Kreis, wo bereits Glasboxen im Umlauf sind.

Ruhe wird Allgaier das Geschäft mit dem Müll aber nicht so schnell bringen. Bekanntlich hatte der Kreis im Januar beschlossen, die Müllgebühren um fast 14 Prozent zu erhöhen – mal wieder zweistellig. Auslöser sind die massiv gestiegenen Nachsorgekosten auf den Deponien Burghof bei Horrheim und Lemberg bei Poppenweiler. Eine Bürgerinitiative will gegen diese Vorgehensweise klagen und möglichst viele Mitstreiter hinter sich vereinen.

Der AfDler Walter Müller sagte am Freitag: „Wir erwarten, dass alles getan wird, damit an der Preisfront Stabilität einkehrt.“

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