Logo

„Man muss gehen, wenn es am schönsten ist“

Nach zwölf Jahren an der Matern-Feuerbacher-Realschule wechselt Rektor Jochen Haar ins Regierungspräsidium. Obwohl er nicht gern im Vordergrund steht, hat er sich mit der LKZ zum Abschiedsgespräch getroffen. Dabei zeigte sich, dass er die Schule mit derzeit 577 Schülern und 47 Lehrern vermissen wird. Dennoch hält er den Schritt für nötig.

Beim Interviewtermin standen bei Jochen Haar bereits einige Umzugskartons, was aber auch daran liegt, dass ein Gebäude der Realschule demnächst saniert wird. Foto: Ramona Theiss
Beim Interviewtermin standen bei Jochen Haar bereits einige Umzugskartons, was aber auch daran liegt, dass ein Gebäude der Realschule demnächst saniert wird. Foto: Ramona Theiss

Großbottwar. Bei der Einsetzung hatte Ihnen ein Lehrer einen Vorschlaghammer für den Durchbruch und Gummistiefel für die Bodenhaftung überreicht. Was haben Sie in den zwölf Jahren eher gebraucht?

Jochen Haar: Ich denke, Bodenhaftung brauche ich nicht, ich bin bodenständig. Ich habe mich in der Zeit natürlich verändert, aber ich habe mich nicht verbiegen lassen. Mit den Werten, mit denen ich gekommen bin, gehe ich auch wieder raus. Auch einen Vorschlaghammer habe ich bei dem Kollegium, den Eltern und Schülern überhaupt nicht gebraucht.

„Gemeinsam stark fürs Leben“ lautet das vielzitierte Schulmotto. Wie kann man Schüler in einer immer schnelllebigeren Zeit auf das Leben vorbereiten?

Das Motto wird nicht nur häufig zitiert, sondern wird tatsächlich an der MFR gelebt. Man muss es auch der Zeit anpassen und daran arbeiten. Wir haben einen familiären Umgang miteinander, fordern aber auch etwas ein. Neben dem Unterricht ist uns das Miteinander sehr wichtig. Dies beginnt bei einer gegenseitigen Begrüßung und auch das Ansprechen mit Namen. So agieren wir vielleicht konservativ, wenn es um das Tragen bestimmter Kleidung geht, weil das eine gewisse Haltung ausdrückt. Bei anderen Dingen müssen wir einfach mit der Zeit gehen. Der Umgang mit Handys war zwölf Jahre lang streng tabu, aber nun überlegen wir, wie wir das künftig ändern müssen, weil das Handy mittlerweile auch ein Medium für den Unterricht ist. Damit wir die Schüler auf die Lebenswelt vorbereiten, ist uns die Berufsorientierung der Schüler sehr wichtig, was durch die Zertifizierung mit dem BoriS-Siegel schon zweimal bestätigt wurde. Wir wollen, dass möglichst alle unsere Schüler am Ende einen Anschluss finden, und führen teilweise, wenn nötig, Einzelgespräche, wenn sie noch keinen Job haben.

In Ihrer Zeit als Rektor wurde das Angebot der Ganztagsbetreuung eingeführt, das es derzeit für die Stufen 5 und 6 gibt. Wie hat es das Schulleben verändert?

Wir sind damit nun im elften Jahr. Das hat das Schulleben schon immens verändert und mehr Leben in die Schule reingebracht. Die Ganztagsschule ist eine absolute Bereicherung. Das ist keine Aufbewahrungsanstalt, wir bieten neben der Hausaufgabenbetreuung unglaublich vielseitige Angebote an, wie zum Beispiel Bauernhof, Boxen, Reiten, Tennis, Turnen, Fußball, Kochen, Musikschule, „Starke Mädchen“, Präsentationstechniken und einmal Briefmarkensammeln. Die Kinder werden auch selbstständiger. Am Anfang waren sie nach dem Ganztag müde und schlapp, doch nach einem Vierteljahr wurden sie belastungsfähiger.

Ist das Modell Ganztagsbetreuung für alle Schüler gleichermaßen geeignet?

Ich bin gegen die gebundene Ganztagsschule, auch wenn sie aus organisatorischer Sicht bestimmt einfacher zu gestalten wäre. Als ich damals hierhergekommen bin, hätte ich das für meine eigenen Kinder nicht gewollt. Bei der Konzepterstellung hat eine Arbeitsgruppe aus Lehrern, Eltern und dem damaligen Kämmerer der Stadt überlegt, wie wir es hinbekommen, dass unsere Kinder von der Ganztagsschule begeistert wären. In der Pandemie hat die Koordinatorin alle Kinder angerufen, da wir den Ganztag nicht mehr aufrechterhalten konnten. Dadurch wurde deutlich, dass viele Familien die Betreuung nicht unbedingt benötigen, sondern einfach gerne wahrgenommen haben, und das ist meines Erachtens ein Zeichen von Qualität.

Auch den Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung haben Sie hier erlebt. Wie hat sich das ausgewirkt?

Für die Grundschulen war das vielleicht eine Erleichterung, für die weiterführenden Schulen eine Schwierigkeit. Aber man darf nicht jammern, sondern muss nach Lösungen suchen. Ich bin zwar schon ein Freund von Vielfalt. Aber wenn in einem Klassenzimmer ganz schwache Kinder, die fast Förderbedarf haben, und Gymnasialkinder sitzen und sich gegenseitig unterstützen sollen, dann ist das eine schöne Vision, erschwert jedoch unter anderem den Lernerfolg im Unterricht ungemein. Daher haben wir entschieden, eine MFR-Plus-Klasse für Kinder mit sehr guter Realschulempfehlung und alle mit Gymnasialempfehlung einzuführen. In den vergangenen zwei Jahren sind die Noten dadurch selbst bei den Schwächeren – trotz Pandemie – deutlich besser geworden. Wir haben viel mehr Schüler mitgenommen und hatten viel weniger Verhaltensprobleme.

Baulich hat sich die Schule ebenfalls verändert: Eine Mensa entstand, zuerst wurde ein Gebäude saniert, bald folgt das andere. Wie funktionierte dabei die Zusammenarbeit mit Stadt und Gemeinderat?

Die Stadträte schätzen das gesamte Schulzentrum sehr. Bürgermeister Ralf Zimmermann steht immer zu uns und auch die Hauptamtsleiterin Mona Trinkner unterstützt uns Schulen in jeglichem Bereich intensiv. Wir werden gefragt, wir werden mit eingebunden. Großbottwar ist nicht gerade eine reiche Stadt, aber es wurden sehr wenige Wünsche abgelehnt und wenn, dann gab es dafür einen triftigen Grund. Die Schulen haben hier einen sehr hohen Stellenwert.

Die MFR lebt vom Miteinander. In der Pandemie musste die Schule aber auf Events wie das jährliche Musical und den Triathlon verzichten. Wie hat sich das auf den Zusammenhalt ausgewirkt?

Von den Projekten, die waren, möchte ich kein einziges missen – kein Musical, keinen Triathlon, keinen Schüleraustausch. Dennoch muss man sagen, dass die Anzahl der Schulveranstaltungen in den vergangenen 15 Jahren enorm angestiegen ist, und vielleicht hat die Pandemie diese Entwicklung etwas aufgehalten und auch eine Bodenständigkeit zurückgebracht. Wir sind schließlich keine Event-Agentur. Vielleicht ist weniger manchmal mehr, und man erlebt es dafür intensiver. Vielleicht sollte man den Unterricht wieder verstärkt in den Fokus bringen. In einer Krise erkennt man auch, wo es funktioniert und wo nicht. Ich bin stolz, wie das Kollegium in den vergangenen zwölf Jahren, aber auch in der Pandemie mitgezogen hat. Wir haben gesagt, wir lassen die Kinder nicht hängen. Auch die Eltern haben nicht nur in der Krise unglaublich mitgewirkt.

Was haben Sie in der Coronazeit als größte Herausforderung empfunden?

Manche Sachen versteht man nicht. Warum durften die Schüler im Februar bei einer Inzidenz zwischen 20 und 40 nicht in den Unterricht und warum mussten sie bei 190 unbedingt in die Schule geschickt werden? Es war manches sehr fragwürdig. Aber auch da gilt es, nicht zu jammern, sondern es so umzusetzen, dass die Kinder möglichst wenig darunter leiden. Dies fällt deutlich leichter, wenn einem Menschen zur Seite stehen, wie unsere Schulverwaltung, für die ich eigentlich Vergnügungssteuer zahlen müsste, oder ein derartiges Kollegium.

Was haben Sie daraus für die Gestaltung der Schule der Zukunft mitgenommen?

Man muss die Digitalisierung einbeziehen und darf nicht mehr wegschauen. Wir hatten schon vor der Pandemie eine relativ starke Medienplanentwicklung und die Krise hat diese nur immens beschleunigt. Corona ist vielleicht auch hilfreich, um eine Bestandsaufnahme zu machen: Was von den alten Zöpfen ist nicht mehr zeitgemäß, auch wenn das Herz daran hängt? Jetzt ist diese Chance da, an der MFR vielleicht durch meinen Wechsel noch verstärkt.

Wird Ihnen im Regierungspräsidium der Kontakt zu den Schülern fehlen?

Klares Ja. (Hält inne und sammelt sich) Als Rektor ist man Motor einer Schule und mit meinem Führungsstil und mit meiner Haltung kann ich dies nicht bis zur Rente machen. Man muss gehen, wenn es am Schönsten ist. Und nicht, wenn es nicht passt. Vor zwölf Jahren hatte ich das Gefühl, das ist ein Traum, das gibt es gar nicht. Aus dieser für mich so empfundenen Komfortzone, was das Miteinander an der MFR betrifft, muss ich mich rausziehen. Außerdem sollen die Kinder sich nicht in fünf Jahren fragen: Wann geht der alte Kerl?

Aufhebens um Ihre Person mögen Sie ja eher nicht so. Mit welchen Gefühlen sehen Sie Ihrer Abschiedsfeier entgegen?

Ich hoffe, es wird witzig. Natürlich wird es auch emotional. Da ist eine riesige Verbundenheit mit den Menschen rund um diese Schule und ganz besonders auch mit meiner Verwaltung. Als Schulleitung haben wir uns immer als Team gesehen. Dieses Gemeinsame ist absolut keine Worthülse, es ist eine Schulkultur. Aber ich freue mich jetzt auf die neue Tätigkeit.

Autor: