Logo

Mehr als nur ein Blumentopf zu gewinnen

Die Schlossfestspiele bestreiten ein kleines, feines Finale mit Mozart, Bartók und viel Percussion im Ordenssaal

Voller Einsatz des Festspielorchesters im Ordenssaal: Babette Haag agiert virtuos am Marimba, Gustavo Surgik und Holger Koch (rechts) nicht minder elegant an den Geigen. Fotos: Holm Wolschendorf
Voller Einsatz des Festspielorchesters im Ordenssaal: Babette Haag agiert virtuos am Marimba, Gustavo Surgik und Holger Koch (rechts) nicht minder elegant an den Geigen. Foto: Holm Wolschendorf
Voller Einsatz des Festspielorchesters im Ordenssaal: Babette Haag agiert virtuos am Marimba, Gustavo Surgik und Holger Koch (rechts) nicht minder elegant an den Geigen.Fotos: Holm Wolschendorf
Voller Einsatz des Festspielorchesters im Ordenssaal: Babette Haag agiert virtuos am Marimba, Gustavo Surgik und Holger Koch (rechts) nicht minder elegant an den Geigen. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Zum Abschluss der Festspielsaison wurde in den vergangenen Jahren traditionell ganz groß aufgetischt, mit Pauken und Trompeten entließen sich Intendant, Festspielorchester und Publikum gegenseitig in die wohlverdiente Sommerpause. In diesem Jahr blickt das durch die Coronapandemie gebeutelte Festival unter dem neuen Intendanten Jochen Sandig auf einen nur rund einwöchigen, aber überaus schillernden kammermusikalischen Endspurt zurück. Das wegen der hohen Nachfrage bei geringer Platzkapazität doppelt präsentierte Finale im Ordenssaal am Sonntag passt sich den Umständen an: Pauke und Trompete sind an diesem Abend zwar sogar mit von der Partie, insgesamt ist der Duktus aber ruhiger, nachdenklicher, wenn auch mit Augenzwinkern. Denn groß ist die Freude bei allen Beteiligten, in diesem Fall 14 Mitglieder des Festspielorchesters, nun spielen zu können.

Ein so furioses wie leichtfüßiges Programm stellt das bunte Ensemble auf die Beine: Neben zahlreichen Duos für zwei Violinen von Béla Bartók – hier beeindrucken Konzertmeister Gustavo Surgik und Holger Koch mit Präzision und kecker Haltung – stehen mannigfaltige perkussive Werke mit Babette Haag auf dem Programm. Gekrönt von Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenquintett in strahlendem A-Dur, das dieser einst seinem Freund Anton Stadler auf den Leib schrieb. Ein „historischer Moment“ sei es, dieses Werk hier und heute zu hören, jubelt der Intendant zur Begrüßung: Schließlich erklang das Quintett 1932 bei der Geburtsstunde der Schlosskonzerte, dem Vorläufer der heutigen Schlossfestspiele, an gleicher Stelle. 257 Jahre wiederum sei es her, hat Sandig ausgerechnet, dass Mozart in der Barockstadt weilte – und nicht ins Schloss gelassen wurde.

So viel zur Mathematik, beim letzten Konzert der Saison 2020 zählt glücklicherweise vor allem die Musik – die nun statt Pärt, Beethoven und Mahler erklingt. Und die kann sich hören lassen. Manfred Lindner ist beim Klarinettenquintett der Mann der Stunde. Ein wenig amüsiert, so scheint es, blickt er in den wegen der Abstandregelungen nur lückenhaft bestuhlten Ordenssaal, dann setzt er mit seinem Instrument an. Im Allegro folgt er den von zarten Pizzicati garnierten Wogen der Streicher – Ramin Trümpelmann, Anna Robicka (beide Geige), Jano Lisboa (Bratsche), Vache Bagratuni (Cello) –, fühlt sich mit ätherischen Läufen sanft ein in die zarten Molltrübungen des Klangapparats. Immer wieder schält er sich im Larghetto elegant und mit samtigem Ton aus dem Ensemble heraus, bevor er sich im finalen Allegretto con variazioni die melodischen Bälle mit der ersten Violine hin und her spielt. Transparent, druckvoll – wunderbar.

Babette Haag bringt zuvor den Saal mit sehens- wie hörenswerten Einlagen in Wallungen. Virtuos perlend der „Libertango“ von Astor Piazzolla in einer Bearbeitung von Eric Sammut für Marimba, die die Musikerin mit vier Schlägeln bearbeitet. Spannend auch Eugene Novotneys „A minute of news“ auf der Snare-Drum, die „Clash-Music für ein Beckenpaar“ von Nicolaus A. Huber oder das so luftigen wie unkonventionelle „To the earth“ (Frederic Rzewski), das Haag auf vier umgedrehten Blumentöpfen spielt, während sie einen auf einer Hymne von Homer basierenden englischen Text rezitiert.

Der Abend ist ein Ausrufezeichen, ja, ein wichtiges Lebenszeichen des Festspielorchesters, dessen Fortbestand eine Zeit lang infrage zu stehen schien. Was die Zukunft bringt, wird sich im nächsten Jahr zeigen. „Wenn es das Orchester nicht schon gäbe, müsste man es erfinden“, pflegt Jochen Sandig immer wieder zu versichern. Und das lässt hoffen – denn musikalisch lohnenswert ist es in jedem Fall.

Autor: