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Mehr Gewerbe, aber nur nachhaltig

Es ist noch keine Entscheidung für oder gegen einen Regionalen Gewerbeschwerpunkt bei Müllerheim, eine wichtige Weiche aber gestellt: Der Gemeinderat stimmte strengen Leitlinien und der Gründung einer Gesellschaft zur Sondierung der Grundstücksverfügbarkeit zu.

Wo heute Ackerflächen sind (Bildmitte rechts), soll sich einmal Gewerbe ansiedeln, so wünscht es auch der Verband Region Stuttgart. Foto: Kuhnle
Wo heute Ackerflächen sind (Bildmitte rechts), soll sich einmal Gewerbe ansiedeln, so wünscht es auch der Verband Region Stuttgart. Foto: Kuhnle

Korntal-Münchingen. Korntal-Münchingen leistet sich viel für eine hohe Lebensqualität – doch das kostet auch. Bürgermeister Joachim Wolf warb deshalb, die Vorzüge einer komfortablen Infrastruktur und die finanziellen Herausforderungen abwägend, für einen Regionalen Gewerbeschwerpunkt. Die liquiden Mittel sähen heute noch gut aus, im Jahr 2024 aber werde man eine Umkehr und wachsende Schulden erleben.

Intensiv haben sich die Ratsmitglieder mit den Bedingungen für die schon lange diskutierte Ansiedelung beschäftigt und dazu in Workshops unter der Moderation des Stadtplaners Professor Wolfgang Frey Leitlinien erarbeitet, gerade mit Blick auf das Thema Nachhaltigkeit. Die grundsätzliche Entscheidung, Schritte einzuleiten, umfasst die Sondierung, ob Grundstücke auf der einmal vorgesehenen 25 Hektar großen Fläche an der A81-Anschlussstelle Zuffenhausen zu bekommen sind. Die Aufgabe soll eine noch zu gründende Gesellschaft übernehmen, und zwar unabhängig von der Stadtverwaltung.

Im weiteren Prozess soll die Realisierung im Hinblick auf die Leitlinien und Ergebnisse der Eigentümergespräche vertieft untersucht und die Planung konkretisiert werden. Erst danach erfolgt der Einstieg in ein Bebauungsplanverfahren, über das der Gemeinderat das letzte Wort hat. Die Verwaltung stellt heraus, dass namhafte Unternehmen aus der Region großes Interesse an der Gebietsentwicklung hätten.

Die Meinungen im Gremium blieben geteilt; die Mehrheit zeigte sich aber offen für „die Chance“, wie es einige Räte in ihren ausführlichen Abwägungen nannten. Als größtes Contra genannt wurde der zusätzliche Verkehr „ohne vernünftige B10-Anbindung“. Die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung von Gewerbe betreffen unter anderem die Ökologie (Kleinklima schaffen), Mobilität (Wolf über die Stadtbahn Ludwigsburg: „Warum soll sie nicht hierherfahren?“), Energie (grüne Wasserstofftechnologie) und Soziales (Wolf: „Alles, was Mehrwert für die Müllerheimer bis nach Kallenberg bietet“).

Der Fraktionsvorsitzende der CDU, Oliver Nauth, sah noch akuten Klärungsbedarf bei den Aspekten Ackerboden-Verlust und verkehrliche Auswirkungen. Das Potenzial aber, unterstrich er, „ist vorhanden“, doch sehe er „auf dem Weg dahin noch große Herausforderungen“. Heterogener war das Meinungsbild bei den Freien Wählern, wie Fraktionsvorsitzende Marianne Neuffer ihrer Rede vorausschickte. Ihrer persönlichen Ansicht nach müssten die wichtigen Leitlinien „gewährleisten, dass kein 08/15-Gebiet“ entwickelt werde. Sie stehe dem Thema positiv gegenüber, da sie es als „die große Chance für unsere Stadt“ sehe. Ganz klares „Ja“ signalisierte die FDP-Fraktion, zumal das jährliche Zwei-Millionen-Euro-Defizit aus ihrer Sicht keine Alternative zulässt. Das Instrument der Steuererhöhung finden die Freidemokraten nicht geeignet. Die Nachbarkommunen Ditzingen und Gerlingen hätten beispielsweise höhere Gewerbesteuereinnahmen, aber ohne höheren Hebesatz. „Die FDP sieht die Chance, hier ein Leuchtturmprojekt auf den Weg zu bringen“, resümierte Peter Ott. Aus Sicht von Renate Haffner (SPD) müsse noch die Bereitschaft der Bevölkerung geprüft werden, Ackerflächen zu opfern. Sie kündigte aber an: „Die SPD-Fraktion stimmt der Vorlage zu, auch wenn die Lösung der Verkehrsführung noch nicht ganz überzeugt.“

Nicht überzeugt war CDU-Rat Markus Schaible, der den in Aussicht gestellten Ertrag in Zweifel zog – er nannte eine Summe von lediglich 800000 Euro im Jahr für die Stadt – und deutlich machte, dass er den Verlust von Ackerboden nicht mitträgt. „Der Bauer verliert nicht nur seine Lebensgrundlage, er erhält auch keinen Ausgleich“, so Schaible.

Die Freie Wählerin Annette-Hilde Föhl-Müller sagte, sie sei nicht gegen das Gewerbegebiet, aber gegen eine Umsetzung ohne vernünftige Anbindung an die B10. Zudem befürchtet sie eine „Eigendynamik“, wenn die Stadt bei den Verhandlungen um die Grundstücke nicht involviert ist. Bürgermeister Joachim Wolf meinte dazu, es sei wichtig, „die Dinge so zu präzisieren, dass wir immer Herr des Verfahrens bleiben“.

Die Gründung einer Gesellschaft wollten am Ende 13 Stimmberechtigte (inklusive Bürgermeister), sieben sagten Nein. Den Leitlinien zur nachhaltigen Gebietsentwicklung stimmten ebenfalls 13 zu, vier dagegen und drei enthielten sich.

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