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Mineralfreibad bleibt geschlossen

Beilsteiner Gemeinderat mehrheitlich für Öffnung, Oberstenfelder Gemeinderat knapp dagegen – Dilemma im Zweckverband

In diesem Sommer wird wohl niemand im Mineralfreibad Oberes Bottwartal seine Bahnen ziehen – auch nicht mit Abstand. Archivbild: Oliver Bürkle
In diesem Sommer wird wohl niemand im Mineralfreibad Oberes Bottwartal seine Bahnen ziehen – auch nicht mit Abstand. Archivbild: Oliver Bürkle

Oberstenfeld/Beilstein. Ein Dilemma ist eine Zwangslage, in der man zwischen zwei gleich schwierigen/unangenehmen Dingen wählen muss. Insofern befanden sich die Oberstenfelder und Beilsteiner Gemeinderäte am Dienstagabend in einem klassischen Dilemma, sofern sie gleichzeitig Mitglieder des Zweckverbands Mineralfreibad Oberes Bottwartal sind. Das Ergebnis nach drei Stunden: Frust bei den Gemeinderäten, Unmut bei den zuhörenden Bürgern – und ein geschlossenes Freibad. Wie war es dazu gekommen?

Die beiden Kommunen, die das Mineralfreibad betreiben, hatten mehrere Varianten durchgerechnet unter der Frage: Was kostet es, wenn....? Wenn man

das Bad gar nicht öffnet,

wenn man es öffnet und den gleichen Eintritt verlangt wie seither (5,50 Euro Erwachsene, 3 Euro Kinder),

man den Eintritt senkt, wegen der Einschränkungen (3 Euro/1,50 Euro)

man den Eintritt erhöht (7 Euro/5 Euro)

und wenn man das Bad bis zum 27. September offen lässt? Bei den Berechnungen war ein Abmangel zwischen rund 400.000 Euro (bei Schließung) und rund 980.000 Euro (bei reduzierten Preisen) herausgekommen; normalerweise beträgt das Minus rund 460.000 Euro.

Beide Gemeinderäte diskutierten am Dienstag parallel über diese Frage und in Beilstein war das Ergebnis nach rund einer Stunde deutlich: Öffnen! Und zwar zu den aktuellen Preisen. Tenor im Gremium: Wir haben das schönste Bad in Deutschland, das muss man auch aufmachen! Zudem, so die Prognose, werden viele Familien in diesem Jahr nicht in Urlaub fahren, weshalb man ihnen wenigstens ein bisschen Vergnügen vor der Haustür anbieten sollte. Einzig die Bürgerliste mit vier Sitzen hatte finanzielle Bedenken und stimmte gegen die Öffnung.

In Oberstenfeld wurde zur gleichen Zeit ebenfalls leidenschaftlich, aber deutlich kontroverser diskutiert: Was bringe es denn, zu öffnen, wenn nicht alle Attraktionen zugänglich sind? Und ob ein Freibadbesuch unter Coronabedingungen überhaupt attraktiv sei? Mit einer Stimme Mehrheit ging die Abstimmung sehr knapp für eine Schließung des Bades aus.

Damit hatten beide Gremien den Zweckverbandsdelegierten aus ihren Reihen ein Mandat mit auf den Weg gegeben. Die Beilsteiner Delegation musste bei der anschließenden, entscheidenden Zweckverbandsversammlung für eine Öffnung stimmen, die Oberstenfelder Delegation gegen die Öffnung und zwar ganz unabhängig davon, wie die jeweiligen Delegierten zuvor gestimmt hatten. Das führte schon vor der Sitzung des Zweckverbands zu einer spürbaren Spannung in der Luft, denn Oberstenfeld verfügt im Zweckverband über zwei Stimmen mehr als Beilstein. Dazu kommt eine Besonderheit: Wenn nur ein Delegationsmitglied anders stimmt, als der Gemeinderat vorher entschieden hat – was möglich ist, denn niemand ist gezwungen, sind an das Mandat zu halten – zählen auch die anderen Stimmen „seiner“ Delegation nicht mehr.

Kuriose Abstimmung

Das führte zu einer skurrilen Situation: Während es ohne diese strenge Mandatierung im Zweckverband eine Mehrheit für eine Öffnung gegeben hätte, stand schon vor der Abstimmung die Mehrheit für die Schließung so gut wie fest – wegen der Oberstenfelder Stimmenmehrheit. Aber es kam noch kurioser.

„Ich hebe nicht die Hand für etwas, hinter dem ich nicht stehe!“, wetterte SPD- Gemeinderat Hanns-Otto Oechsle aus Oberstenfeld; er hatte zuvor für die Öffnung gestimmt. Damit waren alle Oberstenfelder Simmen obsolet. Da nun aber auch die Beilsteiner nicht geschlossen so stimmten, wie die Gemeinderatsmehrheit ihnen aufgetragen hatte (nämlich für die Öffnung), wurden die Stimmen beider „Lager“ nicht gewertet – Ergebnis: Deutschlands attraktivstes Bad (O-Ton einer Internetumfrage) bleibt in diesem Jahr geschlossen.

Die zahlreich im Corona-Abstand sitzenden Bürger reagierten mit Unmut und verließen den Saal. Bei der Mehrheit der Zweckverbandsmitglieder herrschte eher Frust vor. Oechsle regte eine rechtliche Prüfung der Gesetzeslage an und Ursula Keppler (CDU, Oberstenfeld) ätzte, man könne das Bad dann vielleicht wenigstens für Hunde freigeben. Der Verbandsvorsitzende, Oberstenfelds Bürgermeister Markus Kleemann, darauf: „War das jetzt ein ernsthafter Antrag?“ – Ursula Keppler: „Nein, das war Sarkasmus.“

Im Übrigen ist im Oberstenfelder Gemeinderat namentlich abgestimmt worden. „Bei uns gibt es ja Transparenz“, kommentierte Kleemann.

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