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Mit dem Fachkräftemangel leben

Die Gemeinde Möglingen sucht mit großformatigen Plakaten auf Litfaßsäulen nach Fachpersonal für ihre Kitas – hier in der Ludwigsburger Körnerstraße. Foto: Ramona Theiss
Die Gemeinde Möglingen sucht mit großformatigen Plakaten auf Litfaßsäulen nach Fachpersonal für ihre Kitas – hier in der Ludwigsburger Körnerstraße. Foto: Ramona Theiss
Angesichts des anhaltenden Mangels von Erzieherinnen und Erziehern in den Kitas im Land schlägt der Gemeindetag Baden-Württemberg Alarm und fordert von der Landes- und Bundespolitik ein Maßnahmenpaket. Doch von größeren Gruppen oder einem geringeren Personalschlüssel halten die Kommunen im Landkreis wenig, wie eine stichprobenartige Umfrage zeigt.

Kreis Ludwigsburg. Nach einer Klausurtagung des Präsidiums spricht Gemeindetagspräsident Steffen Jäger von einer „Notlage“ in der Kinderbetreuung: Bis 2030 fehlten bis zu 40000 Erzieherinnen und Erzieher. Und schon jetzt können längst nicht alle freien Stellen in Kitas und Kindergärten mit qualifiziertem Fachpersonal besetzt werden. Aus Sicht von Steffen Jäger müsse deshalb eine Diskussion über mögliche Maßnahmen eröffnet werden. Dazu zählt er mehr Geld von Land und Bund, aber auch eine – vorübergehende – Absenkung der Standards: Das hieße zeitweise größere Gruppen sowie die Möglichkeit, den Mindestpersonalschlüssel übergangsweise zu unterschreiten.

Doch diese Vorschläge haben auch ihre Schattenseiten. So zeigt sich etwa Marbachs Bürgermeister Jan Trost skeptisch. „Bei einem geringeren Personalschlüssel oder größeren Gruppen würde das vorhandene Personal noch stärker belastet, was wiederum eine höhere Fluktuation oder gar einen Ausstieg aus dem Beruf nach sich ziehen könnte. Deshalb halte ich davon relativ wenig.“ Ein Weg könnte aus seiner Sicht die verstärkte Ausbildung von Erzieherinnen in den Kommunen sein, außerdem „müssen wir im Arbeitsumfeld einen guten Rahmen vorgeben.“

Fürsorge einerseits, Betreuung andererseits

Freilich: Eine schnelle Lösung ist eine verstärkte Ausbildung nicht, das weiß Trost. Denn wenn auch die Stadt Marbach im Moment in der glücklichen Lage ist, alle 63 Stellen in ihren Kitas besetzt zu haben, so verschärft sich der Fachkräftemangel mittelfristig durch den Bedarf an neuen Einrichtungen – der ist wiederum höheren Geburtenraten geschuldet. So plant die Stadt im Ortsteil Rielingshausen nun nach Zeiten des Provisoriums einen dritten Kindergarten, zudem soll ein Waldkindergarten entstehen.

Ähnlich wie Trost argumentiert auch Michael Hanus, neuer Erster Bürgermeister von Bietigheim-Bissingen. „Es würde helfen, für eine Übergangszeit Instrumente wie die vom Gemeindetag genannten an der Hand zu haben“ – aber auch Hanus warnt vor einer damit einhergehenden stärkeren Belastung des vorhandenen Personals. „Wir müssen den Spagat zwischen unserer Fürsorgepflicht als Arbeitgeber und einer guten Betreuung schaffen.“

Anders als in Marbach sind in Bietigheim-Bissingen aktuell zehn Stellen unbesetzt; „außerdem haben wir zu wenig Betreuungsplätze“, bilanziert Hanus – obwohl die Stadt 1700 Plätze bereitstellt. Um gegenzusteuern, setzt auch die große Kreisstadt auf Ausbildung, 30 Plätze sind im pädagogischen Bereich vorhanden. „Allen, die in diesem Jahr ihre Ausbildung beenden, machen wir ein Übernahmeangebot.“ Damit habe die Stadt gute Erfahrungen gemacht, „nahezu alle Auszubildenden sind geblieben“.

„Wir fischen alle im gleichen Teich“

Ausbildung ist das eine, parallel suchen die Kommunen natürlich permanent nach Personal. Und gehen dafür auch neue Wege. Prämien aber zahlen zum Beispiel weder Bietigheim-Bissingen noch Ludwigsburg. Nicht zuletzt aus Gründen der Fairness. „Wir fischen schließlich alle im gleichen Teil“, bringt es Daniel Wittmann auf den Punkt, der Leiter des Fachbereichs Bildung und Familie bei der Stadt Ludwigsburg. Er sieht die Trägervielfalt in der Barockstadt als Pfund, mit dem sich wuchern lässt, denn sie bedeute, dass die Einrichtungen Bewerberinnen und Bewerber mit ganz unterschiedlichen Profilen ansprechen. Von den 4500 Betreuungsplätzen in Ludwigsburg sind laut Wittmann „nur“ 1500 in städtischer Trägerschaft, das Gros verteilt sich auf 18 freie Träger. Für alle zusammen startet die Stadtverwaltung Mitte des Monats eine Werbekampagne unter dem Titel „Kitas mit Profil“, die die verschiedenen Einrichtungen mit ihren Stärken in den Fokus rücken soll. Denn auch wenn Wittmann aktuell mit der Situation „sehr zufrieden“ ist, so bleibe die Personalsituation auf einem „angespannten Niveau“. Sollte es hart auf hart kommen, wären Wittmann größere Gruppen lieber als weniger Personal: „Wir haben gerade in der Pandemie gesehen, dass viele Familien auf ein verlässliches Betreuungsangebot angewiesen sind.“

Stellenangebote auf der Bäckertüte

Dieser Punkt ist auch Florian Bausch wichtig, der bei der Gemeinde Schwieberdingen für die Kitas zuständig ist. Deshalb versuche die Verwaltung, durch „flexibles Handeln“ und gruppenübergreifende Arbeiten den Betrieb in ihren Einrichtungen zu gewährleisten. Außerdem werden auch mehrere Zusatzkräfte ohne pädagogische Fachausbildung beschäftigt. Weil derzeit in allen kommunalen Einrichtungen eine oder mehrere Stellen unbesetzt seien, werde ständig Personal gesucht, zum Beispiel auch mit einer Bewerbungsoffensive: „Da bieten wird nach Terminvereinbarung eine individuelle Vorstellung der Kitas an.“ Im ersten Halbjahr soll zudem eine „digitale Hausführung“ auf den Markt kommen.

„Die Erzieherinnen wollen qualitativ gut arbeiten. Das spricht gegen eine Absenkung der Standards, die zudem keine langfristige Lösung ist“, findet Oberstenfelds Bürgermeister Markus Kleemann. Aktuell sind in der Gemeinde acht Stellen „im Rahmen der üblichen Fluktuation“ offen, „dennoch können wir allen Eltern einen Platz anbieten“. Einschränkungen gibt es aber bei der Ganztagsbetreuung, „da mussten wir die Öffnungszeiten reduzieren“. Die (schwierige) Personalsuche für die Kitas hat auch im Bottwartal viel Kreativität freigesetzt: So wurden zum Beispiel Stellenangebote auf Papiertüten gedruckt, die in einer großen örtlichen Bäckerei verwendet werden. Geplant ist außerdem ein „Tag der offenen Kita“, um gezielt potenzielle Bewerberinnen anzusprechen.