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Mit viel Risiko, Kissen und Papieren in Richtung Kriegsgebiet

Die alte Drehleiter aus Korntal ist mittlerweile in Kiew im Einsatz. Ihre Überführung war trotz Not aber keine leichte Sache.

Sie alle haben dafür gesorgt, dass die Drehleiter in die Ukraine kommt (von links): Bürgermeister Joachim Wolf, Stefan Fellner von @fire, die Feuerwehrmänner und Fahrer Herbert Proß und Kevin Kirschenlohr sowie Hans Jörg Stellmacher, Birgit Heinrich
Sie alle haben dafür gesorgt, dass die Drehleiter in die Ukraine kommt (von links): Bürgermeister Joachim Wolf, Stefan Fellner von @fire, die Feuerwehrmänner und Fahrer Herbert Proß und Kevin Kirschenlohr sowie Hans Jörg Stellmacher, Birgit Heinrich

Korntal-Münchingen. Im Brandfall ist sofortige Hilfe gefragt – auch für Herbert Proß und Kevin Kirschenlohr eine Selbstverständlichkeit. Doch einer der jüngsten Einsätze der Korntal-Münchinger Wehr und der beiden Mitglieder lief alles andere als schnell ab. Denn obwohl die Not groß ist, dauerte es mehrere Wochen, bis Hilfe vor Ort war: in Kiew. Dort ist nun die über 30 Jahre alte Drehleiter im Einsatz, eine der größten Hilfen bislang aus dem Kreis Ludwigsburg.

Im März kam ihm die Idee, das ausrangierte Fahrzeug nicht verschrotten zu lassen, sondern zu spenden, so Bürgermeister Joachim Wolf. Die Reaktionen der kommunalen Gremien waren positiv und der Hersteller Magirus übernahm kostenlos die Reparatur. „Doch dann ging der Papierkrieg los“, sagt Wolf. Geklärt werden musste, welchen Wert man für die Spende ansetzt – 0 Euro, weil das Fahrzeug nicht mehr einsatzfähig war, oder einen zu ermittelnden Wert nach der Notreparatur –, und damit, ob noch eine übergeordnete Behörde zustimmen muss. Und es waren Dokumente für die Aus- und Einfuhr in ein Nicht-EU-Land samt Überführungskennzeichen nötig. Ebenso ein Schenkungsvertrag auf Ukrainisch, berichtet Koordinator Hans Jörg Stellmacher, was man dank Google und der städtischen Mitarbeiterin Birgit Heinrich aber meisterte. Er war es auch, der den Kontakt zu @fire herstellte.

Rettungsfahrzeuge als militärisches Zerstörungsziel

Die ehrenamtliche Hilfsorganisation hat schon länger Verbindungen in die Ukraine und gesamte Region, leistete etwa Unterstützung bei den Waldbränden rund um Tschernobyl 2020 und startete kurz nach Kriegsbeginn eine erste Aktion, zu einem Zeitpunkt, als man bereits 250 beschädigte Fahrzeuge von Rettungsdiensten zählte. Denn die seien mittlerweile auch zum Ziel der russischen Angreifer geworden, die ukrainische Feuerwehr versuche deshalb so gut es gehe, ihre Fahrzeuge zu tarnen, so Stefan Fellner von @fire. Trotz des Risikos einer Zerstörung und der nervigen Bürokratie sei man dankbar, und die Spende einer seltenen Drehleiter gerade für eine Stadt mit vielen Hochhäusern ein „echter Glücksfall“.

Und auch Herbert Proß und Kevin Kirschenlohr kann man als Glücksfall bezeichnen. Denn beide sagten umgehend zu, den Transport bis kurz vor die polnisch-ukrainische Grenze zu übernehmen, obwohl gerade Kirschenlohr wegen des lange unklaren Starttermins auf seinen Arbeitgeber beim Urlaub angewiesen war. Er wollte aber unbedingt etwas direkt tun und setzte sich mit seinem erfahrenen Kollegen, der als Hausmeister bei der Stadt arbeitet, Ende April in die Fahrerkabine zum „All-inclusive-Trip“. Denn Proß, schon seit rund 30 Jahren für die Ukraine engagiert („ich liebe dieses Land“), hatte erst kurz zuvor einen Hilfstransport über seinen zweiten Arbeitgeber geleistet, die Busfirma Wöhr. Er hatte genug Proviant dabei, vor allem aber viele Sitzkissen, denn ein Feuerwehrfahrzeug ist alles andere als auf Langstrecke ausgelegt. Nach einer Nacht in Görlitz ging es nach Krakau, dem Start des Konvois von @fire. Anderntags ging es bis zu einem aus Sicherheitsgründen geheimen Treffpunkt in Ostpolen, wo ein Abgesandter des Kiewer Bürgermeisters die Papiere gegenzeichnete und die Fahrzeuge übernommen wurden – samt dicken Benutzungshandbüchern, aber auch hier könne Google helfen, bis Magirus die geplanten Übersetzungen fertig hat, so die Feuerwehrleute.

Bedeutung der Hilfe wird bewusst

In der Region war der Krieg spürbar, Kirschenlohr sah die ankommenden Flüchtlinge. „Da ist mir klar geworden, wie wichtig unsere Hilfe ist“, sagt er, und die vielen Stunden hinterm Steuer waren längst vergessen. Nicht aber die tollen Erinnerungen, etwa als sie an einer Unfallstelle vorbeikamen und polnische Feuerwehrleute die Daumen hochhoben. „Da fühlte ich eine Verbundenheit.“ Spürbar auch auf der Rückfahrt und weiteren Übernachtung – alles finanziert durch Spenden an @fire – mit den Fahrern der anderen gespendeten Fahrzeuge aus Hamburg, Mannheim und Frankfurt. „Man lebt Feuerwehr“, sagt dazu Proß – und möchte das auch für die Ukrainehilfe sehen. Denn für den Wiederaufbau brauche es starke Kräfte – vielleicht auch durch eine Partnerstadt Korntal-Münchingen, so sein Wunsch.

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