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Momente der Schwebe als roter Faden

Der Corona-Schließung zum Trotz: Das Eberdinger „Kunstwerk“ stellt die neue Ausstellung „Zwischenzeit“ vor

Sammlungsleiterin Valeria Waibel mit Arbeiten von Andy Denzler, rechts eine von Spandita Malik. Fotos: Ramona Theiss
Sammlungsleiterin Valeria Waibel mit Arbeiten von Andy Denzler, rechts eine von Spandita Malik. Foto: Ramona Theiss
Sammlungsleiterin Valeria Waibel mit Arbeiten von Andy Denzler, rechts eine von Spandita Malik. Fotos: Ramona Theiss
Sammlungsleiterin Valeria Waibel mit Arbeiten von Andy Denzler, rechts eine von Spandita Malik. Foto: Ramona Theiss

Eberdingen. Alle Dinge sind in der Schwebe: Mit diesem Gefühl ging Valeria Waibel, Leiterin der Sammlung Klein, in den vergangenen Wochen durch den Bestand. Zwischen Lockdown, Schließung, Wiedereröffnung oder möglichem weiteren Lockdown hat sie sich nicht beirren lassen und im Eberdinger „Kunstwerk“ die neue Ausstellung „Zwischenzeit“ aufgebaut – eine Interimsschau, die so treffend für die Zeit wie überaus sehenswert ist. Zu sehen sind nun 20 Künstlerinnen und Künstler aus dem Bestand der Sammlung Klein – entweder lange nicht mehr gezeigt oder gar noch nie, da vergleichsweise neu. Der Moment der Schwebe zieht sich, wenn auch in unterschiedlichster Form, durch die ganze Schau.

Eindruck einer Bildstörung

Ein Jammer, dass sie bis auf weiteres lediglich online besichtigt werden kann. Zumal Kuratorin Valeria Waibel hoffen muss, dass sie überhaupt noch ein regulärer Besucher real zu Gesicht bekommen wird – schließlich wird sie Anfang Mai schon wieder abgebaut, um einer großen Ausstellung mit Arbeiten von Sean Scully Platz zu machen. „Wir hängen in den Seilen“, sagt sie mit Blick auf die Coronapandemie und ihre Folgen. „Der Gedanke, dass wir diese Ausstellung vielleicht nie richtig öffnen können, tut jetzt schon weh.“ Verpassen würde der Kunstinteressierte etwa die kontemplativen „Horizonte“ von Michelin Kober. Ausgehend von einem weißen Strich in der Mitte, arbeitet sich die gebürtige Herrenbergerin Strich für Strich in leichten Farbabstufungen nach außen, wobei Trockenränder Struktur geben. Der Faktor Zeit spielt auch bei den gegenüber gehängten Arbeiten von Thomas Müller eine Rolle – allerdings mehr für den Betrachter. Die Feinheiten seiner impulsiven Liniengestrüppe auf großformatiger Leinwand erschließen sich erst auf den zweiten oder dritten Blick – und sind ein Paradebeispiel für Kunst, die sich online kaum angemessen vermitteln lassen dürfte.

Die Norwegerin Anne-Karin Furunes hat in alten Bildarchiven gekramt, um anonyme, marginalisierte Menschen wieder in die Gegenwart zu rücken. Für das großformatige Werk „Portraits of Archive Pictures VIII“ bemalte sie eine Leinwand mit schwarzer Acrylfarbe, um das fast ausdruckslose Gesicht eines jungen Mädchens mit unzähligen gestanzten Löchern unterschiedlicher Größe herauszuarbeiten.

Man könnte sagen, dass Andy Denzler den umgekehrten Weg geht. Der Schweizer, der über den Film zur Kunst kam, verleiht realen Alltagsszenen mit fast impressionistischem Pinselstrich eine verfremdende Wirkung, die dadurch noch verstärkt wird, dass er mit einem Rakel in horizontalen Bahnen über die Öl-Malereien geht, so dass man den Eindruck einer Bildstörung hat.

Amüsant die von Stefan Mauck in Form eines Hauses gruppierten fiktiven Beschreibungen von klischeehaften Musterhäusern: „Um die Gartenplanung und die Auswahl der Teppichböden kümmert sich die Ehefrau.“

Bei Erdmut Bramkes Malereien „Wald bei Fontainebleau“ und „Sommerbild 16“ lösen sich die grafischen Strukturen in einem Flimmern auf, gehen wahlweise aufs Zentrum hin oder breiten sich aus, beides mit einer ungeheuren bildlichen Wucht. Spandita Malik (Jahrgang 1995) ging aus Indien zum Kunststudium in die USA und rückte in einer Serie Frauen ihres Heimatlandes in den Mittelpunkt, die ihr Haus nicht mehr verließen – weil sie nicht wollten oder nicht durften. Stoffdrucke der teilweise anonymisierten Porträts wurden von den Frauen daraufhin selbst kunstvoll bestickt. Menschen in heimischer Isolation – ein solches Thema sieht der Betrachter derzeit sicherlich mit einem ganz besonderen, anderen Blick.

Internet: www.sammlung-klein.de

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