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Mundelsheim feiert 600 Jahre Stadt- und Marktrecht

Greifbare Geschichte: das Stadtsiegel von Mundelsheim. Foto: Geschichtsverein Mundelsheim/p
Greifbare Geschichte: das Stadtsiegel von Mundelsheim. Foto: Geschichtsverein Mundelsheim/p
Der damalige König und spätere Kaiser Sigismund hat Mundelsheim im Jahr 1422 das Stadt- und Marktrecht verliehen. Dieses außergewöhnliche Ereignis wird nun, soweit unter Pandemiebedingungen möglich, im großen Stil gefeiert.

Mundelsheim. Erstmals urkundlich erwähnt worden war die Gemeinde im Jahr 1245 als einer jener Orte, in denen das Stift Backnang Güter besaß. Quellen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts belegen dann, dass in Mundelsheim Weinbau betrieben wurde. Die Weinreben sollten in den folgenden Jahrhunderten zur Haupterwerbsquelle der bäuerlichen Bevölkerung werden. Wobei Historiker davon ausgehen, dass in der klimabegünstigten Neckarschleife schon lange vor dem 14. Jahrhundert Wein angebaut wurde.

Enormer Bedeutungsschub für den Ort

Ab 1344 hatte sich das Adelsgeschlecht der Urbacher im Ort eingenistet, Vasallen des Markgrafen von Baden. Die Herren von Urbach versuchten mit allen Mitteln, ihre Stellung zu stärken. Bernolt und Eberhard von Urbach konnten 1422 Sigismund, den damaligen König und späteren Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nationen, dazu bewegen, Mundelsheim das Stadtrecht zu verleihen. Dieser Schachzug, mit dem auch die Verleihung des Marktrechts einherging, war mit einem enormen Bedeutungsschub für den Ort verbunden. Die Urbacher erhofften sich durch das nun an Pfingsten und Martini einberufene Markttreiben höhere Einnahmen, steigende Einwohnerzahlen und eine wirtschaftliche Belebung – sozusagen ein mittelalterliches Konjunkturprogramm, mit dem die frisch gekürten Stadtherren ihre leeren Kassen auffüllen wollten.

Enorme Belastungen für die Einwohner

Für die Einwohner dagegen brachte das Stadtrecht enorme Belastungen mit sich, wie im Mundelsheimer Heimatbuch zu lesen ist. Denn sie mussten im Frondienst neue Befestigungsanlagen wie Mauern und Gräben anlegen. Die immensen Kosten wurden über eine Besteuerung des Weins finanziert, der in den örtlichen Gaststätten reichlich ausgeschenkt wurde. Auch drei Stadttore wurden errichtet. Das Großbottwarer Tor, das Wahrzeichen der Gemeinde, hat als Zeugnis der kurzen städtischen Blütephase die Jahrhunderte überdauert.

Auch in Pfingst- und Martinimarkt, die bis heute Besucher aus nah und fern anziehen, lebt das städtische Erbe fort. So gesehen ist es nur folgerichtig, dass die Verleihung des Stadt- und Marktrechts beim kommenden Pfingstmarkt am 6. Juni im großen Stil gefeiert wird. Zusätzlich zum gewohnten Markttreiben soll dort ein kleiner Mittelaltermarkt für eine standesgemäße Atmosphäre sorgen. Zudem werde das Jubiläum an den einzelnen Marktständen aufgegriffen, sagt Özlem Bas, die bei der Gemeindeverwaltung für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Offizielle Feierlichkeiten beim Pfingstmarkt

Ursprünglich seien mehrere Veranstaltungen geplant gewesen, so Bas. Wegen der unsicheren Ausgangslage in der Pandemie habe die Kommune allerdings beschlossen, die offiziellen Feierlichkeiten auf den Pfingstmarkt zu beschränken. Zumindest eine weitere Aktion findet aber statt: Die Gemeinde wird 600 Jubiläumsbäume unters Volk bringen. Einwohner können diese Obstbäume und eine Jubiläumsplakette über das Rathaus erwerben, in ihrem Garten einpflanzen und sich so ein Stück Ortsgeschichte auf das eigene Grundstück holen.

Die Fruchtsaftkellerei Schütz bringt eine Sonderedition heraus, der Käsbergkeller hat einen Jubiläumstropfen in der Pipeline. Darüber hinaus wird die Verleihung des Stadt- und Marktrechts auch bei Veranstaltungen der Mundelsheimer Vereine aufgegriffen. Wie genau, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten erweisen.

Überschaubare Quellenlage

Bereits jetzt steht der Termin einer Veranstaltung des Geschichtsvereins fest: Nach der Mitgliederversammlung am Mittwoch, 16. März, wird der Theologieprofessor Hermann Ehmer von 20 Uhr an in der TV-Halle am Wertweg einen öffentlichen Vortrag über 600 Jahre Stadt- und Marktrecht in Mundelsheim halten. Die Quellenlage sei eher überschaubar, meint Anna Fink, die selbst im Heimatbuch und im Internet recherchiert hat. Die Vorsitzende des Geschichtsvereins hofft, dass der Vortrag neue Erkenntnisse liefert. Diese Hoffnung ist durchaus berechtigt. Denn Ehmer, der von 1988 bis 2008 auch als Direktor des Landeskirchlichen Archivs in Stuttgart tätig war, gilt als ausgewiesener Experte für die württembergische Geschichte.

Urbacher bekommen den Hals nicht voll

Als gesichert gilt zumindest, dass die Gemeinde nur für kurze Zeit von ihren Privilegien als Reichsstadt profitierte. Denn die Urbacher konnten den Hals nicht vollkriegen, betrieben Misswirtschaft und waren vor allem daran interessiert, möglichst viel Geld aus der Bevölkerung zu pressen. Ein Hans von Urbach versuchte sich zudem als Raubritter. Daraufhin stellten andere Reichsstädte eine Armee zusammen, die den Spuk beendete: Im Herbst 1440 kreuzten 600 berittene Kämpfer samt Fußvolk in der Neckarschleife auf und legten die junge Stadt in Schutt und Asche – nach diesem Schlag versank Mundelsheim in der Bedeutungslosigkeit.