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Mut zur Lücke oder eher Heuhaufenprinzip?

DLA-Direktorin Sandra Richter. Foto: Andreas Becker
DLA-Direktorin Sandra Richter. Foto: Andreas Becker
Eine digitale Tagung des Deutschen Literaturarchivs beschäftigt sich mit der zukünftigen Ausrichtung des Hauses auf der Schillerhöhe

Marbach. „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Ob dieses humorige Bonmot nun von Mark Twain, Karl Valentin, Kurt Tucholsky, Niels Bohr oder Winston Churchill stammt, ist ungewiss. Das wäre vielleicht anders, ginge es nach Kathrin Passig. Die Bachmann-Preisträgerin, als eine von 16 Referierenden vom Deutschen Literaturarchiv (DLA) zur virtuellen Konferenz „Literaturarchiv der Zukunft“ eingeladen, plädierte energisch dafür, „den Heuhaufen zu archivieren“, sprich: sehr viel großzügiger zu sammeln, insbesondere, was im Netz geschrieben wird. Digitalisierung mache es ja möglich. Was davon literaturrelevant ist, könne man später entscheiden. „Vielleicht interessiert sich die Nachwelt gar nicht für die Nadeln im Heuhaufen, sondern für die Nägel oder die Mäuse oder für das Heu selbst.“ Wenn das nicht an einem zu engen Literaturbegriff, sondern am deutschen Urheberrecht scheitere, dann solle es möglichst geräuschvoll scheitern, so ihr dringlicher Appell.

Diametral entgegengesetzt die Haltung von Eva Geulen: „Ein Archiv ist konservativ, weil es konserviert“, meinte die Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin und wandte sich gegen „digitale Allmachtsfantasien“. Gerade unter den Bedingungen einer drängenden Zukunft werde der Mut zur Lücke zu einer Tugend: „Auch die Lücken gehören zur Sammlung.“ Primäre Aufgabe von Archiven sei es, nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit der Zukunft zu investieren.

So unterschiedlich wie die Auffassungen zum Thema der Antizipation literarischer Relevanz waren auch die Ansichten, die zum Komplex Partizipation und Vermittlung vertreten wurden: In ihrem pointierten Beitrag mahnte Julika Griem an, auf Funktionen zu fokussieren und angesichts der Tendenz, Leistungsdimensionen aufeinanderzutürmen, auch die Frage aufzuwerfen, was dafür nicht mehr stattfinden solle. Zudem gelte es, den Trend zum Anti-Institutionalismus kritisch zu hinterfragen: „Wenn man zu sehr auf die Ebene des Faszinationsmanagements setzt, besteht die Gefahr, dass in Vergessenheit gerät, dass Institutionen auch Schutzräume sein können, die Stabilität, Verlässlichkeit, Kontinuität ermöglichen.“ Wer zu sehr auf „disruptive Paradigmen“ setze, lande stets in „Projektförmigkeit“, warnte die Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Auch dem Mantra „volksnaher Kommunikation in alle Richtungen“ stehe sie skeptisch gegenüber. Anna-Lena Scholz, Redakteurin im Wissen-Ressort der Zeit, hielt diesem Verständnis mit Deleuze und Guattari die Vorstellung eines „geschmeidigen Segmentaritätsgewebes“ als „beweglicher Ort für viele“ entgegen, die architektonisch umgesetzt, aber auch mit politischer und intellektueller Haltung ausgestattet werden müsse: das Archiv nicht als Institution, sondern als Bewegung. Das akademische Segment aufzubrechen, sei in dieser Hinsicht eine Notwendigkeit, Faszinationsmanagement durchaus erstrebenswert.

Patrick Bahners, Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen, äußerte zur Frage der Unabhängigkeit Zweifel, ob sich vermeiden lasse, dass Nachfrageüberlegungen in die kreative Fantasie hineinwirken. DLA-Direktorin Sandra Richter (Foto) identifizierte den notwendigen roten Faden für die künftige Ausrichtung in der Forschung. In Richtung ihres Archiv-Paradoxons („Wer im Archiv ankommt, hat seine Halbwertzeit hinter sich“) argumentierte auch Jo Lendle, Leiter des Hanser Verlags. Angesichts des Aufkommens eines „dritten Geschlechts der Literatur“ zwischen Fiktion und Sachbuch sei ein stabiler Kanon aus Verlegersicht kontraproduktiv. „Kategorien stiften Ordnung, aber engen auch ein, indem sie die Imagination rastern“, so Lendle. „Historisches Bewusstsein schützt vor Entdeckung“, pflichtete Florian Illies ihm bei. Welt-Kolumnist Marc Reichwein sprach sich für ein Literaturarchiv aus, das auch als „Diskursarchiv“ fungiert.

In Spitzenzeiten folgten über 120 Interessierte den Referaten und Diskussionen, die Ergebnisse der Tagung werden in einem Marbacher Magazin publiziert.

Internet: www.dla-marbach.de.