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Mutwillig provisorisch, ironisch gebrochen

Wolfhart Hähnel zeigt seine Ausstellung „Winterernte – Fleurs du PET“ im Kunstverein Korntal-Münchingen

Provokationen gegen viele Konventionen: Wolfhart Hähnel. Foto: Ramona Theiss
Provokationen gegen viele Konventionen: Wolfhart Hähnel. Foto: Ramona Theiss

Korntal-Münchingen. Nun sperrt auch die Galerie 4/1 ihre Türen wieder auf: Als erste Ausstellung in diesem Jahr zeigt der Kunstverein Korntal-Münchingen Plastiken und Grafiken von Wolfhart Hähnel. Mit „Winterernte – Fleurs du PET“ sind 13 verschiedene Werkgruppen aus der jüngsten Schaffensperiode des 1944 in Dresden geborenen Künstlers zu sehen, der an der Stuttgarter Akademie der bildenden Künste als Bildhauer ausgebildet wurde und 14 Jahre ebendort eine Professur für Werken bekleidete, nachdem er zwei Dekaden als Kunsterzieher in Ulm gewirkte hatte.

War Hähnel in den vergangenen Jahrzehnten vor allem mit seinen kinetischen Skulpturen in Erscheinung getreten, die verglichen mit der Maschinenkunst von Jean Tinguely leiser und poetischer wirkten, hat der seit 26Jahren in Korntal ansässige Kreativtüftler vor drei Jahren ein neues Material für sich und seine Kunst entdeckt: PET-Flaschen und andere Kunststoffverpackungen, denen Hähnel mit Bunsenbrenner, Scheren, Cuttern und Spraydosen zu Leibe rückt. Dass der Begriff Plastik damit sowohl Endprodukt wie Ausgangsmaterial seiner künstlerischen Produktion bezeichnet, ist nur eine der gelungenen Pointen in Hähnels Werk.

Neben Herzen stehen Blumen ganz oben auf der Giftliste zeitgenössischer künstlerischer Sujets. In Hähnels Installation „WennaufCapridieroteSonneimMeerversinkt“, einer der jüngsten Arbeiten der monografischen Schau, tauchen tatsächlich beide Motive auf: Auf jeder der vier Grafiken prangt an je anderer Stelle ein rotes Herz in den stilisierten, mit duftigem Pinselstrich aufs Papier getuschten Blütenblättern. Davor in Augenhöhe aufgeständert auf fragilen Stativen sieben „PET-Objekt Meerwesen“. Eine der ältesten Plastik-Arbeiten ist mit „Schiefer Tisch mit Blumen“ von 2018 im Raum nebenan zu sehen: Wie in einer Schießbude präsentieren sich diese reifen Blüten, halb verwelkt und bereits auf dem Weg zum Fruchtstand die meisten.

Mythisches in Miniaturformat

So sehr Hähnel jederzeit für eine eigensinnige Provokation gegen kanonische Konventionen im Kunstbetrieb zu haben ist, so wenig möchte er sich und seine Kunst vereinnahmen lassen: „Ich verfolge keinerlei politische Absichten mit meiner Kunst“, sagt der PET-Plastiker. So verdanke sich der metaphorische Charakter der zehn Objekte seiner Serie „Zuflucht“ weniger dem weltpolitischen Geschehen als „individuellen Lebensumständen“, so Hähnel. Auf jeder der kleinen Inseln aus Kunststoffflachverpackungen findet sich ein noch kleineres Zelt: „Ich habe mich im Zelt immer sicher gefühlt“, sagt Hähnel.

Ebenso wenig möchte er die mit Kerben übersäten, geschwärzten Holzstellen der im Obergeschoss ausgestellten Arbeit „Die vier Zuflüsse des Styx“ mit einer politischen Aussage verbunden wissen. Angesichts von weltweit vier Millionen Corona-Toten sei er nur der Meinung gewesen, dass er nicht ausstellen könne, ohne etwas dazu zu machen. Auch mit den zwölf PET-Objekten von „Xerxes geißelt das Meer“ meine er den Plastikmüll in den Weltmeeren „nur ein bisschen“, wie er in einem Katalogtext schreibt. Hier beeindrucken nicht nur die dem Kunststoffabfall abgerungenen mythischen Tableaus im Miniaturformat, sondern auch die Gestaltung der dreibeinigen Ständer aus Lindensperrholz, die Schmuckformen geschmiedeter Lampenfüße zitieren, in der Ausführung mit hurtiger Bleistiftbemalung oder gepixelter Ausführung aber mal mutwillig provisorisch, mal ironisch gebrochen wirken. Auch hier sorgt die schlanke, federnde Biegsamkeit der Stative dafür, dass die Objekte je leichter in schwingende Bewegung geraten, je weiter man sich ihnen nähert. Die Spannung, die sich aus solchen Widersprüchen ergibt, gehört mit zu den reizvollsten Aspekten der „Winterernte“ Wolfhart Hähnels.

Info: Die Ausstellung läuft bis 29. August. Mehr unter www.kunstverein-korntal-muenchingen.de.

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