Logo

Nach der Absage des Weihnachtsmarkts fallen die Engel

Eigentlich hätte am Dienstag die Eröffnung stattgefunden. Doch statt die Besucher des Weihnachtsmarktes zu begrüßen, räumen die Händler ihre Buden und üben Kritik an der späten Absage. Dadurch hätten sie zum Teil mehrere Tausend Euro in den Sand gesetzt.

Statt Glühweinduft, Lichterglanz und vorweihnachtlicher Laune herrscht am Dienstag auf dem Marktplatz Frust: Der Weihnachtsmarkt, der an dem Tag eigentlich eröffnet werden sollte, musste wieder abgebaut werden. Fotos: Ramona Theiss
Statt Glühweinduft, Lichterglanz und vorweihnachtlicher Laune herrscht am Dienstag auf dem Marktplatz Frust: Der Weihnachtsmarkt, der an dem Tag eigentlich eröffnet werden sollte, musste wieder abgebaut werden. Foto: Ramona Theiss
350_0900_37253_23_11_2021Theiss_35.jpg
Foto: Ramona Theiss
350_0900_37254_23_11_2021Theiss_20.jpg
Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. Der goldene Barockengel wird vom Dach einer Bewirtungsbude heruntergelassen, ein Symbol für den kurzfristig abgesagten Weihnachtmarkt (wir berichteten). Großer Umtrieb gestern beim Abbau. Es hat sich ausgefeiert, bevor es überhaupt losgehen konnte, und die Markthändler sind immer noch fassungslos. Sie kritisieren das spät verkündete Aus, nachdem schon alles aufgebaut war.

Die Frage, wie sie sich fühlen, erübrigt sich im zweiten Jahr ohne Weihnachtsmarkt. Die Pandemie nimmt kein Ende und die Enttäuschung ist allen ins Gesicht geschrieben. Einige wollen anonym bleiben, dann reden sie Klartext. Sie sehen sich als kleine Markthändler machtlos. Fußballspiele mit Zehntausenden Besuchern würden stattfinden, aber hier beschließe man kurzerhand das Aus. Konzerne würden in der Pandemie mit Milliarden unterstützt, während die bei ihnen eingetroffenen Hilfen vom vergangenen Winter nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen seien.

Christa Laiß aus Ingersheim gehört zu den Altgedienten auf dem Weihnachtsmarkt. Seit 40 Jahren betreibt sie ihren Stand mit Schafwollprodukten, von den handgestrickten Socken über die Filzpantoffeln bis zu warmen Fellen reicht die Palette. „Als ich heute Morgen aufgewacht bin und die Sonne schien, dachte ich, das ist ideales Weihnachtsmarktwetter“, erzählt Laiß. Sie hat ihre Stammkunden, die auf ihre Ware schwören und die sie jetzt enttäuschen muss. Derweil gönnt sich ihr Mann Dieter Kaiser einen Piccolo. Nicht aus Zynismus, sondern weil er seinen 64. Geburtstag feiert. Christa Laiß hat in den 40 Jahren als Markthändlerin schon viel erlebt. Etwa klirrende Kälte bei minus 20 Grad. Doch das, was seit bald zwei Jahren die Welt erfasst hat, übertrifft alles. Um den Stand zu bestücken, hat sie schon frühzeitig Ware eingekauft, auf der sie nun sitzen bleibt.

Sie fühle sich veräppelt, sagt Dagmar Müller aus Oberriexingen, als sie ihre Edelsteine und Kristalle wieder einpackt. „Ich kann den Grund für die Absage verstehen, aber es ist alles unglaublich schwierig zu ertragen“, fügt sie an. Wenigstens seien die Steine keine verderbliche Ware. Das sieht an den Glühwein- und Bratwurstständen anders aus. Er habe bereits 100 Liter Glühwein weggeschüttet, berichtet einer. „20000 Euro in den Sand gesetzt“, sagt ein anderer im Vorbeigehen.

Auch die Hütte mit den Likören, Marmeladen und anderen Leckereien wird wieder leer geräumt. Die Ware kann wohl noch anderweitig verkauft werden, muss aber vorher neu etikettiert werden. Ein großer Aufwand, wie der Betreiber berichtet. „Die Unvernünftigen machen uns kaputt“, stellt er im Hinblick auf das Infektionsgeschehen fest.

Viele Helfer packen Säcke und Kartons weg, leere Edelstahlbehältnisse und Töpfe stehen schon am Lieferwagen parat, es muss schnell gehen, Lust zum längeren Verweilen hat keiner mehr. Und zum langen Reden schon gar nicht.

In der Dolomitenhütte der Familien Betz und Klotz packen alle mit an, damit bald alles besenrein ist. Was wird mit den direkt aus Italien importierten Lebensmitteln? Eventuell klappt es mit der Rückabwicklung oder sie werden gespendet. „Wir schmeißen jedenfalls nichts weg“, so das Motto.

„Ich sitze jetzt auf einer halben Tonne Maroni“, erzählt Matthias Eigel aus Bietigheim-Bissingen. „Toni Maroni“ ist vielen ein Begriff, schließlich bekam Eigel 2019 den Ehrenpreis für den schönsten Stand auf dem Weihnachtsmarkt. Auch 300 Liter Maroni-Suppe seien schon gekocht, berichtet er. Was macht er nun damit? Matthias Eigel will die Suppe einfrieren und die aufgeschnittenen Maroni sowie den bereits zubereiteten Glühwein und die eigens gekochten Marmeladen verkaufen. „Bei uns sind nach der Absage Tränen geflossen“, berichtet Eigel, dessen Marktbetrieb Familiensache ist. „Ich will nicht beschreiben, wie es in mir gerade aussieht“, meint er. Der Weihnachtsmarkt verliert derweil sein Gesicht, die Engel fallen, die Deko wird weggepackt. Barockes Weihnachtsflair, das war einmal.

Autor: