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Neue Ambulanz für Long-Covid

Long-Covid hat viele Gesichter. Damit die passende Therapie für die individuell vorliegenden Symptome gefunden wird, bedarf es eingehender Diagnostik. Dabei kann die neue Ambulanz am Ludwigsburger Klinikum zum entscheidenden Portal werden. Foto: Seba
Long-Covid hat viele Gesichter. Damit die passende Therapie für die individuell vorliegenden Symptome gefunden wird, bedarf es eingehender Diagnostik. Dabei kann die neue Ambulanz am Ludwigsburger Klinikum zum entscheidenden Portal werden. Foto: Seba
Die RKH-Kliniken bieten jetzt eine Anlaufstelle für Patienten mit Spät- und Langzeitfolgen nach überstandener Infektion an

Kreis Ludwigsburg. Die Palette möglicher Symptome ist äußerst breit, die Krankheit selbst noch so jung, dass die Namensgebung noch im Fluss ist: Sowohl Long-Covid als auch Post-Covid sind derzeit im Umlauf. Gemeint: die Spät- und Langzeitfolgen, unter denen Corona-Kranke noch lang nach Abklingen ihrer Infektion leiden können und die bisweilen sogar erst Monate nach der Krankheit auftreten – auch nach mildem Verlauf. Die Regionale Kliniken-Holding RKH, die vor allem in ihrem größten Haus in Ludwigsburg sehr viele Patienten mit schweren Verläufen stationär versorgt hat, hat dort jetzt eine Ambulanz für die Betroffenen eingerichtet. Am Donnerstagabend wurde das neue Angebot in einem Livestream öffentlich vorgestellt.

Eine unerklärliche, oft monatelang anhaltende Erschöpfung, eine geringe Belastbarkeit, Atemnot, Kopfschmerzen, Störungen von Geschmacks- und Geruchssinn, Gelenk- oder Brustschmerzen, kognitive Einschränkungen, Niedergeschlagenheit – Long-Covid kann viele Gesichter haben. Der medizinische Hintergrund: Das Covid-19-Virus hat sich nicht auf eine bestimmte Wirtszelle spezialisiert, sondern kann über das Einfallstor der Atemwege praktisch den ganzen Körper befallen, Organe wie Herz, Nieren, Lunge oder Darm ebenso wie die Gefäße. Die genaue physische Ursache der einzelnen Long-Covid-Symptome ist deshalb seltenst eindeutig – und genau hier setzt die Ambulanz am Ludwigsburger Klinikum an.

Wie sich die – mindestens einstündige – gründliche Eingangsdiagnostik dort und die Erarbeitung eines darauf fußenden, individuellen Therapieplans darstellen können, machte Dr. Eva-Maria Wacker als verantwortliche Oberärztin an einem Fallbeispiel deutlich: Eine Patientin klagt über verschiedene einschlägige Symptome von Fieber und Husten über Gelenkschmerzen bis hin zu Konzentrationsstörungen, die aber klinisch nicht klar zuordenbar sind. Erst eine eingehende Untersuchung ergibt eine rheumatoide Arthritis als Grunderkrankung. Ob sie direkt mit Covid-19 zusammenhängt oder nur zufällig nach einer Corona-Infektion aufgetreten ist, spielt für den Therapieplan dann keine entscheidende Rolle mehr – entscheidend für die Therapiechancen der Patientin ist ihre Weiterleitung an einen Rheumatologen.

In dieser interdiziplinären Verzahnung von ausführlicher Erstdiagnostik und fachärztlicher sowie therapeutischer Weiterführung liegt das Charakteristikum der neuen Ambulanz: Sie ist eine Schnittstelle nicht nur von stationären Erfahrungen und ambulanten Möglichkeiten eines modernen Maximalversorgers, sondern verbindet diese mit niedergelassenen Fachärzten und kooperierenden Reha-Kliniken. Wie das aussehen kann, wenn die Long-Covid-Symptome auf eine neurologische oder neurospsychologische Grundproblematik hindeuten, schilderte Dr. Albrecht Hendrich, Chef des Rehazentrums TheraVent aktiv in Marbach. Dort findet in dann eine ausführliche Fachdiagnostik statt, die mehrtägige Tests einschließen kann, bevor ein Therapieplan mit ambulanten Einzel- und Gruppenangeboten festgelegt wird. Sollten etwa muskuläre Probleme nicht auf Beeinträchtigungen der Lungenfunktion, eine Herzinsuffizienz oder neurologische Problematik zurückgehen, kommt als RKH-eigener Reha-Anbieter die Ortema in Markgröningen ins Spiel, deren Trainingsmöglichkeiten Chefarzt Dr. Sven Schemel schilderte.

Long-Covid betrifft nach derzeitigem Kenntnisstand mindestens zehn, nach einigen Schätzungen sogar über 30 Prozent der Infizierten. Deutschlandweit sei mit bis zu 400000 Patienten zu rechnen, sagte Hendrich. Allein im Kreis wären das – bei bisher gut 26000 Infizierten – zwischen 2600 und 8000 Menschen. Zwei Appelle gaben Wacker und Hendrich ihrem Publikum mit: Wer nach überstandener Infektion Symptome hat, sollte sich dringend auf Long-Covid untersuchen lassen. Und: Wer dem Virus bis jetzt entgehen konnte, sollte sich unbedingt impfen lassen. Denn Covid-19 kann auch nach mildem Verlauf zum Langzeit-Leiden werden.

Ino: Der Livestream ist weiter online auf https://www.youtube.com/watch?v=pRZUok9NvgI.