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Neue Wege für die „riesige Herausforderung“

Zur Entwicklung des Regionalen Gewerbeschwerpunkts haben Stadt und Gemeinderat in den vergangenen Monaten Nachhaltigkeitskriterien und ehrgeizige Ziele aufgestellt. Diese sollen nun auch mit den Bürgern diskutiert werden – den Auftakt gibt es heute Abend im Münchinger Widdumhof.

Korntal-Münchingen. Das Gebiet, um das es geht, ist riesig: 25 Hektar nördlich von Müllerheim, direkt an der B10 und der A81. Es soll, so hatte es der Verband Region Stuttgart vor rund acht Jahren ausgemacht, zu einem neuen Standort für eine großflächige Gewerbeansiedlung werden, als Ersatz für das von Murr und Pleidelsheim abgelehnte Gebiet. Nach langen und intensiven Diskussionen signalisierte dann der Korntal-Münchinger Gemeinderat seine grundsätzliche Bereitschaft – doch seitdem ist nicht viel passiert. Denn die Herausforderungen sind „riesig“, so Bürgermeister Joachim Wolf – auch, weil die Stadt das so will. Denn der geplante Gewerbeschwerpunkt soll zum Vorbildprojekt werden, auch über die Region hinaus.

Und das mit ordentlich Tempo nun. Am heutigen Dienstag tagt zum ersten Mal ein neues Gremium, das sich aus Vertretern der Fraktionen zusammensetzt, ergänzt um verschiedene „hochkarätige Experten“, so Bürgermeister Joachim Wolf. Sie halten zuvor öffentliche Vorträge, die allesamt mit dem Thema Nachhaltigkeit zu tun haben. „Wir haben schon damals gemerkt, dass das Thema kein Selbstläufer ist“, so Wolf über die Diskussionen vor sieben, acht Jahren, wo vor allem die Möglichkeiten für neue Einnahmen für die Stadt den Verlusten von landwirtschaftlicher und Naherholungsfläche gegeneinander abgewogen wurde, mit Vorteilen für letztere Seite.

Doch zwischenzeitlich habe sich die Haushaltssituation immer weiter verschlechtert, so Wolf, der dabei eine Liste städtischer Einrichtungen samt Betriebskosten von rund elf Millionen Euro jährlich präsentiert, dazu komme ein strukturelles Defizit von jährlich zwei Millionen Euro. Lange und oft sei diskutiert worden, was man streiche, immer mal wieder geriet das sanierungsbedürftige Freizeitbad ins Visier – aber auf einen grünen Zweig sei man nicht gekommen. Eine Gewerbeflächenpotenzialanalyse brachte dann 2020 die Erkenntnis, dass es für die große Nachfrage von Betrieben eigentlich nur ein Gebiet gebe, eben das bei Müllerheim. Der Gemeinderat beschloss, dass es an die Umsetzung gehen solle. „Und da war mein großer Wunsch, das nicht konventionell zu entwickeln, sondern wir müssen zukunftsorientiert und nachhaltig denken“, so Wolf über den eigens auferlegten, „sehr hohen Anspruch“. Aber man wolle auch in 20 Jahren noch sagen, dass die Entscheidung für die Schaffung des Gewerbeschwerpunkts richtig war.

Deshalb wurden von der Verwaltung verschiedene Nachhaltigkeitskriterien entwickelt, und seit Jahresbeginn mit dem Gemeinderat in Workshops diskutiert, etwa, welche Anforderungen man ans Bauen stellt, an die Energiebereitstellung oder Mobilität. Sogar das Soziale sei Thema gewesen, etwa Betriebskitas oder die Frage nach Sportflächen dort. Unterstützung gab es von einem spezialisierten Freiburger Büro, das parallel Gespräche mit Betrieben und Grundstückseigentümern führt. „Das läuft sehr gut“, so Wolf, wenngleich gerade Letzteres nicht ganz einfach sei, wie man auch an ähnlichen, aber kleineren Plänen in Schwieberdingen sehen könne. Für manchen Flächeneigentümer sei aber nicht nur der Verkaufspreis entscheidend, sondern man könne mit den hohen Erwartungen an das Gebiet punkten.

Diskussion mit Einwohnern

Die will man nun auch, anhand von Vorträgen, mit den Bürgern diskutieren, danach tagt jeweils das neue Gremium aus Vertretern des Gemeinderats und den Experten von teils sogar internationalen Instituten und Organisationen, um die Nachhaltigkeitskriterien weiter auszuarbeiten. Auf ihre Mithilfe hofft Bürgermeister Wolf auch bei der späteren konkreten Planung einzelner Teilprojekte wie etwa der Dachbegrünung oder der Energiegewinnung. Bis Jahresende oder Anfang 2022 will man mit diesen Aufgaben durch sein, ebenso die Grundstücksfragen geklärt haben. Erst dann werde der Gemeinderat den Aufstellungsbeschluss fassen. Der Zeitplan ist, auch angesichts vieler anderer Projekte, sehr ehrgeizig. Aber die Betriebe bräuchten rasch eine Zusicherung, auch müsse man sich an dem anstehenden Ausbau der B10 mit Schaffung eines neuen Anschlusses orientieren. „Wenn wir das alles umsetzen könnten, wäre das klasse.“ Doch nicht nur die Schritte der nächsten Wochen sind eine „riesige Herausforderung“, so Wolf. Denn bislang kenne er auch kein Vorbild, das zeige, wie man die Erwartungen vertraglich absichern könne. „Alles ist Neuland. Aber ich bin zuversichtlich.“

Info: Johannes Kreißig, Gründungsmitglied und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, referiert an diesem Dienstag um 18 Uhr im Widdumhof zu den verschiedenen Dimensionen des nachhaltigen Bauens. Für den Zutritt gelten die 3G-Regeln und eine Maskenpflicht. Eine Anmeldung ist nicht nötig, die Plätze sind begrenzt.

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