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Neues Gewerbe an der Autobahn?

Die Mitgliedskommunen des Zweckverbands Industriegebiet Besigheim wollen gemeinsam ein Gewerbegebiet an der Autobahnauffahrt Mundelsheim erschließen. Ob es tatsächlich so kommt, steht noch in den Sternen. Bis eventuell die Bagger anrollen, wird noch viel Wasser den Neckar hinunterfließen.

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Mundelsheim/Besigheim. Die Region Stuttgart will seit Jahren neue Gewerbeflächen an der A81 ermöglichen, bislang allerdings mit mäßigem Erfolg. Auch östlich der Autobahnauffahrt Mundelsheim war schon einmal ein Areal vorgesehen. Die Regionalversammlung hatte damals die Planungsvoraussetzungen für die Erschließung des interkommunalen Gewerbegebiets „Holzweiler Hof“ geschaffen, das Vorhaben scheiterte aber am Natur- und Landschaftsschutz.

In Zuge der Haushaltsberatungen des Verbands Region Stuttgart (VRS) haben die Freien Wähler im Regionalparlament nun erneut ein Gewerbegebiet an der Autobahn ins Spiel gebracht, diesmal auf westlicher Seite der vielbefahrenen Verkehrstraße. Nördlich von Stuttgart bestehe nach wie vor großer Bedarf an Gewerbeflächen, so die Freien Wähler in einem Haushaltsantrag. Und die bislang entlang der A81 im Regionalplan ausgewiesenen Gewerbeschwerpunkte seien bis auf eine Ausnahme nicht von den jeweiligen Kommunen umgesetzt worden – obwohl in der Region aktuell Nachfrage nach zusätzlichen Flächen für „innovative Ansiedlungen“ bestehe. Der Vorschlag: Die Regionalversammlung soll in unmittelbarer Nähe zur Autobahnauffahrt, im Umfeld der Mundelsheimer Obsthalle, ein 25 bis 35 Hektar großes Gewerbegebiet im Gewann „Benzäcker“ ausweisen. Derzeit liegt das Areal noch in einem regionalen Grünzug, in dem eine Bebauung nicht zulässig ist. Deshalb müsste die Regionalversammlung eine Änderung des Regionalplans verabschieden, ein solcher Beschluss erfordert ein umfangreiches Planungsverfahren.

Ein erster Schritt erfolgte, als das Gremium im Dezember den 418 Millionen Euro schweren Regionalhaushalt 2021 verabschiedete. Dabei bewilligte das Regionalparlament mehrheitlich auch den Antrag der Freien Wähler und leitete mit dieser Entscheidung die Vorplanung für eine eventuelle Änderung des Regionalplans ein. „Die Planänderung selbst wurde aber noch nicht beschlossen“, betont Thomas Kiwitt, der Leitende Technische Direktor vom Verband Region Stuttgart, im Gespräch mit unserer Zeitung. Der VRS wird das Vorhaben nun in enger Abstimmung mit den beteiligten Kommunen vorantreiben. Dabei stehen laut Kiwitt die Verkehrserschließung, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Umweltbelange im Fokus.

Nach einer Abwägung soll die Regionalversammlung entscheiden, ob das Planungsverfahren offiziell eröffnet wird. In den weiteren Prozess würde neben Fachbehörden von Landratsamt und Regierungspräsidium Stuttgart, Trägern öffentlicher Belange und Umweltverbänden auch die Öffentlichkeit einbezogen. Am Ende des Verfahrens müsste die Regionalversammlung darüber abstimmen, ob der Grünzug neben der Autobahn aufgehoben und im Regionalplan stattdessen ein Gewerbegebiet ausgewiesen wird.

Auf einen Zeitplan will sich Chefplaner Kiwitt derzeit nicht festlegen, in der Coronakrise könne er keine seriösen Prognosen zum Planungsfortschritt treffen. Gleiches gilt natürlich für die Entscheidung der Regionalversammlung. Einerseits spreche die Lage an der Autobahn für eine Erschließung des Areals, meint Kiwitt. „Es gibt keine Ortsdurchfahrt, deshalb wird niemand durch Lkw-Verkehr behelligt.“ Auch der Bedarf an Gewerbeflächen sei vorhanden. Andererseits sei der Platz in der Region begrenzt, gibt der Chefplaner zu bedenken, „wir müssen achtsam mit Freiflächen umgehen“. Zudem handele es sich um einen völlig neuen Ansatz, weil das Areal auf der grünen Wiese liege. „Sonst wachsen Gewerbegebiete von einem bestehenden Zentrum nach außen, hier hätten wir einen kompletten Neustart“, so Kiwitt. Das Gewerbegebiet Ottmarsheimer Höhe aber könne wegen der Hochspannungsleitung und der Mindestabstände zum Wald nicht erweitert werden. „Wir befinden uns auf einer freien Fläche. Das ist sensibel und erfordert einen gewaltigen Eingriff in Natur und Landschaft.“

Auch wenn das Regionalparlament tatsächlich ein Gewerbegebiet ausweisen sollte, bleibt die Entscheidungshoheit bei den Kommunen. Jede der sechs am Zweckverband Industriegebiet Besigheim beteiligten Kommunen müsste einer Änderung des Flächennutzungsplans des Gemeindeverwaltungsverbands (GVV) Besigheim zustimmen. Dieses Verfahren könnte parallel zur Änderung des Regionalplans abgewickelt werden. Das endgültige Baurecht würde mit der Aufstellung eines Bebauungsplans durch die Gemeinde Mundelsheim oder den GVV erteilt. „Erst dann kann ein Investor kommen“, erläutert Kiwitt.

„Der Beschluss der Regionalversammlung heißt noch lange nicht, dass es jetzt losgeht“, betont auch der Mundelsheimer Bürgermeister Boris Seitz. „Die Region hat lediglich erklärt, dass sie Flächen sucht – und wir bieten diese Fläche in einem frühen Stadium des Verfahrens jetzt an.“ Er geht davon aus, dass sich der weitere Planungsprozess noch mindestens zwei Jahre in die Länge ziehen wird.

In einem „Letter of Intent“ jedenfalls haben die Mitglieder des Zweckverbands vor der Weihnachtspause gegenüber der Region zum Ausdruck gebracht, dass sie das Gewerbegebiet gemeinsam erschließen wollen. Kiwitt begrüßt diese Bereitschaft zur interkommunalen Zusammenarbeit. „Wir haben hier eine funktionierende Partnerschaft, die sich im Zweckverband Industriegebiet Besigheim seit Jahrzehnten bewährt hat. Eine weitere Zusammenarbeit wäre für die beteiligten Kommunen interessant und sinnvoll.“

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