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Ein Dorf und die Jahrhundertkatastrophe

Nicht jeder war zum Helden geboren

Der Heimatkundler Gerhard Bickel erforscht in seinem neuesten Buch das Schicksal der Weltkriegssoldaten aus Neckarrems – Akten im Hauptstaatsarchiv gewälzt

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Friedrich Beck (rechts) hat als Sanitäter den Weltkrieg mitgemacht.
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Gottlieb Mayer, 1913 erster Vorsitzender des neugegründeten VfB Neckarrems, fiel 1915 an der Marne. Das Foto rechts zeigt ihn hinten stehend in der Mitte.
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Albert Mannsperger.Fotos: privat
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Gottlieb Mayer, 1913 erster Vorsitzender des neugegründeten VfB Neckarrems, fiel 1915 an der Marne. Das Foto rechts zeigt ihn hinten stehend in der Mitte.

Ludwigsburg. „Kommt es denn in der Zeitung, dass wir in Serbien so viel Verluste haben? ... Es blühte mir zwar auch beinahe, an der Morava durchschlug ein Granatsplitter meine Zeltbahn auf meinem Tornister, es ging also noch gut ab.“

Diese Zeilen schrieb Albert Mannsperger, Unteroffizier im Infanterie-Regiment 121, im November 1915 aus Belgrad an seine Mutter. Er war einer von 164 Neckarremser, die 1914 als Erste in den Krieg zogen. 48 von ihnen – also fast ein Drittel – sollten die Heimat niemals wiedersehen. Das Schicksal der Soldaten aus Neckarrems hat der Hobbyhistoriker Gerhard Bickel in seinem neuesten Buch aufgearbeitet.

Der 1944 geborene Heimatforscher ist in Neckarrems aufgewachsen und hat als kleiner Junge viele Veteranen des Ersten Weltkriegs noch selbst erlebt. Im Ratsstüble saßen diese oft beisammen, schnupften Tabak und erzählten sich von Verdun oder Fort Douaumont. Sein Großvater, erinnert sich Gerhard Bickel, habe ihm aber früh eingeschärft: „Die, die viel schwätzen, haben nichts erlebt.“ Einer, der sich nicht mit Kriegstaten brüstet, war eben jener Albert Mannsperger. Dabei hätte er sich ohne große Mühe zum deutschen Helden stilisieren können.

Am 10. Juli 1916 wurde der gelernte Schreiner schwer verwundet. Für seinen Einsatz wurde Albert Mannsperger reich dekoriert: mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse sowie der Tapferkeitsmedaille. Gerhard Bickel hat Mannsperger noch selbst gekannt. „Das war ein ganz bescheidener Mensch.“

Für viele Neckarremser war der Ausmarsch jedoch ein Abschied für immer. Das XIII. Armeekorps, in dem 794 000 Württemberger dienten, hatte mit 73 000 Toten oder Vermissten im Verhältnis die höchste Anzahl von Gefallenen auf deutscher Seite, stellt Gerhard Bickel fest. Unter den Neckarremsern war der Blutzoll prozentual gesehen sogar noch höher.

Der in Schwaikheim lebende Heimatforscher, der bis zum vergangenen Frühjahr auch im Remser Heimatverein aktiv war, hat in viel Kleinarbeit die Akten im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart nach den Spuren der Soldaten seines Herkunftsdorfes durchforstet.

Auf mehr als 40 Seiten seines Buches hat Bickel die verschiedenen Schlachten des Krieges aufgeführt und gibt Auskunft über jene Soldaten aus Neckarrems, die daran teilnahmen – und ob sie überlebten oder ums Leben kamen. Gottlieb Mayer war einer jener Männer, die „auf dem Feld der Ehre gefallen“ sind, wie es dick unterstrichen auf der Retoure eines Feldpostbriefs heißt, der ursprünglich an den Unteroffizier und Tambour Major adressiert war.

Gottlieb Mayers Familie führte das Gasthaus Löwen. 1913, also ein Jahr vor Kriegsbeginn, war der damals 33 Jahre alte Gottlieb Mayer zum ersten Vorsitzenden des damals neu gegründeten VfB Neckarrems gewählt worden. Anfang Oktober 1914 wurde das Landwehr-Infanterie-Regiment 120 nach Lothringen verlegt. Am 22. Mai 1915 fiel Mayer bei Savonnières-en-Perthois an der Marne. Seelischen Trost fanden viele Soldaten in der Korrespondenz mit Gräfin Fanny zu Inn- und Knyphausen, die damals die Herrin auf dem Neckarremser Schlossberg war.

Der Schneider Wilhelm Geiger, der in der Etappe seinen Dienst tat, schilderte in seinen Briefen – und an der Zensur vorbei – eindrücklich die Schrecken des Krieges. Einen Brief beschließt er mit den Worten „Nachts fielen Bomben und es gab viele Tote. Herzlichst grüßt Sie Ihr Nachbar Wilhelm Geiger“.

Iinfo: Das Buch „Neckarremser im Weltkrieg 1914-1918“ von Gerhard Bickel wird am Sonntag, 7. September, von 14 Uhr an bei einer Buchpräsentation im Museum Altes Schulhaus der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt.