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Nichts geht mehr im S-Bahn-Tunnel

Nach 40 Jahren Dauerbetrieb wird der Stuttgarter S-Bahn-Tunnel ab dem 31. Juli für Modernisierungsarbeiten gesperrt, Züge müssen auf der Stammstrecke in den kommenden drei Jahren während der Sommerferien draußen bleiben. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

S-Bahn-Fahrgäste müssen sich in den Sommerferien auf Behinderungen einstellen. Die Stuttgarter Tunnelhaltestellen – wie die Schwabstraße – werden nicht angefahren.Archivfoto: R. Theiss
S-Bahn-Fahrgäste müssen sich in den Sommerferien auf Behinderungen einstellen. Die Stuttgarter Tunnelhaltestellen – wie die Schwabstraße – werden nicht angefahren. Foto: R. Theiss

Kreis Ludwigsburg. Wie lange dauert die Sperrung des Stuttgarter S-Bahn-Tunnels?

In diesem Jahr von Samstag, 31. Juli, bis Sonntag, 12. September. Allerdings wird die Stuttgarter Stammstrecke auch in den Sommerferien 2022 und 2023 wegen der Sanierung und der anstehenden Digitalisierungsarbeiten zwischen Hauptbahnhof und Stuttgart-Vaihingen nicht befahrbar sein. Konkret betroffen sind die Haltstellen Stadtmitte, Feuersee und Schwabstraße, wo die S-Bahnen aus Marbach, Bietigheim, Ditzingen und Korntal enden. Dazu kommen die Universität und Österfeld.

Worauf müssen sich die Fahrgäste gefasst machen?

Auf Behinderungen und längere Fahrtzeiten. Geplant ist nach jetzigem Stand der Dinge, dass die S-Bahnen nicht mehr im 15-Minuten-Takt unterwegs sind, sondern nur noch alle 30 Minuten fahren. Die Züge aus dem Kreis kommen am Stuttgarter Hauptbahnhof oberirdisch an, für die S-Bahnen sind in den Sommerferien die ersten fünf Gleise vorgesehen. Wer andere Ziele in der Innenstadt ansteuert, muss auf Ersatzbusse umsteigen, die laut S-Bahn-Chef Dirk Rothenstein werktags alle fünf Minuten ab Arnulf-Klett-Platz bis zur Universität verkehren sollen. „Wir kümmern uns um unsere Fahrgäste und tun alles dafür, dass das Umsteigen möglichst problemlos verläuft“, sagte Rothenstein am Montag während eines Pressegesprächs. Er schätzt grob, dass sich die Reisezeiten für die Fahrgäste um etwa 20 Minuten verlängern werden.

60 Baustellen-Buddys sollen ihnen vor Ort bei Fragen zur Verfügung stehen, die Wege zu den Haltstellen will die Bahn mit gelben Bodenlinien markieren. Geplant ist zudem, das Nordnetz mit einer Linie S15 zu stützen, die zwischen Bietigheim und Herrenberg verkehrt und Stuttgart-Vaihingen anbindet. Dafür wird die Stuttgarter Innenstadt über den Westen umfahren.

Ist von der Sperrung der Stammstrecke nur die S-Bahn betroffen?

Vermutlich nicht. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) prophezeite am Montag, dass das Projekt auch beim Regionalverkehr im Land erhebliche Beeinträchtigungen während der Sommerferien verursachen werde. „Wir sind jedoch zuversichtlich, dass sich das Ergebnis lohnt“, sagte der Minister. Die Sommerferien haben sich die Projektpartner für die Umsetzung ausgesucht, weil dann der Schülerverkehr wegfällt und auch viele Berufspendler Urlaub machen.

Warum greift die Bahn so massiv in die Infrastruktur ein?

Die mehr als 40 Jahre alte und vielbefahrene Strecke muss nach Angaben der Bahn grundlegend erneuert werden, was bei laufendem Betrieb nicht möglich sei. Neue Weichen und Gleise müssen her, außerdem sollen die Stationen heller und moderner werden. „Der Aufenthalt wird für die Fahrgäste komfortabler“, sagt Michael Groh von DB Station & Service.

Los geht es in diesen Sommerferien mit der Station Stuttgart Hauptbahnhof tief. Angedacht ist ein neuer Bahnsteigbelag, frische Wandpaneele und Deckenverkleidungen, Stützen mit Beleuchtung und freundlichere Treppenhäuser. Die Haltepunkte Stadtmitte und Schwabstraße erhalten ein taktiles Leitsystem für sehbehinderte Fahrgäste. Der Feuersee und die Universität sind dann im kommenden Jahr an der Reihe.

Was passiert auf der Strecke?

Zwischen dem Stuttgarter Bahnhof und der Schwabstraße will die S-Bahn nach eigenen Angaben alle zwölf Weichen erneuern. Darüber hinaus hat sie vor, auf einer Länge von rund 2,4 Kilometern die Gleise zu erneuern. „Wir wollen damit die Zuverlässigkeit der S-Bahn erhöhen und für einen stabileren Verkehr sorgen“, sagt Rüdiger Weiß von DB Netz. Das Vorhaben bezeichnete er als herausfordernd. Als Knackpunkte nannte Weiß die enge Tunnellage, die vielen Gewerke, die aufeinander abgestimmt werden müssen und die Logistik. Unter anderem ist der Kornwestheimer Rangierbahnhof als Unterstützung eingeplant. DB Netz plant mit 13000 Tonnen Schotter, der zur Baustelle gebracht werden muss und 6800 Meter neuen und alten Schienen.

Der Anbieter Vodafone hat sich unterdessen vorgenommen, während der Stammstreckensperrung das Mobilfunknetz zu verbessern und sogenannte Repeater einzubauen, die die Leistung der Mobilfunksignale erhöhen. Seit rund zwei Jahren verfügen die S-Bahnen in der Region über WLAN.

Wie steht es um die Digitalisierung des Bahnknotens Stuttgart?

Ziel ist es, die Stammstrecke, große Teile des S-Bahn-Netzes und Stuttgart21 mit der Leit- und Sicherungstechnik ETCS auszustatten. Dahinter steckt ein europäisches Zugkontrollsystem, das es erlaubt, die Fahrzeuge enger zu takten. „Allein die S-Bahn wird dadurch um mindestens 20 Prozent leistungsfähiger“, prognostiziert der Manager Rothenstein. Im kommenden Jahr will die Bahn vorbereitend rund 400 Kilometer Kabel auf der Strecke verlegen und neue Hardware einbauen – ebenfalls bei gesperrtem S-Bahn-Tunnel. Der elektronische Lotse ETCS sei dann 2023 an der Reihe.

Was kostet das Ganze?

Die neuen S-Bahn-Stationen verschlingen nach jetzigem Stand der Planung wohl knapp 40 Millionen Euro. Ein ähnlicher Betrag wird nach Angaben der Bahn für die runderneuerte Stammstrecke fällig.

Hat die Bahn einen PlanB, falls sie länger braucht, um die Schienen und Weichen zu erneuern?

Offenbar nicht. „Wir haben viel Erfahrung mit dem Umbau von Gleisen und Weichen“, sagt Rüdiger Weiß von DB Netz. „Die Aufgabe ist zu schaffen.“

Was tut die Bahn noch für Reisende?

An den Wochenenden kündigt die Bahn an, Rufbusse einzusetzen. Diese sollen auf Abruf nachts zwischen 0 Uhr und 6 Uhr sowie samstags zwischen 20 Uhr und 24 Uhr fahren. Sonntags gilt das per App oder Telefon buchbare Angebot demnach zwischen 10 Uhr und 20 Uhr.

Der S-Bahn-Manager Rothenstein verweist zudem auf flexiblere Vorgehensweisen bei Zeittickets. So könnte etwa das 9-Uhr-Ticket unter der Woche bereits ab 8.30 Uhr genutzt werden. Wer in der Stuttgarter Innenstadt kürzere Entfernungen zurücklegen muss, dem legt Rothenstein die Leihfahrräder von Regiorad ans Herz.

Minister Hermann erinnert: „Alle Abokarteninhaber können während der Sommerferien durch den bwegt-Abosommer den ÖPNV in ganz Baden-Württemberg nutzen.“

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