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Offensive: 90 Elektro-Ladesäulen für Marbach bis zum Jahr 2030

Die Zahl der E-Ladepunkte soll in Marbach kräftig steigen. Archivfoto: Marijan Murat/dpa
Die Zahl der E-Ladepunkte soll in Marbach kräftig steigen. Archivfoto: Marijan Murat/dpa
Der Marbacher Gemeinderat hat in einer Sondersitzung am Donnerstagabend das für die Stadt erarbeitete Elektromobilitätskonzept einmütig gebilligt; lediglich die beiden Stadträte der Gruppe Puls enthielten sich. Zentrale Punkte sind der Aufbau eines engmaschigen Ladesäulennetzes in den nächsten Jahren, die sukzessive Umstellung des städtischen Fuhrparks auf E-Autos und der Ausbau von Carsharing-Angeboten.

Marbach. Den Auftrag für die umfangreiche Studie hatte die Stadt an die Netze BW, eine Tochter der EnBW vergeben. Kern des Konzeptes, das allein in der Kurzfassung 50 DIN-A4-Seiten umfasst, sind Maßnahmen und Handlungsempfehlungen, die Verkehr vermeiden, die Elektrifizierung unterstützen, Elektromobilität fördern und so zu einer Reduzierung der verkehrsbedingten Emissionen in Marbach führen sollen. Und diese Emissionen werden vor allem vom Individualverkehr verursacht, das ist eine Erkenntnis der Bestandsanalyse. Der Pkw sei dominant, der öffentliche Nahverkehr spiele eine untergeordnete Rolle, so Ilona Schust, Managerin für Elektromobilität bei Netze BW und Verfasserin des Konzepts. Hoffnung machen ihr aber die Ergebnisse einer Umfrage unter den Marbachern. 70 Prozent der Teilnehmer bekundeten grundsätzliches Interesse an der E-Mobilität, ein Drittel davon hat aber keine Möglichkeit, sich privat eine Ladestation zuzulegen.

Standorte im gesamten Stadtgebiet

Nicht zuletzt daraus leitet das Konzept die Handlungsempfehlung ab, bis 2030 stolze 85 öffentlich zugängliche Ladesäulen sowie sieben Schnellladesäulen zu installieren; dieser Bedarf ergibt sich aus auf Marbach heruntergerechnete Mittelwerte. Die Standorte sollten auf das gesamte Stadtgebiet verteilt werden, „um die Verfügbarkeit von Ladeinfrastruktur sichtbar zu machen“, so Schust. Im Blick sind vor allem die Wohngebiete im Osten der Stadt (Schwabstraße) sowie Marbach-Süd, dazu der Bahnhof und Parkplätze in der Nähe zur Innenstadt.

Deutlich Luft nach oben zeigt der Umfrage zufolge auch das Thema Carsharing, also das Teilen eines Autos. 97 Prozent der Teilnehmer haben diese Möglichkeit noch nie genutzt, für fast die Hälfte davon ist das Autoteilen allerdings keine Option. Um die Bereitschaft zum Verzicht auf das eigene Auto zu fördern, sieht die Studie daher die Erfordernis, die Verkehrssysteme insgesamt umzugestalten und attraktiver zu machen. Hier sind der Stadt freilich Grenzen gesetzt, weil der ÖPNV Kreissache beziehungsweise Aufgabe der Verkehrsverbünde ist. Kommunale Spielräume gibt es dagegen beim Rad- und Fußgängerverkehr. Für 2023 ist zum Beispiel bereits die Teilnahme der Stadt am sogenannten Fußgängercheck vorgesehen, einem Angebot des Landes.

Dienstwagen sollen eine Elektroflotte werden

Bleibt noch die Dienstwagenflotte der Stadtverwaltung. Hier sieht das Konzept ganz klar finanzielle Einsparpotenziale und die Chance, CO-Emissionen zu senken, wenn die Autos nach und nach auf E-Antrieb umgestellt werden. Weil die Dienstwagen überwiegend auf Kurzstrecken genutzt werden, sei dies problemlos mit E-Autos zu meistern. Schwieriger ist dagegen die Situation bei den Nutzfahrzeugen des Bauhofs, weil es hier oft noch an Angeboten der Hersteller fehlt. Dennoch schreibt Ilona Schust der Verwaltung eine Vorbildfunktion zu und fordert zudem von ihr eine offensive Kommunikation des Themas E-Mobilität und der in diesem Zusammenhang geplanten Projekte.

Weil sich naturgemäß nicht alles auf einmal realisieren lässt, hat Netze AG zudem die Maßnahmen priorisiert. Auch dieser Prioritätenliste hat der Gemeinderat zugestimmt und im Gegenzug einen Antrag der Gruppe Puls abgelehnt. Die beiden Stadträte wollten den Ausbau des Carsharing-Angebots sowie die Attraktivierung des Fußverkehrs und der Fahrradnutzung in die Prioritätsstufe1 hochgestuft sehen, auch das Ziel einer autofreien Innenstadt sollte schneller angegangen werden.

Martin Mistele, Fraktionschef der Freien Wähler, übte allerdings deutliche Kritik. Das Papier mache zum Beispiel keine Aussage zu den Kosten, sage nichts über mögliche Betreiber der vorgeschlagenen Ladesäulen. Das sei „enttäuschend“. Zudem bedeuteten 90 Ladepunkte auch 90 verloren gegangene Parkplätze. „Zu dieser Frage hätten wir uns mehr Input der Studie gewünscht.“ Die Freien Wähler lehnen es jedenfalls ab, dass die Stadt die Ladesäulen betreibt; „wir unterhalten ja auch keine Tankstelle. Das ist keine kommunale Aufgabe.“

Gesamtkosten sind noch nicht seriös zu beziffern

Für die CDU ist die Studie ein „Mobilitätswandelkonzept“ (Jochen Biesinger), für die Grünen ein „Konzept für nachhaltige Mobilität“. Sebastian Engelmann bezeichnet sie zudem als „eine Landkarte für die nächsten Jahre“. Unklar sei freilich noch, wie die mit dem Konzept verbundene kommunikative Aufgabe bewältigt und gelöst werden kann. „Wenn wir die Aussagen ernst nehmen, wird das hohe Folgekosten bedeuten“, so Biesinger. Er war sich mit Bürgermeister Jan Trost darin einig, dass die Kosten heute noch nicht seriös beziffert werden könnten, deshalb sei die Priorisierung der Maßnahmen notwendig. Von einer „guten Orientierungshilfe“ sprach SPD-Fraktionschef Ernst Morlock, die Studie enthalte sehr viele Marbacher Spezifika, das sei „beruhigend“.