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Organist aus Poppenweiler hört auf

20 Jahre lang hat Walter Layher in der Poppenweiler St.-Georgs-Kirche alle Register gezogen. 20 Jahre lang war er der Mann an der Orgel. Jetzt hört er auf. Mit 73 Jahren ist bei der evangelischen Kirche Schluss. Auch für Organisten. „Ich hätte sonst bestimmt noch weitergemacht“, sagt er. Am Sonntag wird er aus seinem Amt verabschiedet.

Walter Layher an der Walcker-Orgel in Poppenweiler. Foto: Holm Wolschendorf
Walter Layher an der Walcker-Orgel in Poppenweiler. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. „Meine Enkelin hat gefragt: ‚Opa, hast Du auch Ballett-Schuhe?‘“, erzählt er lachend, während er sich seine schwarzen Orgel-Schuhe schnürt. Überhaupt lacht Walter Layher viel. Er scheint der Beweis dafür zu sein, dass Musik glücklich macht. Und er hat viel Musik gemacht in seinem Leben.

Seit 56 Jahren spielt er Orgel im Gottesdienst. Er kennt fast alle Kirchenorgeln im Landkreis, hat sogar auf der großen Walcker-Orgel im Ulmer Münster gespielt. Seit 40 Jahren ist er nebenberuflich als angestellter Organist tätig, seit 20 Jahren ist Walter Layher der Orgel-Mann in Poppenweiler.

Ein feste Burg ist unser Gott, die Noten zu diesem Kirchenlied-Klassiker von Martin Luther sind an der Orgel aufgeschlagen. Allerdings in einer an den Jazz angelehnten Version. „Ich probiere gerne mal was Neues aus“, sagt Layher. Und das bezieht sich nicht allein auf die Kirchenlieder, die in der alten Dorfkirche gesungen werden. Vor vielen Jahren hat er beispielsweise das offene Weihnachtsliedersingen am zweiten Weihnachtsfeiertag initiiert. Bis dato war das ein eher mäßig besuchter Gottesdienst. Seit aber so viel gesungen wird, sei die Kirche immer voll. Pfarrer Albrecht Häcker freut sich. Walter Layher habe mit seiner Arbeit und seiner ihm eigenen Art „viel Lebensfreude verbreitet“, sagt er.

Das spiegelt auch das Gesicht des Organisten wider, wenn er zum Spielen ansetzt. Wenn er ein Register zieht und die Finger über die Tasten laufen lässt, während die Füße einer scheinbar ganz eigenen Choreographie folgen. Und wenn der klare Klang der frisch renovierten Walcker-Orgel den Kirchenraum erfüllt.

„Beanstandungen an der Orgel“ steht auf einem schwarzen Buch mit roten Kanten, das neben der Orgel liegt. Aber das benötigt Walter Layher nicht mehr. „Die alte Orgel war asthmatisch.“ Vor Weihnachten habe oft der Orgelbauer kommen müssen, weil nichts mehr ging. In diesem Jahr ist sie renoviert worden. Viel Geld habe die Kirchengemeinde in die Hand genommen, sagt Layher, ein Förderkreis hat fast 20 Jahre lang Spenden gesammelt. Und es habe sich gelohnt, sagt der Organist. Und der muss es wissen.

Als Kind hat Layher begonnen, Klavier zu spielen. „Angefangen habe ich auf dem Harmonium.“ Das Talent des Jungen wurde schnell deutlich und von den Eltern gefördert. „Zur Konfirmation bekam ich ein Klavier, das hat damals so viel gekostet wie ein VW-Käfer.“ Er bekam Orgel-Unterricht, unter anderem von Edgar Rabsch, dem späteren Kantor am Ulmer Münster.

Die Musik hat er dennoch nicht zum Beruf gemacht. Jedenfalls nicht ausschließlich. Walter Layher wurde Lehrer für Musik und Mathematik. Später wurde er Schulrat, lehrte an der PH und war zum Schluss stellvertretender Leiter des Staatlichen Schulamts. Nebenberuflich hat er immer Orgel gespielt.

Manchmal, so sagt er, sei das Engagement schon grenzwertig gewesen. „Wenn meine Frau mir die Rote Karte gezeigt hätte, hätte ich dafür Verständnis gehabt.“ Urlaubsplanung ging nur parallel mit der Gottesdienstplanung. An hohen Feiertagen war er nie zu Hause. „Viele Erkältungen habe ich mir beim Üben in der kalten Kirche geholt“, erinnert er sich. Bis er sich dann eine Orgel für zu Hause gekauft habe. Ein bis zwei Stunden pro Tag sitzt er am Instrument. „Nachts, bei Dunkelheit, spiele ich besonders gerne.“ Dann allerdings mit Kopfhörer.

Vor 20 Jahren hat Layher in Poppenweiler als Organist begonnen. Dabei wohnt er in Neckargröningen. „Aber es ist dieser Kirchturm, den ich von zu Hause aus sehen kann“, meint er schmunzelnd. Viel hat er in dieser Zeit erlebt: Ein Vertretungspfarrer, der nicht kam („da habe ich dann einfach mit der Gemeinde gesungen“). Eine Braut, die es nicht mehr in die Kirche geschafft hatte, weil das Baby schnell auf die Welt kommen wollte. Brautpaare, die ihm Youtube-Videos mailen von Gitarrenstücken und fragen, ob er das adäquat auf die Orgel bringen kann. Hin und wieder hat Walter Layher Applaus im Gottesdienst bekommen. Für eine schwäbisch-evangelische Gemeinde mehr als ein Ritterschlag.

„Ich bin ein bisschen wehmütig, dass das nun zu Ende ist“, sagt der 73-Jährige. Denn Freude habe es ihm immer bereitet. „Man bekommt so viel zurück!“ So ganz verlässt er aber die Orgel-Empore nicht. Zwar hat die Gemeinde eine Studentin der Pädagogischen Hochschule gefunden, die seine Nachfolge antritt – allerdings nur zu 50 Prozent. Die anderen 50 Prozent bestreiten dann Vertretungs-Organisten, und Walter Layher ist natürlich einer von ihnen.

Sollt ich meinem Gott nicht singen, dieses Kirchenlied von Paul Gerhardt hat sich Walter Layher für seinen Abschiedsgottesdienst am Sonntag ausgesucht. „Es ist entstanden in der Zeit der Pest, einer noch schlimmeren Pandemie als wir sie heute haben.“ Eine düstere Zeit, aber ein hoffnungsvolles Lied. „Das möchte ich zum Abschluss mit auf den Weg geben.“ Musik macht eben doch glücklich.

Info: Der Gottesdienst, in dem Walter Layher verabschiedet wird, findet am morgigen Sonntag um 10 Uhr in der evangelischen Kirche Poppenweiler statt.

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