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„Ortskern soll attraktiv und lebendig sein“

Die 41-jährige Simone Haist hat am 16. Februar mit 63,4 Prozent der Stimmen die Bürgermeisterwahl in Ingersheim klar für sich entschieden. Am Sonntag ist sie 100 Tage im Amt. Im Interview äußert sie sich zu Corona, zur Haushaltssperre und zu ihren ersten Gemeinderatssitzungen.

Simone Haist ist seit 100 Tagen im Amt als Bürgermeisterin von Ingersheim, Foto: Holm Wolschendorf
Simone Haist ist seit 100 Tagen im Amt als Bürgermeisterin von Ingersheim, Foto: Holm Wolschendorf

Ingersheim. Frau Haist, Sie sind jetzt 100 Tage im Amt. Gab es einen Tag, der nicht von Corona bestimmt war?

Haist (zögert): Nicht jeder Tag, nicht mein ganzes Handeln war von Corona bestimmt. Es war natürlich so, dass wir uns fast täglich damit beschäftigt haben. Wir mussten entscheiden, was ist möglich und was nicht und wie gehen wir mit verschiedenen Themen um. Das liegt aber auch daran, dass die Themen so vielfältig sind.

Was heißt das?

Jeder Tag ist unterschiedlich. Das macht das Amt einer Bürgermeisterin aus, dass man mit dem gesamten prallen Leben zu tun hat und mit allen Themen, die die Gemeinde beschäftigten. Ich habe sehr viele Menschen kennengelernt und mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einzelne Themen angeschaut, die schon laufen und uns auch in der Zukunft beschäftigen werden. Häufig hat auch der Coronakrisenstab getagt. Da geht es dann beispielsweise um die Kinderbetreuung, jetzt ganz aktuell, wie geht man damit um, wenn ein Kind mit Schnupfen in die Kita kommt. Gleichzeitig beschäftigen uns viele andere Themen, beispielsweise das Baugebiet In den Beeten II. Das Spektrum reicht dort vom Naturschutz bis zum Thema, welche Art von Wohnen wollen wir haben. Oder wie gestalten wir unsere Gemeinderatssitzungen? Wie finden wir uns als Team? Eigentlich möchte man loslegen, durchstarten, gestalten, und jetzt gilt es zuerst einmal, eine Bestandsaufnahme zu machen. Aber: Das ist nun mal der erste Schritt, um strategisch sinnvoll vorzugehen.

Welches ist Ihr Wunsch in dieser Situation?

Mit einem klaren Plan und dem Wissen, was die Ausgangssituation ist, in die Gestaltung der Themen reinzugehen. Das hat uns sehr beschäftigt – alle miteinander. Beschäftigt hat uns auch das Thema Haushalt. Wir mussten feststellen, dass die Situation wirklich sehr angespannt ist, unser Ergebnishaushalt, in dem wir den laufenden Betrieb finanzieren, ist stark defizitär. Das wussten wir zwar vorher auch schon, aber durch Corona ist die Frage hinzugekommen: Sind unsere Einnahmen wirklich so sicher, wie wir sie im Haushaltsplan eingeplant haben? Deshalb haben wir uns dazu entschieden, eine Haushaltssperre zu verabschieden.

Stichwort Haushaltssperre, die der Gemeinderat beschlossen hat. Welche Einschnitte kommen auf die Bürger zu?

Aus meiner Perspektive gibt es keine Einschnitte. Es ist aber so, dass wir jede Ausgabe auf den Prüfstand gestellt haben. Anfang Juni haben wir innerhalb der Verwaltung gesagt, wir machen einen Ausgabenstopp, das heißt, nur die Ausgaben, zu denen wir vertraglich verpflichtet sind und die der Verkehrssicherheit oder sonstigen Sicherungspflichten dienen, lassen wir weiterlaufen. Alles andere wird auf den Prüfstand gestellt. Wir haben auch geringe Ausgaben erst mal gestoppt, bis der Nachtragshaushalt auf den Weg gebracht ist. Und das wird im Oktober voraussichtlich der Fall sein, so ist unser Plan. Wir stellen alles infrage, was nicht unbedingt sein muss, auch um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wofür wir Geld ausgeben.

Im Gespräch vor Ihrem ersten Arbeitstag im Mai sagten Sie, 100 Tage seien für Sie keine entscheidende Maßeinheit. Sie hofften stattdessen, bis dahin so eingearbeitet zu sein, dass es sich anfühlt, als wären Sie deutlich länger hier. Hat sich das bewahrheitet?

Ich habe die 100 Tage als eine unglaublich intensive Zeit erlebt, und durch die Fülle an Themen und Menschen, die ich kennenlernen durfte, war es sehr ereignisreich und mir kommt es tatsächlich schon länger vor. Die letzten Wochen haben mir die Gewissheit gegeben, dass Ingersheim der richtige Ort ist, und ich fühle mich am richtigen Platz.

Sie sind auch in den sozialen Medien präsent, hatten beispielsweise ein Foto und Text Ihres ersten Arbeitstages gepostet. Wie wichtig sind für Sie die sozialen Medien bei Ihrer Arbeit als Bürgermeisterin?

Ich nutze die sozialen Medien nicht, um über Gemeindethemen zu berichten. Ich finde, das ist das falsche Medium. Ich präsentiere mal ein persönliches Ereignis oder ein besonderes Erlebnis. Vor der Wahl habe ich so viel über Facebook kommunziert, dass ich auch jetzt immer wieder mal ein Update geben möchte.

Die vergangenen drei Monate hielten sicherlich etliche Überraschungen für Sie bereit – positiver und negativer Natur. Was hatten Sie so nicht erwartet?

Tatsächlich habe ich das Gefühl, in der Rathausarbeit gebunden zu sein. Ich wünsche mir für die Zukunft, wieder mehr den Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern zu haben. Vor der Wahl hatte ich einen sehr intensiven Kontakt. Ich war sehr viel in Ingersheim unterwegs und bin dafür auch sehr dankbar, weil ich dadurch ein Gefühl für den Ort bekommen habe. Und das fehlt mir im Moment ein bisschen. Ich habe kaum repräsentative Termine. Derzeit finden kaum Veranstaltungen und keine Vereinsfeste statt. Das war vor der Wahl und auch beim Amtsantritt so nicht zu erwarten.

Vor dem Hintergrund der Coronakrise: Wie wichtig ist Ihnen interkommunale Zusammenarbeit – sei es bei Standesbeamten, aber auch bei Gewerbegebieten oder beim Thema Verkehr?

Das Thema ist mir sehr wichtig. Ich habe auch bereits mit allen Bürgermeisterkollegen hier im Umkreis persönliche Gespräche geführt. Meine Meinung ist klar: Die Themen hören nicht an der Gemarkungsgrenze auf. Wir tauschen uns bei vielen Themen aus. Interkommunale Zusammenarbeit hat für mich einen hohen Stellenwert, und dafür, glaube ich, ist der persönliche Kontakt auch sehr wichtig.

Sie haben in den ersten 100 Tagen auch bereits drei Gemeinderatssitzungen geleitet. Wie erleben Sie die Arbeit im Gremium? Auch mit Ihrem Mitbewerber um das Bürgermeisteramt, Thorsten Majer?

Vor der ersten Gemeinderatssitzung gab es Gespräche, auch mit der SPD-Fraktion, im kleinen Kreis. Mir ist es total wichtig, allen Gemeinderäten das Signal zu geben: Jeder Gemeinderat ist gleich wichtig. Wir sind alle gewählt. Die Gemeinderäte genauso wie ich. Ich empfinde es so, dass wir eine gute Basis für die Zusammenarbeit haben. Man kann inhaltlich unterschiedlicher Meinung sein, das Wichtigste ist, dass man als Menschen gut miteinander umgeht und den anderen wertschätzt. So habe ich das auch in den drei Sitzungen erlebt. Mir wurde gesagt, dass in den Sitzungen mehr diskutiert wurde als vorher und das ist mir auch wichtig. Jeder Gemeinderat hat mir bei meiner Amtseinführung das Angebot gemacht, sich mit einem bestimmten Thema in die Gemeinderatsarbeit einzubringen. Ich finde, das ist eine wirklich tolle Geste.

Sie hatten in den vergangenen 100 Tagen Gelegenheit, das Rathaus und seine Mitarbeiter kennenzulernen. Wie ist das Rathaus aufgestellt? Gibt es Pläne, am Aufgabenzuschnitt etwas zu ändern?

Ich habe mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rathaus Gespräche geführt und mir angehört, welche Themen sie beschäftigen und was sie sich auch von mir wünschen. Auch mit den meisten Mitarbeitern in den Außenstellen habe ich gesprochen, beispielsweise in der Kita, bei der Sozialstation und beim Bauhof. Mein Eindruck ist, die Mitarbeiter arbeiten gern für die Gemeinde Ingersheim und ich sehe mich in der Verantwortung dafür, dass ein richtiger Teamgeist hier einkehrt. Ich mache auch regelmäßige Runden mit meinen Amtsleitern und -leiterinnen, weil ich der Meinung bin, dass wir als Führungsteam richtig gut zusammenarbeiten müssen, um für die anderen auch da sein zu können. Es ist wichtig, dass wir uns an den Themen ausrichten. Mir ist projektbezogenes Arbeiten wichtiger, als Zuständigkeiten abzustecken. So sieht das meiner Ansicht nach auch das Team.

Sie erwähnten gerade Arbeit in Projekten. Welches Projekt erscheint Ihnen in den kommenden Jahren besonders wichtig?

Es laufen einige Projekte, die es fortzusetzen gilt. Die Entwicklung der Ortsmitte ist ein ganz zentrales Projekt, weil es um das Herz unserer Gemeinde geht. Der Kern soll attraktiv und lebendig sein, eine Umgebung, in der sich die Menschen gerne bewegen, wohnen und aufhalten. Es ist für mich ein zentrales Projekt der Innenentwicklung unserer Gemeinde. Wichtig ist die Entwicklung des Wohngebiets In den Beeten II, das werden wir fortsetzen und das Beste daraus machen. Wichtig ist auch unser Zweckverband mit Bietigheim und die Gewerbeentwicklung. Das sind drei Themen, an denen auch viel dranhängt. Was passiert im neuen Wohngebiet beispielsweise mit der Fläche, die für Gemeinbedarf vorgesehen ist? Aus meiner Perspektive ist eine neue Gemeindehalle derzeit finanziell nicht leistbar. So wird das auch überwiegend im Gemeinderat gesehen. Dann müssen wir überlegen, was machen wir mit unseren bestehenden Hallen.

Welche Hallen meinen Sie?

Wir haben drei Hallen: die SKV-Halle, die Fischerwörthhalle und das Schönblick-Vereinsheim. Das sind die Räumlichkeiten, die unsere Vereine nutzen. Es gibt auch Wünsche, diese Hallen zu sanieren und attraktiver zu gestalten. Wir machen eine Bestandsaufnahme und schauen, was wir brauchen und mit welchen finanziellen Mitteln wir es verwirklichen können – in enger Kooperation von Gemeinderat, den ehrenamtlichen Nutzerinnen und Nutzern und der Verwaltung.

Zurück zu unserer Einstiegsfrage und zu Corona. Sie hatten im Mai Corona auch als Chance bezeichnet? Inwiefern?

Ich sehe es tatsächlich auch als Chance, um zu überlegen, wie wollen wir als Gesellschaft zusammenagieren. Ich erlebe es so, dass man sich vielmehr darauf besinnt: Was bedeutet Heimat? Was ist mir wichtig?. Wie schön ist es hier bei uns? Ich glaube, wir haben jetzt die Chance, zu schauen, wer sind wir überhaupt. Was macht uns aus. Gerade auch im Hinblick auf die finanzielle Situation: Wenn wir merken, dass es Einschränkungen gibt, worauf konzentrieren wir uns? Was ist uns wirklich wichtig? Corona sehe ich auch als Zäsur und als Chance, zu entscheiden, was wir wollen. Und zwar ganz bewusst.

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