Logo

Plötzlich fliegen Brandsätze

Polizisten des Reviers schildern die Brandnacht und ihre Begegnung mit dem Tatverdächtigen

MARBACH. Ein ungewöhnlich ruhiger Freitagabend war das im Marbacher Polizeirevier – zu ruhig eigentlich für die Nacht vor dem Feiertag am 3. Oktober. Also nutzten die Beamten die Zeit, um Schreibkram zu erledigen. Vier Stunden später flogen Brandsätze und ein Haus stand in Flammen. Der Mann, der sagt, er habe das Feuer gelegt, steht derzeit in Heilbronn vor Gericht. Seine möglichen Verbindungen in die Reichsbürgerszene sind unklar.

Am fünften Verhandlungstag vor der Ersten Schwurgerichtskammer des Landgerichts Heilbronn standen die Aussagen der Polizeibeamten im Mittelpunkt, die in jener Nacht Schicht hatten. Wie es dann doch sehr turbulent geworden war und sie am frühen Morgen mit einem Tatverdächtigen dasaßen, der etwas „gegen das Merkel-Regime“ tun und gleichzeitig den Geist seiner Oma vertreiben wollte, schilderten die zwei Frauen und zwei Männer gestern lebhaft und eindrücklich.

Genau um 3.04 Uhr bemerkte der Wachhabende einen hellen Schein vor der Tür des Reviers, dachte kurz an eine kaputte Lampe, aber schnell war klar: „Das muss eine Art Anschlag sein.“ Die Glastür hatte einen Sprung, aus einer Schnapsflasche loderte eine meterhohe Flamme. „Da draußen brennt irgendwas!“, rief er den Kollegen zu. Einer rannte in die Küche, schnappte sich den größten Kochtopf, füllte ihn halb und schüttete das Wasser auf die Flamme. Als der jüngste Kollege mit dem Feuerlöscher ankam, war das Feuer gelöscht.

Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann mit einer Schnapsflasche in der Hand. Zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, gingen hinüber und fragten, ob er vielleicht etwas mitbekommen habe von dieser Brandgeschichte? „Ja“, habe der Mann ganz ruhig gesagt, „das war ich!“ Und dann folgten Tiraden, die den jetzt Angeklagten in die Nähe von Reichsbürgern rückten: Eine Satansbrut sei die Polizei, weil sie alte Omas auf Demos verprügle; er habe unbedingt etwas gegen das Merkel-Regime unternehmen müssen und das alles sei nur ein Vorgeschmack auf die drei Millionen Afrikaner im Land. Zwischendurch nahm er immer mal wieder einen Schluck aus der Flasche und schleuderte sie schließlich gegen die Polizistin.

Den beiden Polizisten – einem jungen Mann und einer zierlichen Frau – fiel auf, dass sie vollkommen „blank an Einsatzmitteln“ (O-Ton Zeuge) vor einem knapp zwei Meter großen, massigen Mann standen, der kurz vorher seine Wohnung angezündet und einen Brandsatz an die Kirchentür geworfen hatte. Die beiden traten den Rückzug ins Revier an.

„Haben Sie nicht gedacht, dass er wegläuft?“, fragte Richter Roland Kleinschroth verwundert. Aber der Mann war stehen geblieben, hatte auf die beiden Polizisten gewartet und war mit aufs Revier gekommen, hatte sich brav hingesetzt, alles über sich ergehen lassen und vom Geist seiner Oma erzählt, der ihn verfolge. Ausweisen konnte er sich nicht, seinen Personalausweis habe er zerrissen, weil „von Hitler ausgestellt“.

„Hatten Sie den Eindruck, dass er psychisch oder politisch wirr ist?“, wollte der Richter wissen. Die Beamten zuckten ratlos mit den Schultern: Sie sind Polizisten, keine Psychologen. Der Prozess wird fortgesetzt.