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Preis für Zivilcourage verliehen

Sein Eingreifen hat Schlimmeres verhindert: Als Mazen Mohsen am Bahnhof beobachtet, wie ein Mann sich und seine Mutter vor die S-Bahn zerren möchte, denkt er keine Sekunde nach. Im Gegensatz zu anderen Fahrgästen, die sich von der Situation abwenden, hält der 26-jährige Syrer die beiden zurück, bevor sie ins Gleisbett stürzen.

Bei der Preisverleihung trägt Mazen Mohsen ein Gedicht von Friedrich Schiller vor, das er selbst vertont hat. Foto: Andreas Becker
Bei der Preisverleihung trägt Mazen Mohsen ein Gedicht von Friedrich Schiller vor, das er selbst vertont hat. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Mazen Mohsen ist gerührt, findet erst gar keine Worte, als er von Bürgermeister Michael Ilk einen Preis für Zivilcourage überreicht bekommt. „Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich fühle. Aber meine Gefühle sind sehr schön“, sagt er. Er habe doch nur seine Pflicht getan und geholfen. „Ich habe das Gefühl, ich bekomme mehr, als ich verdient habe“, sagt der 26-Jährige.

Dabei ist es keineswegs wenig, was der Syrer, der vor fünf Jahren nach Deutschland kam, getan hat. Er war im September 2019 Zeuge, als ein 20-jähriger Mann versuchte, sich und seine Mutter vor eine S-Bahn zu zerren. Mazen Mohsen griff ein, bevor Schlimmeres passieren konnte. Später musste sich der Täter wegen versuchten Totschlags vor Gericht verantworten.

Mohsen, der als Musiker arbeitet, kam zurück von einem Auftritt in Ludwigsburg und wartete auf die S-Bahn, als er plötzlich Schreie hörte. „Ein junger Mann hat sich aggressiv verhalten, aber ich habe mich zuerst nicht eingemischt“, erzählt Mohsen. Trotzdem habe er die Situation genau beobachtet und dem Streitgespräch zugehört. Dabei hat er erfahren, dass es sich bei der Frau um die Mutter des 20-Jährigen handelte. „Ich war schockiert, dass er so mit seiner Mutter umgeht.“ Mohsen beobachtete, wie der junge Mann tobte und seine Mutter versuchte, ihn festzuhalten. Dann hörte er den Satz: „Wenn du mich nicht loslässt, bringe ich mich und dich um.“ Das war der Moment, in dem Mazen Mohsen einschritt. In zwei Schritten war er bei den beiden, schob sie weg von den Gleisen und hielt den jungen Mann fest. „Er hat mich immer lauter angeschrien“, erzählt der 26-Jährige. Er habe selbst mit lauter Stimme versucht, zu dem 20-Jährigen durchzudringen. Mit einem Satz hat er es schließlich geschafft: „So kann man doch nicht mit seiner Mutter reden, sie hat dich großgezogen.“

Vor seinen Augen habe sich der 20-Jährige bei seiner Mutter entschuldigt. Danach nahm Mohsen die S-Bahn, er habe das Gefühl gehabt, die Situation sei unter Kontrolle. „Sonst wäre ich nicht gefahren“, sagt er. Das Erlebnis habe ihn noch eine Weile begleitet. „Wenn ich aber nichts gemacht hätte, hätte ich das nie mehr aus dem Kopf gekriegt.“ Angst, dass ihm selbst etwas passieren könnte, habe er nicht gehabt. Innerhalb von Sekunden sei die Entscheidung gefallen, einzugreifen.

Die Polizei könne nicht an allen Stellen gleichzeitig sein, sagte Bürgermeister Michael Ilk bei der Preisverleihung. Deshalb brauche es Menschen, die sich einmischen. Verhältnismäßig sei Ludwigsburg eine sichere Stadt. Dennoch gebe es immer wieder Vorfälle wie diesen. „Da sind wir froh, wenn es Menschen wie Sie gibt“, so Ilk in Richtung Mohsen.

Der Zivilcouragepreis wird vom Verein „Sicheres Ludwigsburg“ verliehen. Er werde nicht jedes Jahr verliehen, „um den Preis nicht zu verwässern“, so Hermann Dengel, Ludwigsburger Stadtrat und Sprecher des Vereins. Doch wenn es einen „würdigen Preisträger“ gebe, setze sich der Verein für eine Verleihung ein. Neben einem Preisgeld bekommt der Musiker Mazen Mohsen außerdem die Möglichkeit, eines seiner Lieder in den Bauer Studios professionell aufzunehmen. Ein Lied gibt der 26-Jährige dann auch bei der Verleihung zum Besten. Er singt ein Gedicht von Friedrich Schiller, das er vertont hat, und spielt dazu Gitarre. Schiller habe es ihm angetan, schließlich wohne er in Marbach. Er kann es nicht verstehen, warum Menschen wegschauen, wenn etwas passiert. „Wir sind doch dazu geschaffen, um füreinander da zu sein“, sagt er.

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