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Programm Heldenschmiede: Hobby-Wengerter sollen Steillagen retten

Immer mehr Steillagen-Weinberge am Neckar werden aufgegeben und verwildern. Die Stadt möchte jetzt gemeinsam mit den Weingärtnern Marbach gegensteuern und Hobby-Wengerter ausbilden. Für einen symbolischen Betrag können diese am Ende einen Weinberg übernehmen.

Gefährdete Kulturlandschaft: die Steillagen von Poppenweiler am Neckar. Archivfoto: Wolschendorf
Gefährdete Kulturlandschaft: die Steillagen von Poppenweiler am Neckar. Foto: Wolschendorf

Ludwigsburg. Eine der schönsten und wertvollsten Kulturlandschaften am Neckar ist in großer Gefahr: Jahr für Jahr werden weitere Steillagen-Weinberge aufgegeben, weil den Eigentümern die Arbeit viel zu mühsam ist. War so ein Weinberg früher der ganze Stolz der Familie – wer eine Steillage als Mitgift oder potenzielles Erbe vorzuweisen hatte, galt als gute Partie –, sind diese arbeitsintensiven und unwirtschaftlichen Flächen heute für viele eine Last. Nachfolger sind kaum in Sicht.

Gut die Hälfte der einst 29 Hektar Steillagen auf Ludwigsburger Gemarkung sind schon aufgegeben worden. Die Stadt rechnet damit, dass ohne Unterstützungsprogramm bis 2030 nur noch etwa sechs Hektar bewirtschaftet werden. Um das zu verhindern, wurde jetzt das Projekt „Heldenschmiede“ aufgelegt. Darin wollen der städtische Tourismussektor und die Weingärtner Marbach gemeinsam Wengerter ausbilden, die bei Interesse nach Abschluss der einjährigen Schulung eine eigene Steillage am Ludwigsburger Neckar übernehmen können.

„Wir suchen Steillagenretter, die vom Kulturgut Wein und den Steillagen fasziniert sind und ihr Wissen vertiefen wollen“, sagte Matthias Hammer, der Vorstand der Weingärtner Marbach bei der Präsentation des Programms. Man müsse kein Experte sein und könne ohne Vorkenntnisse einsteigen, so der städtische Tourismusmanager Elmar Kunz.

Der Unterricht findet im Weinberg statt

Und so wird man zum Held geschmiedet: Am Samstag, 10. Juli, kann man sich zu drei verschiedenen Uhrzeiten unverbindlich über das Projekt informieren. Jeder Interessierte hat dabei die Möglichkeit, sich einen ersten Überblick über die Arbeit im Weinberg zu verschaffen. Der Termin findet in einem städtischen Weinberg oberhalb der Staustufe Poppenweiler statt – im „Klassenzimmer im Freien“. Dieser Ort wird ab kommenden Januar, wenn das Kursprogramm startet, Dreh- und Angelpunkt für die Wengerter-Ausbildung sein, erklärt Bernd Wenger vom Fachbereich Tiefbau und Grünflächen.

An 14 Terminen, immer samstags, werden die Teilnehmer mit allen Facetten des Weinanbaus vertraut gemacht – vom Rebenschnitt bis zur Weinlese. Bei jedem Schulungstermin gibt es ein Vesper und eine Weinverkostung. „Uns ist wichtig, dass die Menschen zusammenkommen“, sagt Elmar Kunz. Im Preis für die Ausbildung inbegriffen sind außerdem Arbeitsmaterialien und am Ende zehn Flaschen Helden-Wein, an dem die Steillagenretter selbst mitgearbeitet haben.

Die große Hoffnung ist, dass einige der Teilnehmer am Ende allein oder als Gruppe einen Steillagen-Weinberg übernehmen. Die Stadt besitzt mittlerweile mehrere Weinberge, die sie für einen symbolischen Betrag an Neu-Wengerter verpachten würde. Eine andere Möglichkeit ist, dass sich Kursteilnehmer einem Wengerter anschließen, der seinen Weinberg bald aufgeben will. Dadurch haben sie die Möglichkeit, einen Weinberg zu kaufen. Laut Bernd Wenger vermittelt die Stadt gerne Kontakte.

Großer Erfolg in Benningen

In anderen Orten, etwa in Benningen, sind vergleichbare Projekte schon gelaufen – mit großem Erfolg. Mehrere Steillagen haben dort den Besitzer gewechselt und wurden dadurch gerettet.

In das Schulungsprogramm sind einige der Ludwigsburger Weinerlebnisführer involviert. Die sind allesamt selbst Hobby-Wengerter und können den Teilnehmern dadurch eine Menge Tipps geben. Zum Beispiel den, wie viel Zeit man einplanen sollte, wenn man einen kleinen Steillagen-Weinberg bewirtschaften will. Laut Weinführer Albert Scholpp aus Poppenweiler hängt das von der Jahreszeit ab. Im Schnitt müsse man aber mit einem Einsatz pro Woche rechnen.

Einen ersten Schritt zur Rettung der Steillagen haben die Weingärtner Marbach und die Stadt schon erreicht. Der letzten Herbst erstmals aufgelegte Steillagen-Trollinger „Neckarheld“ war innerhalb weniger Wochen ausverkauft. 3000 Flaschen zu je 10,50 Euro. Die Trauben dafür kamen aus den Weinbergen von Poppenweiler. Dieser unglaubliche Erfolg hat Matthias Hammer überrascht, bestärkt ihn aber in seiner Überzeugung, dass die Menschen bereit sind, für einen hochwertigen Wein, in dem viel Handarbeit steckt und der die heimische Kulturlandschaft erhält, mehr zu bezahlen. Ein Euro von jeder Flasche fließt übrigens in die Schulung der Hobby-Wengerter.

2021 wird es einen neuen „Neckarheld“ geben. „Ich bin überzeugt, er wird richtig gut“, verspricht Hammer. Diesmal wird es ungefähr 4500 Flaschen geben. Der edle Tropfen bleibt damit ein knappes Gut.

Info: Unter www.ludwigsburg.de/steillagenretter kann man sich über das Wengerter-Projekt und die Kosten dafür informieren. Außerdem kann man sich dort für die Infoveranstaltung am 10. Juli anmelden.

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