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Punk und Oper Hand in Hand

Auftakt des neuen Stuttgarter Vermittlungsformats Watchparty zur gestreamten Inszenierung von „Verzauberte Welt“

Nix mit Pädagogik: Diana Haller (Mitte) als das Kind, Elliott Carlton Hines (rechts) als Kater und Standuhr in einer Figur. Foto: Matthias Baus/p
Nix mit Pädagogik: Diana Haller (Mitte) als das Kind, Elliott Carlton Hines (rechts) als Kater und Standuhr in einer Figur. Foto: Matthias Baus/p

Stuttgart. „Punk oder Oper?“ Diese Fragestellung empfängt den Besucher der Watchparty zur Preview „Verzauberte Welt“. Für zwei Monate kehrt das virtuelle Opernhaus der Staatsoper zurück, den Auftakt macht nun eine Produktion, die ursprünglich im Dezember Premiere feiern sollte. Für diese hat der Hamburger Musiker, Autor und Clubbetreiber Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen, Pudel Club) zwei Werke von Maurice Ravel, die 1925 uraufgeführte Oper „L’enfant et les sortilèges“ („Das Kind und die Zauberdinge“) sowie die 15 Jahre früher erstmals gespielte Märchensuite „Ma mère l’oye“ („Mutter Gans“), mit Auszügen aus „Das eigensinnige Kind“ – überliefert durch die Brüder Grimm – und eigenen Texten verwoben. Mit der Watchparty hat sich die Staatsoper ein neues Vermittlungsformat ausgedacht: Statt nur einen Stream anzubieten, der oft einsam vor dem Bildschirm verfolgt wird, wolle man damit „das kollektive Ereignis Oper feiern“, wie Staatsopern-Kommunikationsdirektor Johannes Lachermeier sagt, der als Gastgeber und Moderator dieser ersten Watchparty fungiert.

Live aus St. Pauli zugeschaltet hat sich der Regisseur, zudem ist mit Christoph Sökler der stellvertretende künstlerische Leiter der an diesem Projekt mit dem Kinderchor beteiligten Jungen Oper im Nord anwesend. Das neue Format kommt gut an: Rund 180 Teilnehmer sind online. Die intendierte Interaktion beschränkt sich nicht auf Umfragen: Wichtiger noch ist die Möglichkeit, im Chat Fragen zu stellen. Der Clou daran: Werden diese per Mausklick priorisiert, wandern sie nach oben. „Ist das Stück über dich?“, lautet eine der Publikumsfragen an Kamerun. „Ich war ein klassisches Zündelkind“, so der 58-Jährige. Wie das Kind in Ravels Oper habe auch er „Material attackiert“.

Dass es sich dabei um eine „Rückkopplung auf die Umgebung“ gehandelt habe, sei damals noch nicht gesehen worden. „Punker werden zu können, um der Enge zu entfliehen, war ein toller, irritierender Move.“ Ob er Colette, von der das Libretto zu „L’enfant et les sortilèges“ stammt, für Punk halte? „Wesentlich mehr, als ich je sein könnte“, gibt Kamerun zu Protokoll. Eine Welt ohne Regeln strebe er als „fröhlicher Anarchist“ zwar nicht an, sehe aber die Notwendigkeit, diese ständig zu überprüfen.

Mit „Verzauberte Welt“ habe man die Chance gesehen, auf die „neue Protestkultur“ einzugehen, erläutert Sökler die programmatische Motivation. Zudem die Gelegenheit, ein partizipatives Stück auf die große Bühne zu bringen – neben dem Kinderchor sind auch „weitere eigensinnige Kinder“ und „Grundfragen stellende Mitstreiter*innen aus der Stadt“ beteiligt, liest man im Vorspann. Ihn habe die Möglichkeit, ein „Familienstück für und mit jungen Leuten“, auch als Vater eines Sechsjährigen, thematisch „abgeholt“, so Kamerun.

Zwischen den Gesprächen werden Ausschnitte aus der im Dezember aufgezeichneten Durchlaufprobe gezeigt, die bis zum 5. März als Video-on-demand auf der Homepage „Oper trotz Corona“ zu erleben ist. Gewohnt stimmstark, auch darstellerisch energiegeladen Diana Haller in der Titelpartie: „Mother“ steht in Metalschnörkeln auf ihrem T-Shirt, grünstichig blondiert das Haar der Mezzosopranistin (Kostüme: Gloria Brillowska) – unverkennbar ein Teenager von heute. Weiteren Rollen hat Kamerun abstrahiert und verschmolzen: So verkörpert Maria Theresa Ullrich die Mutter, eine chinesische Tasse und die Libelle, Carina Schmieger gibt Schäferin, Eule und Fledermaus in einer Person. Wie diese mit der aktuellen Spielzeit vom Opernstudio ins Ensemble übernommene Claudia Muschio, die als „feurige Prinzessin“ (Kamerun) ein wahres Koloraturfeuerwerk abbrennt. Singdarstellerisch fulminant, etwa als personifizierte Mathematik, Studio-Mitglied Charles Sy – ein markerschütternder Tenor. Ebenfalls in Hochform: das Staatsorchester in kammermusikalischer Besetzung unter Leitung von Dennis Russell Davies wie die von Bernhard Moncado einstudierten Chöre. Dass Kameruns Inszenierung, wenn stets mehrere Handlungsebenen parallel neben- und übereinander ablaufen (Bühne: Katja Eichbaum), mit dem pädagogischen Impetus der Vorlage mehrfach bricht, folgt Punk-Theoremen wie dem Offenlegen und Hinterfragen von Produktionsbedingungen bis aufs Wort. Außer, dass die Einladung einer Sängerin der Veranstaltung gut angestanden hätte, war die eingangs erwähnte Entscheidungsfrage, weil falsch gestellt, vielleicht das einzige Defizit des Abends: In „Verzauberte Welt“ gehen Punk und Oper Hand in Hand.

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