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Rabatt für Rettung und Geständnis

Drei Verhandlungstage sind vom Landgericht Heilbronn angesetzt worden.
Drei Verhandlungstage sind vom Landgericht Heilbronn angesetzt worden.
Der Rentner, der seinen Wohnwagen anzündete, um mit einer damals 15-Jährigen darin zu sterben, kann früher aus dem Gefängnis freikommen. Das Landgericht reduzierte die Strafe um ein Jahr auf nun insgesamt vier Jahre und drei Monate.

Marbach/Heilbronn. Immer wieder hakt der Vorsitzende Richter am Montagmorgen nach. Und immer wieder benutzt der Angeklagte in seinen Antworten vor allem ein Wort: Reue. „Ich habe alles sehr, sehr bereut“, so der 67-Jährige. Weinend sei er in seiner Zelle gesessen, habe viel in der Bibel gelesen. „Und viel überlegt, was schiefgelaufen ist.“ Vor allem, dass er sich in Angelegenheiten anderer eingemischt habe, in Dinge, die ihn nichts angingen, in Erziehungsfragen.

Doch bei all den Nachfragen, was genau er bereue, kommt eine Antwort lang nicht: die zur Tat, deretwegen er Mitte Juli 2019 wegen besonders schwerer Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurde, weil er am 29. Oktober 2018 seinen bei Siegelhausen abgestellten Wohnwagen angezündet hatte, um mit einer 15-Jährigen Selbstmord zu begehen. Mit ihr soll er eine intime, wenn nicht gar sexuelle Beziehung gehabt haben, zitiert der Richter aus dem damaligen Urteil. Fünf Jahre und drei Monate standen da am Ende – wogegen sich der Mann vor dem Bundesgerichtshof teilweise erfolgreich wehrte. Ziel war es, in einem neuen Prozess zu beweisen, dass er den Benzinkanister aus Versehen umgeworfen und auch nicht „gezielt eine Duftkerze hineingeworfen habe“, wie es im damaligen Urteil geheißen hatte.

Daran hielt der 67-Jährige auch am Montag lange fest – ehe er nach der Mittagspause dann doch zum Richter sagte: „Nach dem, was Sie alles vorgelesen haben, habe ich mir das überlegt. Ich habe den Brand gelegt.“ Doch als er das Gesicht des Mädchens, ganz ängstlich, gesehen habe, habe er gestoppt – zumal es vor allem sie gewesen sei, die sterben, und er sie nicht alleinelassen wollte. Die Flammen hatten da schon den Weg zur Türe versperrt und drohten, auf Gasflaschen und einen Gasofen überzugreifen. „Der liebe Gott hat uns aber den Weg hinaus gezeigt“, durch ein Fenster. Mit teils schweren Verbrennungen rannten beide – nackt, laut Aussage des Mädchens im ersten Prozess ein Verlobungsritual – zu einem Bauernhof.

Eben jene Rettung war es auch, weshalb nun erneut verhandelt werden musste. Denn diese könne laut BGH, der die Verurteilung wegen der Brandstiftung an sich aber für korrekt befand, ebenso als „tätige Reue“ gesehen werden – das Landgericht hatte diesen Milderungsgrund abgelehnt, musste die neue Interpretation nun aber berücksichtigen.

Und auch weitere Gründe wie die lange Verfahrensdauer und besondere Haftempfindlichkeit – aufgrund des Alters und der Ersttäterschaft, es gab aber auch schon eine Bedrohung, weshalb er verlegt wurde – gab es für die Reduzierung der Strafe von fünf Jahren und drei Monaten auf vier Jahre. Allerdings sprach vor allem die Beziehung zu dem 50 Jahre jüngeren Mädchen gegen den Angeklagten. Kennengelernt hatten sie sich 2016, als er seinen Hund in Remseck Gassi führte, wo beide lebten. Er habe sie einige Male getroffen, auf sie eingeredet, dass sie sich nicht mehr ritze und „normal wird“. Doch auf seinem Handy wurden Nacktfotos entdeckt, die er an sie geschickt hatte, ebenso welche von ihr, die „primär die sexuelle Begierde wecken wollten“, zitierte der Richter aus einem weiteren Urteil. Es stammte vom Amtsgericht Ludwigsburg, das für den Angeklagten wegen des Besitzes kinderpornografischer Schriften zehn Monate auf Bewährung vorsah. Dieses Urteil von Anfang Juli 2019 wurde nun mit weiteren drei Monaten einberechnet, aufgrund von geleisteten Zahlungen an eine Hilfsorganisation gilt ein Monat als schon verbüßt.

Eine noch größere Reduzierung hätte ein früheres Geständnis bringen können. Aber das sei nun vor allem mit Blick auf die Zeit nach der Haft wichtig, so der Richter weiter. Denn das könnte laut Verteidiger aufgrund des Alters schwer genug werden, zumal sein Mandant durchs Raster fällt auch weil er, nach Aussagen eines Gutachters, nicht als psychisch so angeschlagen oder pädophil gilt, dass er derzeit eine Therapie bekomme. „Aber wenn jemand so etwas durchzieht, dann stimmt doch schon einiges nicht.“ Für den 67-Jährigen indes, der das Urteil annahm – ebenso die Staatsanwältin, die insgesamt vier Jahre und neun Monate gefordert hatte –, steht fest: „Ich hoffe, dass sowas nie wieder vorkommt und will mich künftig aus allem raus- und von ihr fernhalten.“