Logo

Rasanter Start

Woche sechs nach der Premiere: Der E-Mobilist fährt inzwischen ruhiger, entspannter, genießt das neue Fahrgefühl, schaut nicht immerzu ängstlich auf Reichweiten- und Akkuinhaltsangaben im Cockpit. Und fast schon diebische Freude steigt in ihm auf, wenn er beim rasanten Start an der auf Grün springenden Ampel die Wagen mit Verbrennungsmotor abhängt.

350_0900_12192_.jpg

Ludwigsburg. Das Stromauto als Flitzer auch auf der Autobahn: Ein flotter Spurt, mal austesten, was tempomäßig geht, muss sein. Von Ludwigsburg nach Pforzheim frisst der permanente Tritt aufs Gaspedal ein Drittel des 30 Kilowatt starken Akkus. Tempo 140 plus X sind drin bei 109 PS. Da reicht der Strom noch für die Tour retour nach LB und ein paar Stadtfahrten. Eine Elektrotankstelle ist in Ludwigsburg garantiert frei.

 

Topfebene Strecken sparen Energie. Und wie sieht es in einer Berg- und Tallandschaft aus? Test im Nordschwarzwald. Start jeweils in Mühlacker. Einmal Nagold und zurück. Mit vollem Akku gestartet, nach 70 Kilometern durchs Nagoldtal am Ziel, 48 Prozent des Stroms sind verbraucht. Vorsorglich suche ich schon vorher die Adressen der beiden Ladestationen in der Stadt heraus, an denen gar kostenlos getankt werden kann. Eine wird von einem Autohaus betrieben, die andere von der Sparkasse. Die Nutzung ist einfach: Einfach eine Nummer der Stadtwerke Calw anrufen, die Kennzeichnung der Ladesäule durchgeben und schon fließt neue Energie. Ich entscheide mich, nicht nachzuladen. Denn da ist auch noch die Rückfahrt drin. Und so ist es. Das Nagoldtal hinab gen Pforzheim braucht das E-Mobil weniger Stoff und trotz eines Abstechers in den Norden der Goldstadt mit anschließendem Kurztrip über die Autobahn ist nach insgesamt 149 Kilometern die heimische Garage erreicht – die Batterie ist zu 22 Prozent gefüllt. Die Restreichweite von 30 Kilometern lässt noch Besorgungen und Elterntaxifahrten zu. Bei gut zehn Prozent ertönt die Warnung: Batterieleistungen zu schwach. Bei den kurzen Distanzen in der Heimatstadt reize ich die Reserve aus und mache erstmals die Erfahrung: Sinkt der Akku auf unter sechs Prozent, verschwindet die Reichweitenangabe, bald darauf auch die Angabe der Prozente Strom, die noch im Akku stecken. Die weibliche Stimme des Bordcomputers bietet die Suche nach der nächsten Ladestation an – es ist die in meiner Garage. Dort programmiere ich im Fahrzeug den Ladetimer, drücke den Stecker des Ladekabels dem Auto in die Schnauze und weiß: Von 22 Uhr an wird geladen – zum günstigeren Nachttarif.

 

Zweiter Versuch: Freudenstadt als Ziel. 86 Kilometer auf der B 10, quer durch Pforzheim, weiter auf der B 294, das Enztal hoch, vorbei an den Windrädern von Simmersfeld. Am Ziel zeigt die Batterie noch 47 Prozent Inhalt an. Die Stadtwerke Freudenstadt bieten zwei mittelschnelle Ladestationen mit je zwei Plätzen an: 2,50 Euro die Stunde, zu bezahlen via SMS mit dem Handy – doch Vorsicht, die Abbuchung von Drittanbietern muss in den Einstellungen des Smartphones erlaubt sein. Oder Abrechnung über eine App von Sunhill Technologies GmbH, die sich auf das bargeldlose Bezahlen unter anderem von Parkgebühren sowie Bahn- und Bustickets spezialisiert hat. Die Krux: Für mein Handy mit Windows als Betriebssystem ist die APP nicht zu haben. An der Stuttgarter Straße in Freudenstadt bietet zudem die Avia-Tankstelle nicht nur Benzin und Diesel an, sondern auch Autostrom. So selbstverständlich sollte es überall sein. Ein Lob mit Einschränkungen: Avia bedient sich des Bezahlsystems des Energieriesen RWE. Und so wird in der 23 600- Einwohner-Stadt auf kleinstem Raum ein großes Problem der E-Mobilität deutlich: ein Wildwuchs an Zugangsvoraussetzungen zu den Stationen. „Jeder kocht sein eigenes Süppchen“, beklagt ein Mitarbeiter der Stadtwerk Freudenstadt und spricht mir aus dem Herzen.

 

Ich zapfe die nigelnagelneue Ladestation der Stadtwerke am Landratsamt an und stocke den Akku in gut einer halben Stunde um 17 Prozent auf, komme damit locker heim und habe dann doch noch immerhin 12 Prozent Reststrom, der für weitere 22 Kilometer reichen würde. Das Tagespensum: stolze 180 Kilometer.

 

Weil die Strecken nach Nagold und Freudenstadt kurvenreich sind und meist nur Tempo 70 außerorts erlaubt ist, lassen sich zwei Funktionen meines Stromers gut einsetzen: immer im B-Modus fahren und zusätzlich häufiger als sonst die Eco-Taste drücken. Beides dient der Rekuperation, also der Stromernte. Anders als bei Fahrzeugen, die ausschließlich mit Verbrennungsmotoren angetrieben werden, wird in diesen Fällen aber nicht die Starterbatterie geladen, sondern der Antriebsakku – beim Rollen und beim Bremsen. Das drückt aufs Tempo, dämpft, erleichtert somit – ganz nebenbei – das Einhalten der Tempolimits. Schließt aber eines aus: den rasanten Start an der Ampel.