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Retrospektive mit Ausrufezeichen

Drei Jahre Arbeit stecken in der Retrospektive zu Aiga Rasch, die Matthias Bogucki und Petra Lanfermann erarbeitet haben. Foto: Holm Wolschendorf
Drei Jahre Arbeit stecken in der Retrospektive zu Aiga Rasch, die Matthias Bogucki und Petra Lanfermann erarbeitet haben. Foto: Holm Wolschendorf
Einen Nachlass mit rund 3000 Kunstwerken zu verwalten, ist Ehre und Last zugleich. Der Benninger Matthias Bogucki betreut das Gesamtwerk von Aiga Rasch, Illustratorin der „Drei ???“ – nun hat er der Stuttgarter Künstlerin eine reichhaltige Publikation gewidmet.

Bietigheim-Bissingen/Stuttgart. Aiga – wer? Ein Begriff mag die 2009 verstorbene Künstlerin mit dem ungewöhnlichen Vornamen heute vielleicht nicht mehr allzu vielen sein, solange man nicht auf ihre bekanntesten Illustrationen zu sprechen kommt: „Die drei ???“, für die sie knapp hundert Cover gestaltete. Der Kunstwelt posthum zu zeigen, dass Aiga Rasch weit mehr als das konnte, das hat sich Nachlassverwalter Matthias Bogucki – erst Fan und Sammler von hunderten „Die drei ???“-Hörspielen und -Büchern, dann Freund der Künstlerin – auf die Fahnen geschrieben. Kurz nach ihrem 80. Geburtstag hat der Benninger mit „Aiga Rasch. Im Schatten des Ruhms“ eine Retrospektive in Form eines opulenten Bildbandes mit über 400 Kinderbuchillustrationen auf 350 Seiten sowie zwölf Beiträgen von Autoren herausgegeben. Eine späte Würdigung, die es so noch nicht gab.

Eine der Autorinnen ist Petra Lanfermann, ihres Zeichens stellvertretende Leiterin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen, wo 2014 eine erste große Ausstellung mit Werken aus dem Nachlass von Aiga Rasch gezeigt wurde. 2021 war Lanfermann auch Kuratorin einer Ausstellung in der Württembergischen Landesbibliothek. „Aiga Rasch hätte das wahrscheinlich nie zu hoffen gewagt“, sagt sie, die besonders bei der Ausstellung in der Landesbibliothek die Qual der Wahl hatte. „Es war so schwierig, es gab so viel Tolles zu entdecken – das hatte ich nicht erwartet.“ Sehenswert sei im Übrigen oft vor allem das, was man von ihr noch nicht kenne.

Anfangs habe es in der Szene noch gewisse Vorbehalte gegen diese sogenannte „Gebrauchskunst“ Raschs gegeben, ergänzt Bogucki. Die stattfindenden Ausstellungen seien dann aber stets überdurchschnittlich gut besucht gewesen. Zu Lebzeiten, erzählt Bogucki, habe es nur wenige Ausstellungen mit ihren Arbeiten gegeben, unter anderem in Bad Cannstatt und Bologna. „Auch für sie selbst war es Gebrauchskunst, das fand sie gut – sie sah sich selbst nicht im Museum.“ Gleichzeitig habe Rasch – der Vater, Bodo Rasch, Architekt, die Mutter Lilo Rasch-Naegele Modegrafikerin, Illustratorin und Malerin – ihre Originale, die sie etwa an den Kosmos-Verlag schickte, im Anschluss stets zurückhaben wollen. Als hätte sie geahnt, dass sie eines Tages noch zu Ehren kommen würden.

Entsprechend groß ist der Fundus. „Es ist schön, alle Originale zu haben“, sagt Matthias Bogucki. Auch sie war also eine Sammlerin, da seien die Stuttgarterin und ihr langjähriger Fan Bogucki sich etwas ähnlich, wie der 41-Jährige sagt. Rund 3000 Arbeiten finden sich heute im Nachlass. Rasch (Jahrgang 1941) hatte keine Familie, keine Erben, keinen Galeristen oder Ähnliches. Ursprünglich war eine Stiftung geplant, die den Nachlass verwalten sollte, doch daraus wurde zu Lebzeiten nichts mehr. Das Testament machte ihn zum Nachlassverwalter. Aber wie kam es dazu?

In der Hoffnung, Autogramme für seine Sammlerstücke zu bekommen, rief Bogucki sie an einem Tag im Jahr 2000 kurzerhand an. Einem – natürlich mit kleinen Zeichnungen ihrerseits versehenen – Briefwechsel folgten immer häufiger persönliche Treffen. Trotz der 40 Jahre Altersunterschied entwickelte sich eine enge jahrelange Freundschaft, die über ihren Tod hinaus wirkt. Die unzähligen Werke aus den Jahren 1963 bis 1999 befinden sich heute in einem Archiv an einem sicheren, nicht näher benannten Ort im Landkreis – aber am liebsten würde Bogucki möglichst viele von ihnen in Ausstellungen sehen. Oft existieren keinerlei nähere Angabe zu den einzelnen Arbeiten, häufig waren und sind intensive Recherchen notwendig, um sie zuzuordnen. „Wichtig ist die Vielfalt, es ist eine wahre Schatzkiste“, sagt Bogucki, „dies alles bekannt zu machen, das ist mein Ziel.“ Deshalb gibt es auch klare Vorgaben, dass in Ausstellungen eine möglichst große Bandbreite gezeigt werden sollte. Demnächst wird es eine Schau in der Zitadelle Spandau in Berlin auf 600 Quadratmetern geben, für 2023 ist eine Ausstellung im Ostholstein-Museum in Eutin geplant. Sein Traum: Eine Präsentation zum 60-Jahr-Jubiläum der „Fragezeichen“ 2024, am besten in Los Angeles, der Wiege der Reihe. Aber dafür bräuchte es Sponsoren.

Das Buch bedeutete für Bogucki fast drei Jahre Arbeit, neben seinem Hauptberuf als Gymnasiallehrer für Englisch und Politik und der eigenen Familie. Nur dank Corona hatten er und Petra Lanfermann überhaupt genug Zeit, alle Puzzlestücke zusammenzusetzen. „So etwas mache ich nicht nochmal“, sagt Bogucki und lacht. Muss er wohl auch nicht, so umfassend ist die nun vorliegende Publikation – ein echtes publizistisches Ausrufezeichen.

Info: Aiga Rasch. Im Schatten des Ruhms, Matthias Bogucki (Hg.), Verlag Akademie der Abenteuer, 352 Seiten, 49 Euro.