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Rückfahrkarte in die Vergangenheit

Die zerfallende Kapelle im Ludwigsburger Monrepos-See von oben, die ehemalige Tankstelle Künstner in Asperg und ein Freibad bei Gerlingen, das die Natur zurückerobert: Für seinen Bildband über verlassene Orte, auf Englisch Lost Places genannt, hat der Metzinger Benjamin Seyfang auch den Kreis erkundet.

Im Interview erzählt Fotograf Benjamin Seyfang, warum ihn die Kapelle im Monrepos-See besonders fasziniert.Fotos: Benjamin Seyfang/Silberburg-Verlag/p
Im Interview erzählt Fotograf Benjamin Seyfang, warum ihn die Kapelle im Monrepos-See besonders fasziniert. Foto: Benjamin Seyfang/p
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Foto: Benjamin Seyfang/p

Kreis Ludwigsburg. Viele der verlassenen Orte in Ihrem Buch umgibt eine melancholische Stimmung. Was fasziniert Sie so am Verfall?

BENJAMIN SEYFANG: Die Faszination besteht im Erkunden und Entdecken von verlassenen Orten. Sie sind verlassen und vergessen, zudem scheint die Zeit stillzustehen. Alte Fabriken sind stille Zeugen einer Epoche und des Wandels der Zeit. Alles ist schnelllebig, alles hat seine Kosten, doch kaum etwas einen Wert. Für mich sind diese Orte eine Entschleunigung in einer so schnelllebigen Zeit. Man taucht ein in eine andere Welt. Meine Abenteuer beziehungsweise Entdeckungen teile ich gerne. Wenn ich diese Stimmung und das Erlebte in einem Bild festhalten kann, ist es für mich mehr als ein Bild – es ist eine Erinnerung an etwas, das ich erlebt habe, sozusagen eine Rückfahrkarte in einen Moment, der sonst vergessen wäre.

Welcher der Orte im Kreis Ludwigsburg hat Ihnen am besten gefallen?

Die Kapelle im Monrepos wollte ich schon immer mal besuchen, die Insel ist aber eine Vogelschutzinsel, das Betreten leider verboten. Im Winter müsste man hoffen, dass der See zufriert, da Schwimmen zu kalt wäre und mit dem Boot auch keine gute Idee ist. Somit ist das ein Ort, der nicht einfach zu erreichen ist – und doch steht er da direkt vor den Augen der Leute. Viele kennen diesen Ort, aber nicht aus dieser Perspektive. Bei einem Spaziergang habe ich mit der Drohne dieses tolle Bild gemacht, das übrigens auch schon Preise bei einem Fotowettbewerb gewonnen hat.

Die Lage mancher Orte nennen Sie vage oder gar nicht. Warum ist das notwendig?

Werden Orte bekannt, kommt es zu Massentourismus. Aus einem unbekannten Ort wird schnell ein Ausflugsziel für ganze Gruppen und Familien, die ihre Spuren hinterlassen. Nicht nur in Form eines Trampelpfads, sondern auch Müll wird gerne dagelassen oder auch mal ein Souvenir mitgenommen. Dazu kommen Kabeldiebe oder auch Sprayer, die Orte schnell zerstören. Besitzer werden darauf aufmerksam und die Ausrede, man mache nur ein paar Fotos, zählt oft nicht mehr, da die Besitzer genervt sind von dem Massentourismus und davon, dass die Orte immer wieder aufgebrochen werden. Darum handle ich ganz nach dem Motto: Take nothing but pictures, leave nothing but footprints – Nimm nichts mit außer Fotos, hinterlasse nichts außer Fußspuren.

Was sollten Fotografen noch beachten?

Lost Places sind nicht nur tolle Motive, sondern es steckt viel Arbeit dahinter. Es fängt an bei der Recherche nach den Orten. Wer nicht nur Lost Places tauschen will wie früher Sammelkarten auf dem Schulhof, sondern auch Neues entdecken möchte, der muss sich hinsetzen, recherchieren, in Archive gehen. Hat man einen tollen Ort gefunden, sollte man sich auch über ihn informieren, etwa warum er leer steht. Bei Asbestbelastung oder Einsturzgefahr sollte man diese Orte mit geeigneter Ausrüstung wie Maske oder Sicherheitsschuhen betreten. Bei Anlagen unter Tage gibt es giftige Gase, die man nicht riechen oder schmecken kann. Man fällt einfach tot um! Gerade hier ist es besonders wichtig, entsprechende Messgeräte mit sich zu führen. Kein Bild ist es wert, sein Leben zu riskieren.

Auch auf Reisen haben Sie viel fotografiert. Recherchieren Sie das alles vorab oder gibt es auch zufällige Entdeckungen?

Ich recherchiere vor jeder Reise, egal wie klein sie ist. Ein langes Wochenende im Allgäu, ein Urlaub auf einer Insel oder auch der Familienurlaub – überall versuche ich, mindestens einen Lost Place mitzunehmen, denn wann kommt man wieder in diese Gegend? Selbst in den Flitterwochen musste meine Frau dran glauben und ich habe auf der schönen Insel Mauritius Lost Places besucht. Ich reise auch gezielt nur für Lost Places, wie zum Beispiel im Jahr 2018 mit zwei weiteren Fotografen nach Armenien. Wir haben drei Monate recherchiert und viele Orte gefunden. Warum Armenien? Das Land hatte niemand auf dem Schirm. Touristisch ist es noch nicht sehr erschlossen, von Fotografen nicht wirklich besucht und somit perfekt.

Welche Orte auf der Welt wollen Sie unbedingt noch erkunden?

Namibia ist ein Ziel, das ich supergerne sehen würde. Dort gibt es Städte in der Wüste, in denen Sand liegt, der den halben Raum füllt. Einfach faszinierend, so etwas kenne ich sonst nur mit Schnee. Zudem wäre mein Traum ein verlassenes Bankgebäude. Ich habe da schon ein bestimmtes Motiv im Auge: Die Tresortüre muss rund sein. Solche Banken gibt es zum Beispiel in Amerika.

INFO: Benjamin Seyfang, Lost Places in der Region Stuttgart, Silberburg-Verlag, 168 Seiten, rund 100 Abbildungen, Hardcover, 29,99 Euro.

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