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Scharfe Kritik an RKH-Chef Jörg Martin

Viele Hausärzte im Kreis sind derzeit nicht gut auf Kliniken-Chef Jörg Martin zu sprechen. Archivfoto: Oliver Berg/dpa
Viele Hausärzte im Kreis sind derzeit nicht gut auf Kliniken-Chef Jörg Martin zu sprechen. Archivfoto: Oliver Berg/dpa
Die Pläne von RKH-Chef Jörg Martin, sich mit den Möglichkeiten der Regionalen Kliniken-Holding stärker in den ambulanten Sektor einzubringen, stoßen auf heftige Gegenwehr der niedergelassenen Ärzte im Kreis. Sie werfen Martin einen Hang zu Alleingängen vor. Zudem seien seine Projekte praxisfern.

Kreis Ludwigsburg. Der regelmäßige Austausch von RKH und niedergelassener Ärzteschaft ist im Kreis eigentlich Usus. In der nächsten Runde sollte RKH-Chef Jörg Martin auch über die Neuausrichtung seiner Unternehmensstrategie informieren. Ein Eckpunkt sind dabei verstärkte ambulante Angebote, mit denen der Anästhesie-Professor unter anderem auf die von den Kassen verordnete Streichung stationärer Leistungen reagieren will.

Grundsätzliche Überlegungen dazu lasen die niedergelassenen Ärzte am vergangenen Samstag in dieser Zeitung – und sie reagierten empört: Das entspreche nicht dem vereinbarten Kommunikationsstil, beschwert sich der „Arbeitskreis Qualität in der niedergelassenen Medizin im Landkreis Ludwigsburg“ in einem Brief an Martin, Landrat Dietmar Allgaier und andere RKH-Verantwortliche – und setzt die bereits terminierten Gespräche aus: Nach Martins Äußerungen, in denen der auch seine Kooperationsbereitschaft mit den niedergelassenen Kollegen beteuert hatte, hätten sie noch „internen Beratungsbedarf“, heißt es in dem Schreiben der Ärzte.

Wenn der Kliniken-Chef im Alleingang die Sektorengrenze zwischen stationär und ambulant aufsprengen wolle, könne das nicht gut gehen, erläutert der Pleidelsheimer Hausarzt Dr. Jürgen Herbers die Haltung des Arbeitskreises. Sein Hemminger Kollege Dr. Robin Maitra ergänzt: „Wir wollen gemeinsam eine gute medizinische Versorgung im Kreis gewährleisten. Aber Ziele und Projekte, die nicht mit uns abgestimmt sind, können nicht funktionieren.“

Damit wird ein Konflikt virulent, der halböffentlich spätestens schwelt, seit die RKH mit der Gründung Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) auch ins ambulante Geschäft eingreift. Es gehe den Haus- und Fachärzten mit ihrem Widerstand gegen die von Martin angestrebte Ambulantisierung nicht darum, ihre Pfründe zu sichern, versichert Maitra: „Arbeit haben wir mehr als genug!“ Aber Martins Pläne seien nicht „nicht geeignet, die Versorgung der Patienten zu verbessern“.

Im Gegenteil, finden die Mediziner des Arbeitskreises – hausärztliche und klinische Betreuung seien schließlich zweierlei Stiefel. Dazu der Ludwigsburger Kinderarzt Dr. Thomas Kauth: „Krankenhausärzte sind keine niedergelassenen Ärzte. Umgekehrt waren wir alle mindestens fünf Jahre lang in einem Krankenhaus tätig. Für eine flächendeckende und gute ambulante Versorgung benötigen wir die Kliniken nicht.“ Denn zu der seien die Kliniken „weder faktisch noch medizinisch noch personell“ in der Lage. Wann immer jedoch umgekehrt Kliniken fachärztliche Leistungen besser erbringen könnten als niedergelassene Kollegen, würden sie dazu ja ohnehin von der Kassenärztlichen Vereinigung ermächtigt.

Wenn Professor Martin den ambulanten Sektor dennoch zu einem Geschäftsfeld der RKH machen wolle, gehe es ihm daher weniger um die klassische kommunale Daseinsvorsorge im Sinne „einer hochwertigen Versorgung der Patienten“, befindet der Benninger Hausarzt Joachim Kolb. Der RKH-Chef denke vielmehr „in erster Linie an die Interessen und Entwicklung der Kliniken“. Dabei, ergänzt Maitra, sei Martins Unternehmensstrategie noch nicht einmal besonders originell: Viele Vorschläge des RKH-Chefs lehnten sich „an die Strategie profitorientierter privater Krankenhauskonzerne an“. Kurzum: Solange die RKH aus Personalmangel nicht alle behandlungsbedürftigen Patienten aufnehmen könne, solle sie ihnen nicht ins ambulante Handwerk pfuschen, sondern sich um ihre stationären Hausaufgaben kümmern, meinen die Niedergelassenen. „Die organisatorische Qualität des Ludwigsburger Klinikums“ etwa, so der Möglinger Hausarzt Martin Kullmann, sei „schlechter als die mancher Häuser in Stuttgart, Markgröningen oder in Bietigheim“.

Es wird also mit harten Bandagen geboxt – in einer Phase, in der im Kreistag über eine mögliche Vertragsverlängerung mit Jörg Martin diskutiert wird. Dessen Strategie der Ambulantisierung tut deshalb mancher Niedergelassene als „Wahlkampfgetöse“ ab – die Breitseite des Arbeitskreises indessen dürfte der RKH-Chef seinerseits kaum anders bewerten.

Doch auch wenn man die ganz großen Hämmer zur Seite legt, bleibt eine Vielzahl kleiner Konflikte. Ein Beispiel ist der Arztsitz eines Allgemeinmediziners, den die RKH zunächst für ihr MVZ in Ludwigsburg kaufte, inzwischen aber – als Zweigstelle – nach Marbach verlegte. Die Niedergelassenen finden das nicht nur rechtlich fragwürdig, sondern vor allem aus Patientensicht falsch: Während in Ludwigsburg tatsächlich Hausärzte fehlten, gebe es in Marbach deren genug, sagt Joachim Kolb. Martin sei es anscheinend nur darum gegangen, in Marbach nach der Schließung des dortigen Krankenhauses ein politisches Zeichen zu setzen. Streit gab es auch, als die RKH in Markgröningen Arztsitze für das MVZ der dortigen Orthopädischen Klinik erwarb. Doch dieser Konflikt ist mittlerweile beigelegt – Klinik und Niedergelassene stimmen sich in Markgröningen beim Kauf freiwerdender Sitze inzwischen ab. „So wünschen wir uns das überall“, so die Arbeitskreis-Ärzte.

Sie halten der RKH auch ein unzureichendes Entlassmanagement in Ludwigsburg vor – also Mängel ausgerechnet an der klassischen Schnittstelle von stationärem und ambulantem Sektor. Seit fünf Jahren müssten Patienten bei ihrer Entlassung einen Medikationsplan nach bundeseinheitlichen Standards erhalten. In Bietigheim klappe dies – nach einer erst vor zwei Jahren gestarteten Pilotphase – inzwischen einigermaßen gut, in Ludwigsburg aber nur ausnahmsweise.