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Schiller, Literatur und viel Esprit

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Als Leitlinie für die weitere Entwicklung hat der Gemeinderat einstimmig eine Marken- und Tourismuskonzeption für Marbach beschlossen. Deren Inhalte sollen künftig bei sämtlichen städtischen Projekten bedacht und integriert werden.

Marbach. Anja Behnle, die scheidende Tourismusexpertin der Stadtverwaltung, fasste ihre Bewertung des unter der Regie der Agentur Kohl & Partner entstandenen Papiers so zusammen: „Es ist nicht an jeder Stelle überraschend, aber die Konzeption zeigt, dass wir schon auf dem richtigen Weg waren.“ Das sagte sie wohl auch als Erwiderung auf zwei Wortmeldungen in der vorangegangenen Bürgerfragestunde, in der die 80-seitige Konzeption als enttäuschend bezeichnet wurde, weil sie kaum Neues enthalte.

Tatsächlich birgt die sogenannte Positionsbestimmung keine Überraschungen: Marbach sei bekannt für Literatur und Schiller, für sein „hochwertiges Kulturangebot“, die Altstadt ziehe vor allem Tagesgäste, Gruppen und Radfahrer an; zusammen mit der Schillerhöhe und deren Museen sowie dem Neckar bilde sie die Attraktionen der Stadt.

Und so empfiehlt die auf Tourismus-Consulting spezialisierte Agentur denn auch, weiter auf Schiller und Literatur als Leitthema und Alleinstellungsmerkmal zu setzen, aber diese „Säule“ um die Handlungsfelder „Stadt und Kultur“ sowie „Natur und Genuss“ zu erweitern. Der Begriff Schillerstadt sei ein „unglaublicher Anker“, der Marbach ein „ganz klares Profil“ gebe, betonte Kohl-Geschäftsführer Alexander Seiz.

Ziel solle sein, die Anziehungskraft der Stadt über den Tagestourismus hinaus zu nutzen und so auch mehr Übernachtungsgäste anzulocken. Die Literatur müsse in den drei „Erlebnisräumen“ Innenstadt, Schillerhöhe und Neckar/Natur spür- und sichtbar und so eingesetzt werden, dass sie zum Verweilen und Genießen einlädt.

Die Agentur, die im vergangenen Jahr mit zahlreichen Bürgern, Stadtführern, mit Gastronomen und Händlern in Gesprächen war und Workshops organisierte, hat als Marke die Aussage „Erstaunlich viel Esprit“ kreiert. Soll heißen: „Die kreative, witzige und geistreiche Art, die in Marbach bereits zu finden ist, soll bei der Schaffung neuer Angebote aktiv eingebracht und mitgedacht werden, so dass der Gast direkt sieht und spürt: Marbach ist anders“, heißt es zur Begründung. Und: Marbach könne mit dem Bild der espritreichen Kleinstadt, die Hochkultur und Genuss biete, kokettieren. Rund 50 Projektideen sind laut Alexander Seiz auf dieser Basis entstanden, sie reichen vom Umbau von Schillers Geburtshaus in ein „Haus der Freiheit“ bis zur Etablierung eines Stadtschreibers, von einer Vinothek mit regionalen Weinen bis zur Gestaltung eines „Stadtumgangs“ mit Verweilplätzen und Bücherbänken. Daraus habe man 13 Projektpakete entwickelt, zunächst sollten drei bis vier davon angegangen werden, „sonst verlupfen Sie sich“, so der Rat des Fachmanns. Die übergeordneten Themen der Pakete lauten Wegeverbindungen und Mobilität (zum Beispiel mit einem „Schiller-Boulevard“ zwischen Altstadt und Schillerhöhe), Besucherlenkung (Stichwort einheitliche Beschilderung), Aufenthaltsqualität Innenstadt (hier gibt es zahlreiche Berührungspunkte mit dem Konzept „Perspektive Innenstadt“) sowie Marketing.

Nach Auffassung von Jochen Biesinger (CDU) zeige die Konzeption, dass der Tourismus mit anderen Handlungsfeldern in der Stadt vernetzt werden müsse. Sie komme mit Blick auf die anstehende Sanierung der Fußgängerzone zum richtigen Zeitpunkt. Allerdings könnten enger werdende finanzielle Spielräume möglicherweise limitierend wirken.

Das „Dornröschen im Torturm“ wachküssen, diesen Auftrag nahm für die Grünen Susanne Wichmann mit, die Konzeption zeige noch „viel Luft nach oben“. Sie müsse von den Bürgern und vielen Institutionen mitgetragen werden, „um ein spannenderes, schöneres, interessanteres Marbach“ zu schaffen.

Die Stadt aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, diese Analogie bemühte auch Michael Herzog (Freie Wähler), der den Wert der Konzeption vor allem darin sah, viele einzelne Elemente, die es jetzt schon gebe, zusammenzufügen und mit einem Leitfaden zu verbinden. Mit der Sanierung der Fußgängerzone und der Gartenschau habe man schon zwei wichtige Pflöcke eingeschlagen.

Aus Sicht von Jürgen Schmiedel (SPD) ist die Tourismus- und Markenkonzeption die Fortsetzung des Stadtentwicklungskonzepts aus dem Jahr 2000, schon damals habe man Schiller als Markenkern hervorgehoben. Es sei wichtig, die Erkenntnisse und Forderungen der Konzeption nun „bei allem, was wir tun“ zu berücksichtigen.

Hendrik Lüdke (Puls) lobte das „herausragende Konzept“, kritisierte aber, dass unter anderem neue Parkplätze gefordert werden. Die würden nur mehr Verkehr anziehen, und den wolle man ja in der Innenstadt nicht haben.