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„Schwerhörigkeit ist nicht sexy“

Kurz nach seinem 18. Geburtstag diagnostizierten die Ärzte bei Ralf Mosny eine angeborene Innenohrschwerhörigkeit. Mit unserer Zeitung hat er sich darüber unterhalten, wie ihn seine Hörschwäche beeinträchtigt hat – und wie er es schaffte, die Behinderung in seinen Alltag zu integrieren.

Ralf Mosny ist schwerhörig. Lange Zeit fiel es ihm schwer, das zu akzeptieren. Foto: Andreas Becker
Ralf Mosny ist schwerhörig. Lange Zeit fiel es ihm schwer, das zu akzeptieren. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Das Erwachsenenleben brachte für Ralf Mosny einen Schock mit sich. Der heute 50-Jährige war Ende der 80er Jahre auf das Wirtschaftsgymnasium der Robert-Franck-Schule gewechselt. Schon bald bekam er in seinem neuen Umfeld massive Probleme, denn sein Hörvermögen ließ ihn zunehmend im Stich. Schon von der Begrüßungsrede des Direktors habe er kaum ein Wort verstanden, erinnert er sich. Dem Unterricht konnte er immer weniger folgen, bei Diktaten gab er leere Blätter ab.

„Es war ein schleichender Prozess“, erzählt der Neckarweihinger. Bis zu seinem 16. Geburtstag habe sein Gehör ganz normal funktioniert. In der elften Klasse aber wurden die Probleme so groß, dass Mosny Hilfe im Stuttgarter Katharinenhospital suchte. Innerhalb weniger Jahre hatte er zwei Drittel seines ursprünglichen Hörvermögens verloren, die HNO-Ärzte diagnostizierten eine hochgradige Innenohrschwerhörigkeit.

„Das war dramatischer, als sich das vielleicht anhört“, sagt Mosny. „Ich wusste ja, dass ich mein gesamtes Leben schwerhörig sein würde. Und ich hatte Angst, dass ich auf eine Förderschule komme.“ Der junge Mann war am Boden zerstört. „Ich hatte einen absoluten Tiefpunkt erreicht. Ein Glück, dass ich mich nicht vor die nächste S-Bahn geschmissen habe.“

Die Ärzte hatten ihm eindringlich ein Hörgerät empfohlen. Doch Mosny entschied sich dagegen, weil dieses technische Hilfsmittel seine Hörbehinderung nach außen sichtbar gemacht hätte. Um seine damalige Situation zu verdeutlichen, verweist er auf den Film „Biester“ des französischen Regisseurs Claude Chabrol, in dem eine Haushälterin mit allen Mitteln versucht, ihren Analphabetismus vor ihrer Umgebung zu verheimlichen.

Den Lehrstoff eignet er sich in der Schule weitgehend selbst an

„Es war sehr schwierig für mich, das zu akzeptieren, ich ließ mir nichts anmerken. Schwerhörigkeit ist nicht gerade sexy und wird auch häufig mit einem eingeschränkten Intellekt in Verbindung gebracht“, so Mosny. Bei Kurzsichtigkeit sei das anders. Brillen seien einfach modische Accessoires, „und vor 30 Jahren sahen die Hörgeräte wirklich schlimm aus“. Als er von der Diagnose erfuhr, habe er sich geschworen, niemals eine Prothese aufzusetzen.

Natürlich wirkte sich der Verzicht auf ein Hörsystem in der Schule nicht gerade positiv aus. In der Oberstufe habe er sich den Lehrstoff weitgehend selbst angeeignet, die Kommunikation habe mit Lippenlesen halbwegs funktioniert. Um seine Hörbehinderung zu verschleiern, habe er sich ein „verschlafenes Image“ zugelegt. „Aber das war am Ende auch nicht viel besser als die taube Nuss.“

Seine Schulzeit bezeichnet er im Rückblick als „Blindflug“. Dennoch schaffte Mosny 1993 sein Abitur und schloss drei Jahre später ein Studium an der Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen in Stuttgart ab. Die anschließende Jobsuche aber gestaltete sich schwierig. „Es gab nicht viele Stellen. Und in kleineren Bibliotheken hätte ich schnell Leitungsfunktionen übernehmen müssen, hätte viel telefoniert und mich mit Verwaltungsvertretern austauschen müssen. Man gab mir zu verstehen, dass das nicht funktionieren würde.“

Mosny beschloss, erneut zu studieren, diesmal Neuere Deutsche Literatur und Kunstgeschichte an der Stuttgarter Uni. Schon als Kind habe er viel gelesen und Zeit alleine verbracht, „als hätte ich alles geahnt“. An der Uni herrschte eine anonyme Atmosphäre. Das Hörgerät, das er jetzt trug, interessierte wenig. Mit schriftlichen Arbeiten, etwa über Rilkes Gedichte oder Kleists „Penthesilea“, konnte er punkten, doch die mündlichen Leistungen ließen zu wünschen übrig.

„Ich hätte es schaffen können“, sagt Mosny. Doch das Studium zog sich immer mehr in die Länge. Als er die Zwischenprüfung ablegte, starb sein Vater, nach 15 Semestern gab er auf. Seinen Lebensunterhalt konnte er mit dem Austragen von Zeitungen finanzieren. Schon in der Schulzeit hatte er sich so etwas dazuverdient, bis heute trägt Mosny die Ludwigsburger Kreiszeitung aus. „Ich hatte Arbeit und war zufrieden“, meint er, „was wollte ich mehr?“

In seinen Schilderungen wird deutlich, wie sehr ihn seine Hörprobleme lange eingeschränkt haben. „Ich habe häufig zu meinem eigenen Nachteil gehandelt“, sagt Mosny nachdenklich. Ein Beispiel: Seit 1994 ging er nicht mehr ins Freibad. „Ich habe mich einfach nicht getraut, weil ich nichts verstanden habe.“

Gute Erfahrungen mit offensivem Umgang gemacht

Vor etwa zehn Jahren aber habe ein Umdenken eingesetzt. Er gehe jetzt offensiv mit seiner Hörbehinderung um, so Mosny. Er könne das gar nicht an einem bestimmten Punkt oder Ereignis festmachen, aber er habe gute Erfahrungen gemacht. Seit er nicht mehr versuche, seine Beeinträchtigung zu verheimlichen, stoße er fast immer auf verständnisvolle Reaktionen. „Man wird selbstbewusster. Vor 20 Jahren hätte ich mich niemals getraut, so offensiv damit umzugehen.“

Er wolle nicht herumjammern, betont Mosny. „Ich bin total dankbar dafür, dass es moderne Hörsysteme gibt, auch den Mitarbeitern meines Akustikers. Noch vor 60 Jahren wäre ich völlig verloren gewesen.“ Er denke mittlerweile positiv, gehe seit einigen Jahren auch wieder ins Freibad. Jetzt will er seine Erfahrungen an andere Hörbehinderte weitergeben, insbesondere an junge Menschen. Er könne Betroffene nur dazu ermuntern, offen mit ihrer Einschränkung umzugehen, die Hörprobleme zu akzeptieren. „Wenn man rausgeht, muss man Widerstände überwinden. Aber es ist absolut wichtig, dass man sich – anders als ich – möglichst bald ein Hörgerät verschreiben lässt. Sonst versäumt man ganz viel. Und heutzutage sehen die Dinger auch viel besser aus als früher.“

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