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Schwieriger Grat zwischen Opferschutz und Aufklärung

Vor dem Heilbronner Landgericht läuft der Prozess gegen einen 33-jährigen Bönnigheimer. Archivfoto: Daniel Naupold/dpa
Vor dem Heilbronner Landgericht läuft der Prozess gegen einen 33-jährigen Bönnigheimer. Archivfoto: Daniel Naupold/dpa
Missbrauchsprozess: Anwältin des Mädchens möchte deren Zustand im Verfahren thematisieren, doch das würde Fortgang gefährden

Marbach/Heilbronn. Der Prozess gegen einen 31-Jährigen wegen schweren sexuellen Missbrauchs an einer Nichte und zwei Neffen steht eigentlich kurz vor dem Abschluss, es fehlen nur noch die Plädoyers und das für Freitag geplante Urteil. Doch dann stand am Donnerstag zwischenzeitlich alles auf der Kippe.

Denn am Ende des dritten Verhandlungstages warf die Anwältin der Nebenklägerin ein, dass sie noch Angaben machen könne, wie es der Hauptgeschädigten ginge, dem heute 13 Jahre alten Mädchen, und welche Folgen es für sie habe, dass ihr Onkel sie im Grundschulalter mehrfach an den Genitalien berührt und den Finger eingeführt habe. Doch das führte zu längeren Diskussionen, denn die Richterin fürchtete nicht nur um ihren Zeitplan, sondern gar um das gesamte Verfahren. Der wohl eher laienhafte Bericht allein reiche nicht, dann müsse man eigentlich auch das Mädchen als Zeugin hören, was man allen drei Kindern wegen des weitgehenden Geständnisses des Angeklagten und aus Opferschutzgründen ersparen wollte. Und selbst wenn wie gewünscht nur eine Betreuerin des Heims aussage, in dem das Mädchen nun lebt, und eine aktuelle Stellungnahme ihres Psychologen verlesen werde, müssten die beiden Sachverständigen anwesend sein, was angesichts deren Terminkalendern und der Fristen für die maximal erlaubten Abstände zwischen Prozesstagen fraglich scheine.

Die beiden Psychiater aus Weinsberg und Tübingen waren deshalb auch nicht länger als nötig anwesend und da schon weg. Bei ihren Berichten zuvor war auch deutlich geworden, welche Probleme es gibt, wenn man Kindern weitere Befragungen ersparen will, und speziell in diesem Fall, bei dem die Anwältin des 31-Jährigen von „verheerenden Ermittlungen“ sprach. Unter anderem hätte man vor allem das Mädchen bei der Polizei freier erzählen lassen müssen, damit sie später anhand der – im Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigten – Aufzeichnung besser prüfen könne, ob es Unstimmigkeiten gebe, so die Psychiaterin. Zudem sei vieles an der Oberfläche geblieben. „Aus ihr wäre noch einiges herauszuholen“, war sie überzeugt. Allerdings müsse man berücksichtigen, dass Jahre zwischen den Taten und dem Juli 2019 liegen, als sich das Mädchen einer Schulsozialarbeiterin anvertraute. Diese hatte mit ihr nach Verhaltensänderungen reden wollen, auch sei von Selbstverletzungen die Rede gewesen, berichtete die Psychiaterin aus dieser Zeugenvernehmung.

Auch Oma des Mädchens verweigert Aussage

Die direkten Verwandten trugen dagegen kaum zur Aufklärung bei. Nach den Eltern des Mädchens verweigerte am Donnerstagmorgen auch die Großmutter die Aussage. Bei ihr lebte der Angeklagte, und es ist unklar, ob sie vielleicht etwas wusste. Sie soll, so hatte es der Vater der beiden Jungen ausgesagt – sie sollen von ihrem Onkel ebenfalls an den Genitalien berührt worden sein – teilweise ihre Schlafzimmertür abgeschlossen haben, wenn die Kinder bei ihr übernachteten.

Klar wurde aber, dass der Angeklagte nicht das erste Mal vor Gericht stand, und das noch häufiger, als aus seiner Befragung zum Prozessauftakt hervorging. Elf Einträge aus dem Strafregister wurden verlesen: Weil er andere mit dem Tod bedroht und Kinderpornos besessen hatte, vor allem aber wegen Einbruchsdiebstählen etwa ins Jugendhaus Calypso oder die Tobias-Mayer-Schule, wofür er Ende 2019 zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Auch deshalb sprach der zweite sachverständige Psychiater von einer ungünstigen Sozialprognose und schlug eine entsprechende Therapie vor – die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt wegen des Drogenkonsums oder in der Psychiatrie komme aber nicht infrage.