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Selbstjustiz ist auch bei Blumenkübeln keine Option

Zwei Pflanzkübel, zwölf Armierungseisen und eine ordentliche Menge Beton, gepaart mit einer Verwaltung, die Geld sparen möchte, und einer Frau, die Eigeninitiative ergreift: Das sind die Zutaten für eine Geschichte, wie sie nicht alltäglich vorkommt.

Eine couragierte Freibergerin hat diese beiden Pflanzkübel davor bewahrt, ein zubetoniertes Dasein zu fristen. Foto: Holm Wolschendorf
Eine couragierte Freibergerin hat diese beiden Pflanzkübel davor bewahrt, ein zubetoniertes Dasein zu fristen. Foto: Holm Wolschendorf

Freiberg. Seit Jahrzehnten stehen in einer kleinen Straße in Freiberg zwei Pflanzkübel. Sie verzieren dort nicht nur das Erscheinungsbild der Umgebung, sondern erfüllen durchaus auch einen nützlichen Zweck: Sie dienen als Durchfahrtssperre für Autos und sorgen damit für mehr Ruhe bei den Anwohnern.

Allerdings verursachen die beiden Kübel auch Kosten. Denn sie gehören zu den Grünflächen der Stadt und müssen von dieser gepflegt werden – wie unzählige andere Flächen. Klar, dass die Verwaltung hier nach Einsparpotenzial schaut. Also bietet sie Grünflächenpatenschaften an. Soll heißen: Bürger kümmern sich ehrenamtlich um die Pflege und Erhaltung dieser öffentlichen Grünanlagen. Das spart Geld und Personal und wird von unzähligen Kommunen so praktiziert.

Bereits vor längerer Zeit kam die Freiberger Stadtverwaltung zu dem Schluss, dass die beiden Pflanzkübel in dem kleinen Sträßchen nicht gerade zu den herausragendsten und wertvollsten Grünflächen der Stadt gehören. Da sie allerdings weiterhin als Durchfahrtssperre dienen sollen, fällte man die pragmatische Entscheidung, sie mit Beton zu befüllen. Bürgermeister Dirk Schaible räumt im Gespräch mit unserer Zeitung ein, „dass es tatsächlich besser gewesen wäre“, vorher bei der Nachbarschaft um eine Pflegepatenschaft für die beiden Kübel zu werben.

Das sieht auch eine Anwohnerin so, die an einem Freitag im Januar ihren Augen nicht traute, als sie sah, wie die Arbeiter die Pflanzkübel zubetonierten. Schnell wandte sie sich an die Verwaltung. Am Montag wolle man sich der Angelegenheit annehmen, gab man ihr zu verstehen. „Doch da wäre der Beton schon längst fest gewesen“, sagt die Frau, die befürchtete, dass es dann nicht mehr möglich gewesen wäre, die Kübel irgendwann nochmals zu bepflanzen.

Also schritt sie kurzerhand zur Tat. Schließlich muss eine Frau tun, was eine Frau tun muss. „Um 11.30 Uhr waren die Arbeiter fertig und um 12.30 Uhr habe ich den Beton mit der Schaufel wieder herausgeholt“, erzählt sie. Das sei gar nicht so einfach gewesen, schließlich seien zwölf Armierungseisen darin verarbeitet gewesen. „Ich glaubte, die wollten eine Panzersperre errichten“, sagt die couragierte Dame. Den dickflüssigen Beton hat sie fein säuberlich auf Wachstuchdecken verfrachtet, die „Baustelle“ mit Warndreiecken abgesichert und die Kübel mit Pflanzen, die auf dem Kompost im Friedhof entsorgt wurden, wieder befüllt. Der schöne Anblick war ihr die Blasen an den Händen wert. Um ihr Werk zu vollenden, hängte sie noch den Ausdruck einer E-Mail an die Pflanzkübel – mit den Namen zweier verantwortlicher Mitarbeiter drauf. Soll ja jeder sehen, wer bei der Verwaltung für solche Anordnungen sorgt.

Bürgermeister Schaible ist ob dieser Art der Selbstjustiz nicht gerade erfreut und bezeichnet das Tun der Frau als „Akt des zivilen Ungehorsams“. Auch die Tatsache, dass mit der an die Kübel gepinnten E-Mail Mitarbeiter der Stadt angeprangert worden seien, missfällt dem Verwaltungschef. Doch eines räumt er unumwunden ein: „Es sieht wieder tadellos aus.“

Deshalb war für ihn auch schnell klar: Wenn sich die Frau künftig als ehrenamtliche Pflanzpatin für die Kübel verantwortlich zeigen möchte, „bin ich immer sehr dafür, eine Lösung zu finden“. Selbstverständlich signalisierte die Frau Bereitschaft, zumindest unserer Zeitung gegenüber. Schließlich kümmert sie sich bereits seit 35 Jahren um eine benachbarte öffentliche Grünfläche, wie sie sagt.

Bleibt abzuwarten, ob sie ihre Motivation bewahren kann, schließlich hat sie rein rechtlich betrachtet eine Ordnungswidrigkeit begangen, die auch Folgen haben könnte. „Wir behalten uns rechtliche Schritte vor, doch da ist noch nichts entschieden“, sagt der Bürgermeister, der die Angelegenheit zur Chefsache erklärt und mit der Dame inzwischen auch persönlich geredet hat. Das Gespräch scheint in ihm offenbar die Bürgerperspektive in Erinnerung gerufen zu haben. Denn: Auf Nachfrage signalisierte er, „dass wir die Hoffnung haben, das auf dem kleinen Dienstweg lösen zu können“.

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