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Sie sind gekommen, um zu bleiben

Für die Region und die Bahn hat sich der kontaktlose Fahrkartenkauf per Video bewährt – Das sehen allerdings nicht alle so

Eine Kundin vor dem Videoterminal am Marbacher Bahnhof: Laut der Bahn und des Stuttgarter Regionalverbandes ist das Angebot in der Krise populärer geworden. Foto: Andreas Becker
Eine Kundin vor dem Videoterminal am Marbacher Bahnhof: Laut der Bahn und des Stuttgarter Regionalverbandes ist das Angebot in der Krise populärer geworden. Foto: Andreas Becker

Kreis Ludwigsburg. Mittwochmorgen am Korntaler Bahnhof, ein Kunde betritt bei Schneefall das Video-Reisezentrum der Bahn. Vor ihm ein Bildschirm, ein Mikrofon, ein Lautsprecher und ein integrierter Fahrkartenautomat. Per Knopfdruck wird der Mann mit einem Berater verbunden. Es ist wie bei einer Videokonferenz im Homeoffice. Nach einigen Augenblick ist der Kunde im Besitz seines gewünschten Fahrscheins. Dann steigt er in die S-Bahn-Linie 6 und fährt in Richtung Stuttgart davon.

Rund ein Jahr lang haben der Verband Region Stuttgart und die Bahntochter DB Vertrieb den kontaktlosen Fahrkartenkauf per Video getestet – und nun für gut befunden. „Die Pilotphase ist erfolgreich abgeschlossen“, sagt der regionale Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler. Mittlerweile sei automatisch der Übergang in die Betriebsphase erfolgt – und zwar an fast 20 Standorten. Der Kreis Ludwigsburg ist neben Korntal auch mit Marbach dabei, wo die Videoterminals die bestehenden Reisezentren mit Schaltern komplett abgelöst haben. In Ludwigsburg und Kornwestheim fahren die Bahn und die Region ein Hybridmodell mit beiden Angeboten.

Die Innovation scheint besonders in der Pandemie gut angenommen zu werden, wenn man der Bahn glaubt. „Die Nachfrage hat sich in den vergangenen Monaten verdoppelt“, sagt eine Bahnsprecherin, ohne genauere Zahlen zu nennen. Marktforscher hätten zudem herausgefunden, dass der Zufriedenheitsindex für Wiedernutzung und Weiterempfehlung bei Werten von 90 und mehr liegen würde. Angepeilt hatten die Projektpartner 83 plus X. Das seien im Vergleich mit anderen Marktforschungsergebnissen in dieser Branche „sehr gute Werte“. Die technische Verfügbarkeit lag zwischen Juli und Dezember offenbar bei 97,41 Prozent. Leitungserweiterungen und Softwareumstellungen seien der Schlüssel dafür gewesen. Darüber hinaus habe die Bahn keine langen Anfahrtswege, um Ersatzteile zu organisieren.

Doch nicht überall sieht man die Pläne so positiv. Eine Gruppe engagierter Bürger etwa hatte in Korntal-Münchingen im Spätsommer 2019 mehr als 2300 Unterschriften gegen die Schließung des Bahnschalters gesammelt – eine Zahl, die auch der Adressatin, Regionaldirektorin Nicola Schelling, bei der Übergabe ein „Wow!“ entlockt hatte. Es war vermutlich auch deshalb so einfach, weil die Nutzer im Strohgäu entlang „ihrer“ Linie S6 an einem weiteren Standort komplett auf einen Bahnschalter verzichten müssen: in Zuffenhausen. Die Sorge war deshalb groß, dass sich viele Ältere oder Beeinträchtigte mit der Änderung außen vor fühlen – ganz abgesehen vom Zweifel an der Funktionstüchtigkeit der Anlagen.

Besonders einprägsam, so die Unterschrifteninitiatorin Dagmar Müller-Buchalik, sei ihr deshalb ein Zitat von Schelling gewesen, die sagte, dass sie selbst schon einmal ein Ticket in einem Video-Reisenzentrum gekauft – und das „sogar funktioniert“ habe.

Der Ditzinger Oberbürgermeister und SPD-Regionalrat Michael Makurath stellte am Mittwochabend im regionalen Verkehrsausschuss infrage, ob es mit Blick auf die Unterschriftensammlung clever gewesen sei, die Testphase einfach für erfolgreich abgeschlossen zu erklären und automatisch in den Regelbetrieb zu wechseln. „Uns wäre kein Stein aus der Krone gebrochen, wenn wir anders vorgegangen wären“ – und noch den Dialog mit den Skeptikern geführt hätten. Darüber hinaus will Makurath wissen, was in den geschlossenen Schaltern künftig stattfinden soll.

Dass es bisweilen noch ruckelt und zuckelt, hat auch der Bahnfahrer, Regionalrat und Freie Wähler Rainer Gessler aus Markgröningen erfahren. Bei Umtauschaktionen, Erstattungen oder komplexeren Buchungen werde es kompliziert. „Da wird allgemein bedauert, dass es keinen persönlichen Kontakt mehr gibt.“

Die Regio-FDP befürchtet, dass in den Kommunen mit reinen Videozentren Kunden womöglich abspringen könnten, auch wenn sich die Partei wie die Grünen über die offenbar hohe Kundenzufriedenheit freut. Deren Sprecher Michael Lateier aus Stuttgart sagte am Mittwoch im Ausschuss: „Wir stehen deshalb zu unserer Entscheidung.“ Er verwies darauf, dass der Anteil der Tickets im personenbedienten Verkauf seit Jahren sinke.

Die CDU will nun, dass die Verbandsgeschäftsstelle in regelmäßigen Abschnitten weiter über das Projekt berichtet. Das sagte der regionale Verkehrsdirektor zu. Außerdem habe die Bahn versichert, die Onlineangebote stetig zu verbessern.

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