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Sie starben in der Fremde

Menschen aus der Sowjetunion und Osteuropa wurden im Zweiten Weltkrieg als Arbeiter und Gefangene ins Deutsche Reich gebracht. Auch im Kreis erinnern noch Grabstätten an ihr großes Leid. Eine Spurensuche.

Ein Wegweiser zeigt zum Friedhof für 667 Zwangsarbeiter bei Großsachsenheim. Foto: Andreas Becker
Ein Wegweiser zeigt zum Friedhof für 667 Zwangsarbeiter bei Großsachsenheim. Foto: Andreas Becker

Kreis Ludwigsburg. Vor 80 Jahren titelte die sowjetische Tageszeitung Prawda mit „Der Große Vaterländische Krieg des sowjetischen Volkes“. Das sollte sich nicht als Übertreibung herausstellen. Die Wehrmacht hatte ihren unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ geplanten Angriff auf die Sowjetunion begonnen und eine Front von der Ostsee bis zu den Karpaten eröffnet.

Von Anfang an war dieser Krieg als Vernichtungskrieg angelegt, der Hungertod von Millionen Gefangenen und Zivilisten mitgedacht. Gemäß dem Kommissarbefehl wurden Parteifunktionäre der Roten Armee nicht gefangen genommen, sondern direkt erschossen. Hinter der Front ermordeten Einsatzgruppen systematisch die jüdische Bevölkerung.

Doch nicht nur in ihrer Heimat fanden viele Menschen aus der Sowjetunion und Osteuropa ihren Tod. Als Zwangsarbeiter, darunter Häftlinge, Kriegsgefangene und sogenannte ausländische Zivilarbeiter, wurden sie ins Deutsche Reich gebracht und starben so vielfach in der Fremde.

Noch heute sind viele Gräber dieser Menschen erhalten. Allein im Kreis Ludwigsburg verzeichnet die Datenbank der sowjetischen Kriegsgräberstätten in Deutschland 18 Standorte. Das Projekt des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst und des Büros für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit der Russischen Botschaft ist unter www.sowjetische-memoriale.de abrufbar.

Der größte dieser Friedhöfe im Kreis liegt in Großsachsenheim unweit der Landesstraße nach Unterriexingen. Auf einer Anhöhe sind unter hohen Bäumen 667 Steinplatten in den Boden eingelassen. Jede steht für einen der osteuropäischen Zwangsarbeiter, die zwischen 1943 und 1945 im „Krankenlager für ausländische Arbeitskräfte“ vor allem an Tuberkulose starben. Das Lager für Kranke aus dem ganzen Südwesten befand sich beim damaligen Militärflugplatz etwa 200 Meter nördlich des Friedhofs. Auf Tafeln sind Herkunft und Lebensdaten der Toten verzeichnet. Es sind hauptsächlich Russen und Ukrainer, aber auch Belarussen und Polen. Unter ihnen sind auch 23 Kinder, von denen einige im Lager zur Welt gekommen waren.

Auch im Pleidelsheimer Gemeindewald bestand ab Mitte 1942 ein Krankenlager, das zum Durchgangslager Bietigheim gehörte. Dreizehn Menschen, die vor der Verlegung der Kranken nach Großsachsenheim Anfang 1943 starben, sind auf dem Russischen Friedhof im Wald bestattet. Mit der Zeit änderte sich die genaue Verwendung des Lagers mehrfach, wie Elke Schabet im Heimatbuch der Gemeinde schreibt: Ursprünglich wurde es 1939 errichtet, um für den Bau der nahe gelegenen Autobahn deutsche Arbeiter unterzubringen, dann aber bald mit Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern belegt. Dort lebten etwa auch polnische Kriegsgefangene, die in der Landwirtschaft helfen mussten.

„Möge die Grabstätte auch in Zukunft einladen zum Verweilen im Gedenken an eine Zeit, in der viele Menschen unbeschreibliches Leid ertragen mussten“, schreibt dort die Berufsfeuerwehr Stuttgart auf einem Gedenkstein. 50 Jahre kümmerte sie sich um die Pflege der Gräber, inzwischen haben diese Aufgabe Schüler der Anne-Frank-Realschule Marbach übernommen, die von der Gemeinde unterstützt werden.

Auf dem Gemeindefriedhof in Affalterbach sind im Schatten eines Baumes drei Menschen bestattet, die im Zuge des Krieges nach Deutschland gebracht wurden. Jemand hat dort für sie ein rotes Grablicht aufgestellt. Auf dem Holzkreuz steht „Gefallen 1945“. Paul Sauer schreibt in seinem Buch zu Tausend Jahren Affalterbach, dass bei einem amerikanischen Luftangriff am 16. April 1945 in Wolfsölden neben einem Evakuierten auch drei russische Landarbeiter ums Leben kamen, ein Mann und zwei Frauen.

Auf Nachfrage bestätigt Bürgermeister Steffen Döttinger, dass es sich dabei um die drei auf dem Friedhof bestatteten Menschen handelt. An den Angriff erinnert sich der bald 88-jährige Martin Föll noch genau und erzählt davon am Telefon: Wie er als Zwölfjähriger mit dem Vater auf dem Feld war, als die Tiefflieger kamen. Wie knapp sie im Gegensatz zu den russischen Arbeitern dem Tod entgingen. Persönlich habe er sie nicht gekannt, sie seien wahrscheinlich als Kriegsgefangene Bauern zugeteilt gewesen. Was bleibt, sind ihre Namen: Anna Bubenkowa, Annatol Garnowitsch und Anna Dobrowljanina.

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