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Smartphone spürt Schlaglöcher auf

Ein Stuttgarter Start-up hilft Kommunen, Straßen besser in Schuss zu halten – Jetzt setzt auch Gerlingen auf diese App

Kommt eine Kehrmaschine mit Mobiltelefon an der Windschutzscheibe gefahren: Das Handy nimmt über eine App während der Touren Bilder der Gerlinger Straßen auf. Fotos: Andreas Becker
Kommt eine Kehrmaschine mit Mobiltelefon an der Windschutzscheibe gefahren: Das Handy nimmt über eine App während der Touren Bilder der Gerlinger Straßen auf. Foto: Andreas Becker
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Gerlingen. Am Freitagmorgen erklimmt der Bürgermeister um kurz nach 10 Uhr auf dem Gerlinger Bauhof eine Kehrmaschine. Das Steuer auf der rechten Seite übernimmt ein Mitarbeiter in orangefarbener Weste. Mit an Bord ist ein Smartphone der neuesten Generation, das die junge Stuttgarter Firma Vialytics mit einer App ausgestattet hat. Auf der Tour schießt das Mobiltelefon von der Windschutzscheibe aus alle vier Meter Fotos der Gerlinger Straßen, die auch auf Bodenwellen, Schlaglöcher oder Risse hindeuten.

Anschließend sieht Oestringer auf einer Onlinekarte, wie gut (oder schlecht) die Gerlinger Straßen in Schuss sind. Die Bewertung reicht von Grün, für sehr gut, bis Rot, Note fünf. Der Bürgermeister ist überzeugt: „Mit dieser App werden wir unseren Straßenunterhalt deutlich verbessern. Das Beispiel zeigt, dass Digitalisierung mehr ist als Glasfaserausbau oder E-Akten.“

Rund 70 Kommunen in Baden-Württemberg und darüber hinaus setzen bereits auf das Tool aus Stuttgart. Im Landkreis etwa machen Ludwigsburg, Kornwestheim und Eberdingen mit. Was die App so smart macht: Spezielle und teure Messfahrzeuge können die Kommunen künftig auf ihren Bauhöfen lassen. Ein modernes und modifiziertes Mobiltelefon, das die Ergebnisse in ein Geoinformationssystem einfließen lässt, reicht aus. Abdulwahid Saidi von Vialytics sagt: „Alles soll so einfach und intuitiv wie möglich über die Bühne gehen.“

Gesichter oder Autokennzeichen würden übrigens nicht aufgezeichnet werden, verspricht der Fachmann. Datenschutz sei dem auf Expansionskurs steuernden Start-up wichtig, das vor rund zwei Jahren mit dem Ziel gegründet worden ist, künstliche Intelligenz für bessere Straßen einzusetzen.

Denn Buckelpisten, Bodenwellen und Beschwerden der Bürger kennen fast alle Bürgermeister hierzulande. In Gerlingen fanden in der Vergangenheit nach Angaben des Tiefbauabteilungsleiters Stephan Kimmerling Begehungen des knapp 70 Kilometer langen Straßennetzes statt. Künftig sollen zweimal im Jahr kommunale Fahrzeuge des Bauhofs ausrücken und mit dem Smartphone das gesamte Straßennetz abfahren. „Damit bekommen wir eine aktuelle und objektive Datengrundlage zur Verfügung gestellt.“ Zuerst an die Reihe sollen nicht diejenigen kommen, die am lautesten schreien.

Denn auch das könne die neue Straßen-App, verspricht der Hersteller: Prioritäten aufstellen, wo die Straßenunterhaltung am nötigsten ist. Auf die Idee sind die Gründer angeblich in einem Biergarten gekommen. Jedenfalls haben sie das einmal einem Wirtschaftsmagazin erzählt. Dort hörten sie, wie ständig Reifen über Gullydeckel klapperten.

Zunächst ist das Projekt auf drei Jahre angelegt. Der Bürgermeister Oestringer rechnet mit Kosten in Höhe von rund 35000 Euro. 40 Prozent bezuschusst offenbar das Land Baden-Württemberg über das Förderprogramm „Inkomo 4.0“. Wenn die Testphase erfolgreich abgeschlossen sein sollte, kann sich die Kommune nach eigenen Angaben auch vorstellen, die App auf Feldwegen der Landwirtschaft, Gehwegen oder Plätzen einzusetzen.

Was die App aber nicht leisten wird: die Straßenschäden zu beheben. Dafür muss die Stadt Gerlingen schon selbst sorgen.

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