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LektüreTipp

Soldatischer Ausritt zum Schiller-Haus

Der 9. Oktober 1924 bringt dem aus Ellwangen stammenden Kriegsfreiwilligen Eugen Miller Abwechslung vom täglichen Stalldienst in Ludwigsburg: „Vierspännig ausgeritten, ich als zweiter Stangenreiter (ablösender), von 8 bis 11.30 Uhr nach Benningen“, notiert er in sein Tagebuch.

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Als der Erste Weltkrieg ausbrach, diente der Winzerhäuser Bauernsohn Karl Braunbeck (links) in einem Ludwigsburger Infanterie-Regiment. Sein Bruder Gottlob hatte seinen Militärdienst bereits hinter sich, wurde mit der Mobilmachung sogleich eingezogen und kehrte zu einem Kavallerie-Regiment in Ludwigsburg zurück. Ehe die beiden Brüder auf getrennten Wegen an die Westfront abkommandiert wurden, ließen sie sich für ihre Eltern fotografieren. Sie kehrten unversehrt zurück. Das Bild stammt von Gerhard Braunbeck, Sohn von Karl Braunbeck.

Ludwigsburg. „Vor Benningen Geländeübung, Karten lesen. Wir sehen Großingersheim, Pleidelsheim, Murr etc. Auf der anderen Seite das Neckartal, links Marbach, oben rechts von dem an einem Bergrücken hingelagerten kleinen Oberamtsstädtchen das (neue) Schillermuseum, ein schöner, prächtiger Bau. Dann weitergeritten durch Benningen über die mittelalterliche Neckarbrücke am Neckar entlang, unter der großen Eisenbahnbrücke hindurch nach Marbach, bergauf an Schillers Geburtshaus vorbei. Zu Kriegs- und Deutschlands größter Zeit muss ich als Soldat Deutschlands größten Denkers und Freiheitsdrängers Geburtsstätte von schweren Kriegswagen aus sehen. Aber vorbei an der Kirche, kein Verweilen, die Zeit ist so ernst (…)“.

Am Schiller-Museum werden die Pferde gewechselt, dann kehren Miller und seine Kameraden „im Trab durch Neckarweihingen“ zum Stalldienst in ihre Ludwigsburger Kaserne zurück. In der zweiten Novemberhälfte steht Eugen Miller dann in der Etappe in Frankreich. Nach Kriegsende war er Filialeiter einer Bank und Direktor der Pferde- und Viehversicherung in Stuttgart.

Nachzulesen ist das und andere Auszüge aus bisher unveröffentlichten Kriegstagebüchern im Buch „Verborgene Chronik 1914“, das Lisbeth Exner und Herbert Kapfer aus Beständen des Deutschen Tagebucharchivs zusammengestellt haben. Dieser erste der auf drei Bände ausgelegten Edition führt auf 416 Seiten in die Gefühls- und Alltagswelt der Deutschen im ersten Kriegsjahr ein, ist bei Galiani erschienen und kostet 24,99 Euro. (pro)