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Sozialberatung: „Die Probleme spitzen sich zu“

Einsamkeit, Familienprobleme, Krankheit: Die Coronapandemie hat manche sozialen Probleme noch verstärkt. Die Mitarbeiterinnen der Lebens- und Sozialberatung beim Kreisdiakonieverband in Ludwigsburg hören in ihren Gesprächen Tag für Tag, was die Menschen bewegt.

Wer einen Termin bei der Sozial- und Lebensberatung möchte, muss sich wegen der Coronapandemie derzeit telefonisch anmelden. Symbolbild: Uli Deck/dpa
Wer einen Termin bei der Sozial- und Lebensberatung möchte, muss sich wegen der Coronapandemie derzeit telefonisch anmelden. Symbolbild: Uli Deck/dpa

Ludwigsburg. Für die Familie war es schon vor der Coronapandemie nicht einfach: der Vater psychisch krank. Mietschulden. Doch nun hat sich die Krise der Familie zugespitzt, berichten Bärbel Albrecht und Hannah Weith von der Lebens- und Sozialberatung des Kreisdiakonieverbands. Das Gas wurde bereits abgestellt wegen versäumten Zahlungen. „Jetzt wurde angedroht, dass auch der Strom abgestellt wird“, so Albrecht. Für die Familie ist das besonders schlimm, denn es gehören zwei Schulkinder dazu. Wie soll der Fernunterricht ohne Strom funktionieren? Die Frauen von der Lebens- und Sozialberatung bekommen in den Gesprächen derzeit genau mit, mit welchen Problemen die Anrufer während der Coronapandemie zu kämpfen haben.

Homeschooling bei Familien Thema

Oftmals geht es vor allem darum, zuzuhören und Möglichkeiten aufzuzeigen, wo es Hilfe gibt. Im Fall der Familie, die vielleicht bald keinen Strom mehr hat, suchten die Mitarbeiterinnen auch das Gespräch mit dem Energieanbieter. Eine Beobachtung, die sie dabei machen: Viele Stellen sind nicht mehr so großzügig wie zu Beginn der Pandemie.

Im vergangenen Frühjahr sei es eher vorgekommen, dass etwa Energieanbieter oder Vermieter ein Auge zugedrückt haben, wenn das Geld nicht so schnell kam wie erwartet. „Das hat jetzt angezogen, die Mahnungen gehen schnell raus“, sagt Bärbel Albrecht.

Normalerweise hat die Lebens- und Sozialberatung eine offene Sprechstunde in Ludwigsburg, zu der man ohne Anmeldung kommen kann. „Niederschwellig“ nennt man das im Fachjargon. Doch seit der Pandemie müssen sich Hilfesuchende telefonisch anmelden. „Wir haben gemerkt, dass das für manche eine Hürde ist“, so Albrecht.

Manche Fragen können am Telefon beantwortet werden. Doch das ist nicht immer möglich. Deshalb werden auch Termine im Gebäude des Kreisdiakonieverbands ausgemacht – in großen Büros mit Masken, Abstand und Plexiglasscheiben. „Wir haben einfach gemerkt: Einen Antrag für ArbeitslosengeldII kann man am Telefon schlecht ausfüllen“, erklärt Albrecht.

Wer Probleme hat, solche Anträge auszufüllen, kann sich an die Lebens- und Sozialberatung wenden. Die Mitarbeiterinnen helfen, das Behördendeutsch zu übersetzen. „Uns geht es aber darum, dass die Person es dann im nächsten Jahr selbst hinbekommt“, so Albrecht.

Homeschooling und Fernunterricht sei ein großes Thema für viele Familien, die sich bei der Lebens- und Sozialberatung melden. „Wie kann Homeschooling ohne technische Ausstattung funktionieren?“, so Hannah Weith. In vielen Familien müssten sich mehrere Kinder einen Laptop teilen, andere Kinder verfolgen den Online-Unterricht auf dem kleinen Bildschirm des Smartphones. Manche Familien haben nicht genug Zimmer, dort lernen alle nebeneinander am Küchentisch. „Das ist keine Atmosphäre, in der sich Kinder konzentrieren können“, so Weith. Dazu kommt noch, dass sich auch der Rest des Lebens in der Wohnung abspielt, da Hobbys und Sport, aber auch die Möglichkeit, sich mit Freunden draußen zu treffen, wegfallen. „Da liegen oft die Nerven blank“, berichtet Weith.

Doch nicht nur Familien wenden sich an die Beratungsstelle. Auch Alleinstehende und Ältere erzählen von ihren Problemen. Vor allem bei Älteren sei die Einsamkeit ein Begleitthema. „Eine Frau hat mir erzählt, dass ihr einziger Kontakt der Einkauf bei der Tafel ist“, so Bärbel Albrecht. Nur zum Plaudern würden wenige anrufen. Stattdessen würden sich viele wegen eines anderes Problems melden. Im Gespräch stelle sich dann heraus, dass der Anrufer auch einsam ist, so Weith. Die Gesundheit sei bei den Anrufen zum Beispiel ein großes Thema – auch bei Menschen mittleren Alters, die sowohl körperliche als auch seelische Krankheiten haben, so Albrecht. „Weil viele Gesundheitskosten privatisiert sind, ist das sehr teuer, wenn jemand mehrere Krankheiten hat“, sagt sie. Die Sozialarbeiterinnen betreiben dann viel Aufklärung, was beantragt werden kann, etwa ein Härtefallantrag bei der Krankenkasse.

Viele 450-Euro-Jobs weggefallen

Auch die Finanzen spielen bei den Anrufern eine Rolle. Bei vielen sind die 450-Euro-Jobs weggefallen, mit denen sich bisher auch Rentner zum Teil ihre Rente aufgestockt haben. „Viele Menschen müssen mit viel weniger Geld klarkommen“, so Albrecht. Gleichzeitig sind die Diakonieläden jedoch geschlossen, in denen es zum Beispiel preiswerte Kleidung und Haushaltsgeräte gibt. Inzwischen gibt es die Möglichkeit, sich am Schaufenster ein Produkt auszusuchen und sich dieses nach einer E-Mail-Bestellung abzuholen. „Wir versuchen, weiterhin zu helfen“, so Albrecht. Zum Beispiel als neulich eine Frau angerufen hatte, weil sie Kleidung für eine Trauerfeier benötigte. In diesem Fall habe eine Kollegin im Fundus nach passenden Kleidern gesucht, so Albrecht.

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